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Auf der Straße nach Süden (2): Eine 100-jährige Dame, die viel erlebt hat und nun feiern will

Marko Hofmann
Bethlehem-Gemeindehaus in der Südvorstadt.
Bethlehem-Gemeindehaus in der Südvorstadt.
Foto: Archiv Bethlehemgemeinde
Großes Jubiläum in der Südvorstadt. Eine alte Dame feiert ihr 100-jähriges. Als sie 1912 „geboren“ wurde, hatte sie prompt 14.000 „Anhänger“, heute würde man „Follower“ sagen, träumten das Deutsche Reich und der Kaiser noch von einem Weltreich. Jetzt ist sie froh, dass sie noch ein Zehntel der Anhänger hat, und da geht es ihr besser als so manchem „Partner“.

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Der Vorsitzende des Festtagskomittees der Bethlehemgemeinde, Peter Sundmann, über Gäste, Geschenke, „die alten Zeiten“ und auch über sich selbst.

An der Ecke Fockestraße/Kurt-Eisner-Straße steht zwar keine Kirche, aber trotzdem wird hier Gemeinschaft mit Gott gelebt und das seit 100 Jahren. Schon im März 1909 war den vier Pfarrern der Andreasgemeinde, die selbst aus einer Teilung des Gemeindegebiets der Peterskirche hervorging, die Arbeit für ihre rund 38.800 (!) Gemeindeglieder zu viel geworden. Eine neuerliche Teilung sollte her, die 1911 erlaubt wurde. Im Januar 1912 bekam die Bethlehemgemeinde, die so benannt wurde, weil ihre Gründung in die Weihnachtszeit fiel, ihren ersten Pfarrer. Seitdem hat sie ihren festen Platz in der Südvorstadt. Gerade ist sie ins Festjahr eingestiegen. L-IZ.de sprach mit dem Vorsitzenden des Festtagsausschusses …

Herr Sundermann, Sie haben zuletzt vier Bücher in Serie geschrieben, unter anderem „100 berühmte Sachsen“, warum findet man Sie nun am Schreibtisch einer Kirchgemeinde, die ein großes Jubiläum begeht?

Also, das war so: Die Gemeinde suchte für diese Stelle jemanden, der sich a) für Geschichte interessiert, b) schreiben kann und c) am besten noch aktives Mitglied der evangelischen Kirche ist. Ich hörte von der Stelle, bewarb mich einfach und bekam sie.

Seitdem sind Sie quasi der Festtagsbeauftragte …

Nein, meine Stelle hat einen viel schöneren Namen. Ich bin der Koordinator des Festausschusses zur 100-Jahr-Feier der Bethlehemgemeinde.

Das klingt nach viel Arbeit, wo fängt man an, wo hört man auf?

Ganz einfach: Man öffnet die Metallschränke in seinem Büro, die alle Akten der Gemeinde beinhalten und beginnt zu lesen: über das Gründungsjahr, über den Weg zur Gründung. So lernt man, wie die Gemeinde entstanden ist, macht sich Notizen, sucht sich Informationen aus dem „Drumherum“. Die alten Akten wurden erstmals komplett von vorn bis hinten an einem Stück durchgearbeitet.

Advent im Gemeindesaal der Bethlehem-Gemeinde.
Advent im Gemeindesaal der Bethlehem-Gemeinde.
Foto: Marko Hofmann

Aus exzessivem Aktenlesen wird aber noch kein vorzeigbares Festjahr.

Korrekt. Dann setzt man sich mit den Entscheidungsträgern in der Gemeinde zusammen und „kaspert“ einige Ideen aus, wie zum Beispiel das große Festkonzert in unserer Gemeinde am 6. Januar. Die Musik hat in unserer Gemeinde eine große Tradition, wir haben ehemalige Gemeindemusiker eingeladen, sich an diesem Konzert zu beteiligen. Gesungen wird das Weihnachtsoratorium, die Teile V und VI. In den 70er Jahren gab es in der Gemeinde zum ersten Mal einen Instrumentalkreis, deren Mitglieder ausnahmslos Berufsmusiker wurden. Einige musizieren noch heute im Gewandhausorchester oder im MDR-Sinfonieorchester.

