Von Plagwitz nach Plaußig: Das Leipziger Engagement der Familie Quandt
Gernot Borriss
16.12.2011
Gelände der Baumwollspinnerei.
Foto: Gernot Borriss
Leipzigs Comeback als Industriestadt ist vor allem mit der Automobilindustrie verbunden. Dieser Tage lief im BMW-Werk in Plaußig das einmillionstes Modell der Premiummarke vom Band. Das öffentliche Interesse war groß. Weit zurückhaltender agiert die BMW-Eignerfamilie Quandt. Für sie ist es übrigens nicht das erste Investment in der Messestadt.
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Der Automobilbau ist eine der Leitindustrien in Deutschland. In der Luxus- und Premiumklasse spielt seit einem guten Jahrzehnt auch die Messestadt mit. Das Investment erst von Porsche, dann von BMW stehen für das Comeback Leipzigs als Industriestadt.
Am Wohl und Wehe der deutschen Autobauer nimmt fast die ganze Nation Anteil. Die Hersteller wissen sich zumeist auch sehr gekonnt ins rechte öffentliche Licht zu setzen. So auch jüngst, als im Industriepark Nord der 1.000.000ste BMW „Made in Leipzig“ vom Band lief.
Im Gegensatz dazu bewegen sich die Besitzer der Karossenschmieden meist fernab der Öffentlichkeit. So befinden sich bei BMW nach derzeit gängigen Angaben 53,3 Prozent der Unternehmensanteile in Streubesitz. Demgegenüber hält der Unternehmer Stefan Quandt 17,4 Prozent der BMW-Aktien, seine Schwester Susanne Klatten 12,6 Prozent und beider Mutter Johanna Quandt 16,7 Prozent. Alle drei zählen damit zu den reichsten Menschen in Deutschland.
Die Ära Quandt begann bei BMW, nachdem Ende 1959 eine Übernahme durch einen Mitbewerber abgewehrt werden konnte. Verbunden ist sie mit dem Einstieg von Herbert Quandt (1910 – 1982), dem Ehemann von Johanna Quandt, bei dem damaligen Sanierungsfall.
Herbert Quandt lernte unternehmerisches Handeln und den Umgang mit Industriebeteiligungen faktisch von Kindes Beinen an. Sein Vater Günther Quandt (1881 – 1954) hatte es vom märkischen Tuchfabrikanten bis in „die deutsche Wirtschaftselite“, wie es der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck nennt, geschafft.
Gerade der Aufstieg Günther Quandts und seine Rolle während des Nationalsozialismus standen immer wieder in der Kritik. Als exemplarisch gilt Kritikern die Ermordung von Zwangsarbeitern, die im VARTA-Werk Hannover-Stöcken der Quandt-Gruppe ausgebeutet wurden.
Ein Teil der Spinnerei gehörte einst auch den Quandts.
Foto: Gernot Borriss
Günther Quandt saß von 1945 bis 1948 in den Westzonen in Haft. Anders als beispielsweise die Unternehmer Alfred Krupp und Friedrich Flick wurde er jedoch nicht als Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg angeklagt.
Nach den teils heftigen Reaktionen auf die 2007 ausgestrahlte Fernsehdokumentation „Das Schweigen der Quandts“ zu dieser Thematik reagierte die Familie. Sie öffnete Scholtyseck ihre Archive. Das Ergebnis der intensiven Recherchen legte der Zeithistoriker in diesem Jahr in seinem Buch „Der Aufstieg der Quandts. Eine deutsche Unternehmerdynastie“ (Verlag C.H.Beck) vor.
„Anders als in der Öffentlichkeit oftmals angenommen, resultierte der Reichtum der Familie Quandt nicht allein aus Geschäften in der Zeit des Nationalsozialismus und der Ausbeutung von Zwangsarbeitern“, lautet Scholtysecks Fazit, „der pekunäre Erfolg hatte vielmehr eine lange Vorgeschichte“.
