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Karnevalsauftakt in Leipzig: Im Rathaus sind die Narren los + Bildergalerie

Daniel Thalheim
Fasching in Leipzig - gar nicht so traditionell.
Fasching in Leipzig - gar nicht so traditionell.
Foto: Daniel Thalheim
Traditionsreich ist Karneval in Leipzig nicht so richtig. Die Schlüsselübergabe des Leipziger Oberbürgermeisters am heutigen 11. November an die Narren ist kein so alter Brauch, wie man gemeinläufig denkt. Kein Stadtoberhaupt wäre so närrisch, die Oberhand ein paar Narren zu überlassen, die vielleicht nichts Gutes im Schilde führen. Zumal bald die Ratsversammlung tagt. Aber Spaß macht's trotzdem.

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Rund 400 Narren und Närrinnen versammelten sich am Vormittag auf dem Augustusplatz. Sie wollten gemeinsam mit den schaulustigen Leipzigern die närrische Zeit einläuten. Dr. Christian Aegerter, Leiter des Hauptamtes, übergab um 11.11 Uhr den Rathausschlüssel an die Löwin Leila, alias Simone Blume, das Maskottchen der Leipziger Karnevalisten. Ein alter Brauch?

"Das Ritual der Schlüsselübergabe an die Narren scheint mir doch ein recht moderner Brauch zu sein. Ein mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Stadtrat hätte sich darauf sicher ebenso wenig eingelassen wie die macht- und repräsentationsbewussten Nachfolger im 19. und frühen 20. Jahrhundert", sagt Sebastian Kusche aus der Koordination Stadtgeschichte der Stadt Leipzig.

Er muss es wissen. Als geübter Historiker aus dem Lehrstuhl der Geschichte der Frühen Neuzeit hat er einen Pfund in diesem Bereich schon inne. Kusche: "Die These meiner Abschlussarbeit - worauf ja auch ein von mir durchgeführtes Übungsseminar vor Jahren beruhte - ist ja gerade, dass sich Obrigkeit und Narren eher skeptisch gegenüber standen. Der Rat versuchte, die seiner Meinung nach provozierenden, lauten, vulgären, letztlich die Ordnung und Sitten verderbenden Karnevalsbräuche zu verbieten und zu reglementieren."

Die Welt steht Kopf: Frühneuzeitliche Allegorie auf die 5. Jahreszeit.
Die Welt steht Kopf: Frühneuzeitliche Allegorie auf die 5. Jahreszeit.
Bild: agfnz.historikerverband.de
Nicht ohne Grund: "Die Mitglieder der 'Herrschaftselite' hatten - so meine These - anders als ihre Vorgänger im Mittelalter - durch die Zunahme akademisch gebildeter Ratsmitglieder und die kulturelle Prägung eines strengen Luthertums keinen Zugang mehr zu dieser Äußerung der Volkskultur und missdeuteten die Karnevalsbräuche deshalb als ordnungsgefährdend - obwohl gerade die kurzzeitige Außerkraftsetzung ja auch ordnungsstabilisierend wirken konnte - " Allerdings zitiert Kusche auch die Arbeit eines Teilnehmers seines 2004 erfolgten Seminars, worin am Beispiel des nahe bei Grenoble gelegenen französischen Romans-sur-Isère erklärt wird, dass der Karneval auch für einen Machtwechsel oder für einen Aufstand genutzt werden konnte.

Hierfür hat der französische Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie anhand eines närrischen Treibens dargestellt, wie eine 1579 erfolgte Revolte ihr blutiges Ende fand. Das braucht heute keiner mehr befürchten. Spaß und Vergnügen liegen den heutigen Menschen mehr. Damals ging es um die Religion, heute um die richtige Feier. Bevor so mancher Leipziger Student jetzt sagt: Stopp! Medi-Fasching und andere Veranstaltungen rund um den Karneval haben traditionelle Wurzeln, dann trifft es laut Sebastian Kusche nur bedingt zu.

"Spezifisch studentische Formen des Karnevals hat es nicht gegeben. Der Karneval war ein gesamtgesellschaftliches Phänomen - abgesehen von den 'intellektuellen Spielverderbern', zu denen die Studenten sicher nicht zählten. Lediglich die 'Zielpersonen' studentischer Karnevalsaktionen waren mit der universitären Obrigkeit andere als die der Handwerker und anderer städtischer Gruppen." Das sei kein Vergleich zu den derben Depositionsfeiern und üppigen Promotionsschmäusen.