Wird es neben dem Festtagskonzert noch andere Glanzlichter geben?

Gewiss. Die Festschrift zum Jubiläum ist bereits erschienen. Ich finde es schön, dass sie von vielen Autoren aus der Gemeinde erstellt wurde. Dasselbe wird für die bald erscheinende, circa 60 Minuten lange DVD gelten. Dafür wurden viele ehemalige Gemeindemitglieder besucht, die aus ihren Erinnerungen erzählt haben. Der älteste Interviewpartner ist jetzt 101 Jahre und 7 Monate. Zudem wird es am 8. Januar einen großen Festakt geben, der aus Platzgründen in der Peterskirche stattfinden wird. Pfarrer Sebastian Feydt, der Bethlehem 2007 verlassen hat und nun Pfarrer der Dresdner Frauenkirche ist, wird predigen.
Am 15./16. September 2012 werden wir einen Posaunengottesdienst mit ehemaligen Bläsern der Gemeinde veranstalten. Das älteste ehemalige Mitglied ist 86 Jahre alt.
Einige Gemeindeabende zu historischen Themen werden das Programm abrunden. Ich hoffe, dass ich auch noch eine Ausstellung mit Bildern und Dokumenten aus 100 Jahren Bethlehemgemeinde konzipieren kann.

Nehmen Sie in der Gemeinde eine Festtagseuphorie wahr?

Historische Aufnahme des Gemeindesaales.
Historische Aufnahme des Gemeindesaales.
Foto: Archiv Bethlehemgemeinde
Auf jeden Fall. Die Unterstützung und das Interesse innerhalb der Gemeinde sind sehr groß. Das habe ich deutlich bei den Zuarbeiten für die DVD und die Festschrift gemerkt. Da macht es wirklich Spaß.

Bei aller Euphorie: Gibt es auch Ideen, die nicht realisierbar sind?

Eigentlich nicht. Wir haben wahrscheinlich von vornherein zu realitätsnah gedacht (lacht).

Bei der Festschrift sind bei Ihnen die Fäden zusammengelaufen, Sie selbst haben einige Kapitel dazu beigetragen. Welche Episoden und/oder Fakten aus der Gemeinde waren für Sie besonders spannend?

Für mich war das eindeutig die Person des Pfarrers Seyfert, der 47 Jahre Pfarrer in der Gemeinde war und damit einen Rekord für Sachsen aufgestellt haben dürfte. Er war eine fast schon schillernde Figur. Außerdem war interessant, wie sich die Gemeinde in der Zeit des 3. Reichs verhalten hat.

Wie fällt Ihr Urteil diesbezüglich aus?

Ich sag’s mal so: Die Landeskirchen und der Pfarrer waren in ihrem Denken sehr flexibel und konnten sich dem neuen System jeweils gut anpassen. Dafür gibt es gute Hinweise. Einmal berichtete der Pfarrer in den 30er Jahren über ein Gemeindemitglied, dass dieses von „nationalsozialistischem Geiste“ sei, nach dem Krieg berichtete er über dieselbe Person, dass sie in jüdischen Geschäften einkauften, sich von einem jüdischen Arzt behandeln ließ und oft fremde Sender hörte. Da wurde dieses Gemeindeglied fast schon zum Widerstandskämpfer. Pfarrer Seyfert selbst stellte sich 1945 hin und sagte, er sei nur den Deutschen Christen beigetreten, um die Jugend vor radikalen Einflüssen zu schützen.

Das Gemeindehaus nach der Fertigstellung.
Das Gemeindehaus nach der Fertigstellung.
Foto: Archiv Bethlehemgemeinde
Übrigens ist die Entwicklung der Kirchenmusik in der Gemeinde ebenfalls spannend. In den 50er Jahren wurde die Kirchenmusik von der Andreasgemeinde selbstständig. Deren Kirche gab es auch gar nicht mehr. Der damalige Pfarrer in Bethlehem, Pfarrer Ebert, baute einen Posaunenchor auf, dessen Mitglieder interessanterweise später oft selbst Theologie studiert haben. Oft wurde aufgrund der Qualität des Posaunenchors der Gottesdienst aus der Bethlehemgemeinde im Hörfunk übertragen. Die Musiker spielten auch in Gottesdiensten in Nikolai oder Connewitz. Sogar der spätere Schauspieler Jürgen Zartmann war von 1953 bis 1958 Mitglied des Chores.