Diese begann in Pritzwalk in der Prignitz in der Tuchfabrik Gebrüder Draeger, deren Standbein Lieferungen an Heer und Marine darstellten. Später kamen Investments in der Kali- und chemischen Industrie (Wintershall, Altana), bei Akkumulatoren und Batterien (AFA, später VARTA) sowie bei Waffenfabriken hinzu. Und noch später eben im Motoren- und Fahrzeugbau bei BMW.
Günther und Herbert Quandt hätten „die offenkundigen Widersprüche zwischen der Politik des NS-Regimes und den bisherigen Rechtsvorschriften und dem Ideal des ‚ehrbaren Kaufmanns’ erkennen müssen“, formuliert Scholtyseck in seinem Fazit, um dann Friedrich Nietzsche zu bemühen. Demnach vertrüge sich vieles Wissen und Gelernthaben nicht nur mit der Kultur, sondern auch mit deren Gegenteil, der Barbarei, hatte der Philosoph aus dem nahen Röcken bei Lützen einst gelehrt.
Daraus leitet Scholtyseck für die Geschichtswissenschaft die „fortwährende Aufgabe“ ab, „das Denken, die Verantwortung und die Versäumnisse der Unternehmer in 19. und 20. Jahrhundert nachzuzeichnen und zu bewerten“. Den Aufstieg der Familie Quandt nennt der Bonner Historiker „hierfür ein zum Nachdenken anregendes Beispiel“.
Quandt besaß Anteile an Plagwitzer Spinnerei
Joachim Scholtyseck: Der Aufstieg der Quandts.
Cover: C.H. Beck Verlag
Und dann findet sich im Opus zur Quandtschen Familiengeschichte noch ein Hinweis auf ein früheres Leipziger Investment. Seit 1928 hätte nach den Worten Günther Quandts eine „mittlere Beteiligung“ an der Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. AG mit Stammsitz in Leipzig-Plagwitz bestanden. Mit 3.500 Beschäftigten an allen Standorten sei es eines der „größten und bedeutendsten Unternehmen seiner Art“ gewesen, liest man bei Scholtyseck weiter. Zum größten deutschen Kammgarnspinnerei-Unternehmen avancierte es 1931. Am Ende hielt Quandt über ein Viertel der Anteile.
Paul Eduard Stöhr hatte das Unternehmen 1880 gegründet. Die Kammgarnspinnerei residierte zwischen der damaligen Elisabethallee, der heutigen Erich-Zeigner-Allee, und der Zschocherschen Straße. Vorstand bei Stöhr war seit 1923 der Leipziger Unternehmer Walter Cramer (1886 – 1944). Dieser fand den Weg in den konservativen Widerstand um den vormaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler. Wie Goerdeler und andere Aufrechte wurde Cramer von den Nazis hingerichtet.
Die Enteignung des Unternehmens Stöhr erfolgte 1946 nach dem vorangegangenen Volksentscheid in Sachsen. Als VEB Mitteldeutsche Kammgarnspinnerei, später VEB Buntgarnwerke, produzierte es bis zum Ende der DDR.
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Die Firma Stöhr hingegen produzierte von 1948 bis in die Gegenwart im niederrheinischen Rheydt-Odenkirchen, das heute zu Mönchengladbach gehört. Der langjährige Inhaber Georg Stöhr blieb bis ins hohe Alter Geschäftspartner von Günther Quandt. Zu Quandts 70. Geburtstag 1951 zählte Stöhr zu den geladenen Gästen.
From Cotton to Culture beschreibt die ehemals größte Spinnerei am Ort ihren Wandel zum Kreativstandort in Lindenau. Von Tuch und Garn zum Auto, so könnte man den Bogen zwischen den Investments der Familie Quandt schlagen. In der Messestadt erstreckt er sich von Plagwitz nach Plaußig.
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