Altenburger Lindenau-Museum: Experten rekonstruieren Renaissance-Hochaltar in 3-D
Daniel Thalheim
21.12.2011
Bild: www.leipzigschoolofdesign.de
Es gibt in Florenz eine Kirche, die "Basilica della Santissima Annunziata" heißt. Ihre Errichtung geht mit der Ordensgründung des "Ordo Servorum Mariae" 1233 einher - den Serviten. Lange haben die Menschen am Gotteshaus gebaut, bis es Ende des 15. Jahrhunderts fertiggestellt war. Teile des dortigen Hochaltars gelangten im 19. Jahrhundert in die Sammlung des Bernhard August von Lindenau nach Altenburg. Zwei Tafeln werden dort im Rahmen ihrer Restaurierung visuell veranschaulicht - dreidimensional.
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Wer war dieser Lindenau? Die Sammelleidenschaft des 1779 in Altenburg geborenen Juristen, Astronomen, Ministers und Mäzens schien unerschöpflich zu sein. Sein größter Verdienst war politischer und diplomatischer Natur. Nach der Auflösung des Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg 1826 war er mit der Neuschaffung desselben Herrschaftsgebietes bis zur Revolution 1848 Landtagspräsident in Altenburg.
Daneben war Lindenau seit 1827 Vertreter des Königreiches Sachsen auf dem Deutschen Bundestag in Frankfurt am Main. Mit der Gründung eines dritten Handelsvereins neben den beiden konkurrierenden Zollvereinen Preußen und Hessen-Darmstadt im Norden sowie Bayern und Württemberg im Süden, wollte Lindenau Sachsen einen Vorteil verschaffen. Das klappte nicht ganz. Letztlich traten die Sachsen dem preußischen Zollverein bei.
Experten veranschaulichen die Rekonstruktion eines italienischen Hochaltars für eine Sonderausstellung.
Bild: www.leipzigschoolofdesign.de
In Sachsen führte er eine Zwei-Kammer-Ständeversammlung ein. Lindenau war seit 1830 Vorsitzender des Gesamtministeriums und sächsischer Innenminister und konnte so weitere Reformen einführen. Historiker heben Lindenau somit auf eine Stufe wie die preußischen Reformer Karl Freiherr vom und zum Stein und Karl August Freiherr von Hardenberg. In der Sächsischen Biografie des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde steht auch geschrieben, dass Lindenau 1832 eine sächsische Städteordnung erließ, die sich an der preußischen Kommunalverfassung von 1808 orientierte. Außerdem wurde in dieser Zeit eine Landesrentenbank in Sachsen eingeführt und die so genannte Bauernbefreiung eingeleitet.
Perugino-Altar in 3-D-Ansicht der Leipzig School of Design.
Bild: www.leipzigschoolofdesign.de
Lindenau leitete auch mehrfach das sächsische Kultusministerium, organisierte die Königlich Sächsische Akademie der bildenden Künste neu und verschrieb sich in seinen letzten Lebensjahren der Kunst. Dazu reiste er nach Frankreich und Italien, sammelte, kaufte Gemälde und Gipsabgüsse antiker Statuen. Lindenau plante den Ausbau seiner Kunstsammlung zu einem Museum, was er auch testamentarisch verfügte. Die Fertigstellung des Altenburger Museums erlebte Lindenau nicht mehr. Nach ihm ist das Kunstmuseum benannt, das nun seine Kunstsammlung verwaltet.
180 Tafelbilder des 13. bis 16. Jahrhunderts, rund 200 der ungefähr 400 Stücke umfassenden Sammlung antiker Tongefäße aus dem siebten bis dritten vorchristlichen Jahrhundert, siebzig Abgüsse nach Plastiken, Reliefs und Relieffriesen und eine mehr als 2.000 Bände umfassende Kunstbibliothek umfasste Lindenaus Sammlung. Sie wurde nach dem 2. Weltkrieg um zahlreiche Gemälde aus dem 15. bis 19. Jahrhundert erweitert, danach noch um weitere Schwerpunkte aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Auf das Engagement des Museumsdirektors Hanns Conon von der Gabelentz (1892–1977) geht auch die umfangreiche Graphische Sammlung des Lindenau-Museums zurück.
Aus der Sammlung des Lindenau-Museums haben sich zwei Experten der Leipzig School Of Design für die Perugino-Sonderausstellung einen Hochaltar der italienischen Renaissance herausgepickt und ihn visuell rekonstruiert. "Veranschaulicht werden neueste Forschungsergebnisse zu Ikonographie, Form und den Raumbeziehungen der Verehrungsstätte. Anlass für die Rekonstruktion ist die Restaurierung von zwei Bildtafeln des italienischen Malers Perugino, die ursprünglich zum Altar gehörten und sich heute im Lindenau-Museum befinden", heißt es dieser Tage aus der Leipzig School of Media.
Rekonstruktionszeichnung des Perugino-Altars.
Bild: www.lindenau-museum.de
Die beiden Experten heißen Thomas Schneider und Tilman Kuhrt. Sie arbeiteten über mehrere Wochen an einer 3D-Visualierung und Zeichnungen für die Rekonstruktion des Hochaltars von" Santissima Annunziata", jener Ordenskirche der Serviten in Florenz aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Die beiden Bildtafeln des Raffael-Lehrers Perugino (um 1450 bis 1523) stammen von dort und bedurften einer Restaurierung. "Dank der Mitarbeit der LSOD sind die neuesten kunsthistorischen Forschungs- und Restaurierungsergebnisse des Lindenau-Museums Altenburg für die Öffentlichkeit bildlich nachvollziehbar“, freut sich die Kunsthistorikerin Dr. Wiebke Fastenrath Vinattieri, die intensiv zum Altar forschte und die Grundlagen für die Rekonstruktion erarbeitete. Denn nur so können laut Lindenau-Museum neue Aspekte von Ikonographie, Form und Raumbeziehungen der Verehrungsstätte in Florenz gezeigt werden.
Die in Florenz lebende Kunsthistorikerin Dr. Wiebke Fastenrath Vinattieri forschte lange zu dem Altar, an dem drei Künstler beteiligt waren. Auf ihre Arbeit soll auch die 3-D-Rekonstruktion zurückgehen. "Die Restaurierung der Tafeln durch den freiberuflichen Altenburger Diplom-Restaurator Johannes Schaefer brachte zusätzliche Erkenntnisse mit sich und unterstützte die kunsthistorische Forschung", heißt es vom Lindenau-Museum in Altenburg. Besucher können laut Museum anhand der 3-D-Rekonstruktion "die Schritte der Restaurierung, aber auch die Gestalt und die Ausmaße des Altars sowie sein Bildprogramm nachvollziehen".
Die visuelle Rekonstruktion des Altars ist noch bis zum 22. Januar 2012 in Altenburg zu sehen. Am 20. Januar veranstaltet das Lindenau-Museum ein wissenschaftliches Kolloquium zur Restaurierung der Altartafeln und zur Rekonstruktion des Hochaltars von Santissima Annunziata in Florenz. Im Zusammenhang mit der Ausstellung erscheint das "Bulletin Nr. 2, Frühe italienische Malerei im Lindenau-Museum Altenburg", das die Restaurierung dokumentiert und den neuesten Stand der kunsthistorischen Forschung vorstellt.
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