100 Jahre Bethlehemgemeinde – wann war die große Zeit?

Gemessen an den Mitgliederzahlen sicherlich die Anfangszeit. Damals gab es 14.000 Gemeindeglieder. Ansonsten gibt es aus meiner Sicht keine besondere Blütezeit, was jedoch auch damit zu tun hat, dass die Gemeinde nie ein deutliches Tief zu überstehen hatte. Egal wie schwierig die Zeit war, das besondere Gemeinschaftsgefühl hat die Christen hier durch alle Zeiten durchgebracht. Es war nicht immer ein Durchbringen ausschließlich durch Pfarrer und Kirchenvorstand, die Gemeinde ging immer Hand in Hand. Wenn es irgendwo etwas zu reparieren gab und das Geld knapp war, taten dies die Mitglieder der Gemeinde. In den letzten Kriegsjahren durften sie hier in den Kellern des Gemeindehauses die letzten Habseligkeiten aus ihren ausgebombten Wohnungen unterstellen. Nach dem Krieg gab es einen Großmütterchenkreis mit Frauen, deren Männer im Krieg geblieben waren. Dieser Kreis wurde wie jeder andere in das Gemeindeleben integriert. Ein Paradebeispiel für diesen Gemeinschaftssinn ist außerdem das, was unter Pfarrer Thielemann in den 80er Jahren eingeführt wurde und noch heute praktiziert wird: Nach dem Erntedankgottesdienst bringen die Gemeindeglieder ein paar Gaben zu den Alten, Kranken oder zu den Behinderten, die nicht mehr in die Kirche kommen können.

In 100 Jahren hat es nie zu einer Kirche gereicht. Noch heute finden die Gottesdienste im Gemeindesaal statt. Woran lag es?

Eine lange Geschichte: Das Grundstück für einen Kirchbau hatte die Gemeinde von der Stadt mit der Gründung geschenkt bekommen, obgleich die 2.500 m² der Gemeinde zu wenig waren, sodass noch Land zugekauft wurde. Die ersten Planungen gab es noch vor dem 1. Weltkrieg. Die Anwohner in der Fockestraße klagten damals bis zum obersten kaiserlichen Gericht, weil sie Angst hatten, ein Kirchenbau würde ihnen die Sonne aus ihren Zimmern stehlen. Das Gericht entschied aber, dass die Kirche gebaut werden darf. Mit dem Krieg verschwand auch das nötige Geld für diese 900 Mann fassende Kirche. In den 20er Jahren hat man dann wenigstens das Gemeindehaus und ein Wohnhaus gebaut. Das ging aber auch nur, weil die Stadt das in Zeiten der Wohnungsnot mit einem Förderprogramm unterstützte. In den 30er Jahren erhielt man keine Baugenehmigung mehr, weil die Fockestraße zentraler Zubringer zwischen Süden und Stadtmitte werden sollte. Bei dem erwarteten hohen Verkehrsaufkommen fürchtete man damals, dass die Kirchenbesucher gefährdet wären. Nach dem Krieg war wieder kein Geld da und in den 50er Jahren hat man es dann endgültig ad acta gelegt.

Heute ist man froh, dass es keine Kirche gibt. Der 1927 erbaute Gemeindesaal ist deshalb die feste Bleibe der Gemeinde. Früher war dieser noch mit allerhand Wandbildern geschmückt, die man in den 70er Jahren übermalte. Man fand den Raum zu dunkel. Als ich den Saal letztens einem ehemaligen Gemeindemitglied gezeigt habe, der ihn noch früheren Tagen kannte, hat der Mann geweint, weil die Bilder fehlten.

Eine letzte Frage: Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Gott?

Ganz einfach: Ich bin Diakon der evangelischen Kirche und seit einiger Zeit auch Prädikant.

www.bethlehem-leipzig.de


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