Rheinisch-sächsische Frohnaturen haben bis Aschermittwoch das Sagen.
Rheinisch-sächsische Frohnaturen haben bis Aschermittwoch das Sagen.
Foto: Daniel Thalheim

"Leipzig ist im Mittelalter und am Beginn des 16. Jahrhundert noch ein ebenso traditioneller Ort der Fastnacht wie alle anderen deutschen/europäischen Städte auch. Das ändert sich erst im 16. Jahrhundert", weiß der geschichtskundige Koordinator für Leipziger Stadtgeschichte. "Zwar gibt es später noch immer den Karneval, aber dieser prägt auch in der 'fünften Jahreszeit' das Stadtbild nicht nachhaltig - andererseits ist fraglich, ob er das auch im frühneuzeitlichen Mainz oder Köln wirklich in dem Maße getan hat, wie man sich das fälschlicherweise manchmal vorstellt. Insofern ist Leipzig sicher dann auch kein traditioneller Karnevalsort mit einer spezifischen Ausprägung."

Außer auf die obligatorische und gar nicht so alte Schlüsselübergabe verweist Kusche auf andere Karnevalsrituale. Da gab es einst ein traditionelles Tanzvergnügen, das vom Rat der Stadt organisiert wurde und für die städtische Oberschicht gedacht war. In Leipzig fand die Feier im großen Tuchsaal im Rathaus statt, den die Leipziger als Gewandhaus kennen. "Für den Straßenkarneval, der ja mehr und mehr reglementiert wurde, ist die 'klassische' Spottprozession charakteristisch", so Kusche über die bekannteste Form des Faschings, bei der städtische und universitäre Herren in Leipzig der Lächerlichkeit preisgegeben wurden.

"Besondere lokale Karnevalstraditionen gab es - soweit ich dies sehe - jedoch nicht." Wer bei der Karnevalsprozession an eine Verhöhnung des bekannten katholischen, liturgischen Brauchs der Marienprozession oder Ähnliches denkt, liegt sicher auch nicht falsch. Im protestantischen Gebiet fiel das auch weg. Der Historiker Christoph Auffarth hat diesen Wandel in seinem Buch "Glaubensstreit und Gelächter: Reformation und Lachkultur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit" erzählt. In den katholischen Erzbistümern Mainz und Köln hielt sich der Prozessionsbrauch natürlich länger.

Nach der Schlüsselübergabe: Dr. Christian Aegerter und Leila-Faschingslöwin Simone Blume.
Nach der Schlüsselübergabe: Dr. Christian Aegerter und Leila-Faschingslöwin Simone Blume.
Foto: Daniel Thalheim

Kusche weiß aber auch: "Mitunter hat man sich aber Leipziger Spezialitäten, also andere Festbräuche des Jahreskreises in der Stadt, angeeignet - das war dann sicher meist parodistisch gemeint." Aber auch der studierte Historiker beißt in Leipzig schnell auf Granit, was an der dünnen Quellenlage liegt. Facettenreiche schriftliche Überlieferungen aus dem Mittelalter und der Frühneuzeit gibt es kaum dazu. Während heute wüste Partys gern in den Boulevardmedien und vielleicht Polizeiberichten ihren Niederschlag finden, wurden damalige Feste meist auch nur dann dokumentiert, wenn sie "polizeikundig" wurden.

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Waren die Leipziger ein griesgrämiges Völkchen? Auch nicht ganz, meint der Historiker: "Im Grunde wissen wir ja aber leider nur sehr wenig über das konkrete Karnevalsgeschehen. Ein Überlieferungsproblem, weil sich ja lediglich die von der Obrigkeit dokumentierten und als bedrohlich wahrgenommenen Auffälligkeiten wie lautes Umlaufen, Schmähschriften, -gedichte und -lieder, liederlicher Umgang der beiden Geschlechter miteinander, Tragen von Frauenkleidern durch Männer usw. in den Akten niedergeschlagen haben. Das war sicher nicht das ganze Bild des Karnevals in Leipzig."

Da ist dann aber auch noch das 19. Jahrhundert und frühe 20. Jahrhundert mit seiner ausgeprägten Vereinskultur. Karnevalsvereine gab es auch in Leipzig. Darauf fußt laut Kusche größtenteils das heutige Brauchtum. "Es kann - zumindest hier in Leipzig und in den lutherischen Gebieten Deutschlands - nicht ohne Weiteres in einer Kontinuität mit dem traditionellen 'alteuropäischen' Karneval gesehen werden. Manche Bräuche, wie eben die Schlüsselübergabe an die Narren - dürften noch sehr viel jüngeren Datums sein." Anders als vielleicht in Romans 1579, als einer der Rädelsführer sich im Bärenfellkostüm in die Ratsversammlung setzte, sie mit unflätigen Geräuschen und Äußerungen störte. Fakt ist aber auch, dass in der "fünften Jahreszeit" ein paar andere Gesetze gelten als sonst. Im Verborgenen geht es natürlich immer "heiß" her - auch ohne Fasching. Im Rathaus erst recht.

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