Vierer-Jubiläum 2012: 800 Jahre Stiftungsurkunde und ein paar historische Unschärfen
Ralf Julke
06.01.2012
Thomaskirche zu Leipzig.
Foto: Ralf Julke
"Der ewige Quengler", nennt er sich selbst: Otto Werner Förster, Verleger, Literaturhistoriker und freiberuflicher Schriftsteller. Mit der Geschichte der Leipziger Freimaurer hat er sich intensiv beschäftigt, mit Leipzigs Kulturköpfen und - damit verbunden - logischerweise auch mit den zugehörigen historischen Daten. Dem 20. März 1212 zum Beispiel.
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Das ist ein Datum, zu dem es naturgemäß nicht viele Urkunden gab, Zeitungsarchive erst recht nicht. Überliefert ist nur eine Urkunde. Die von Kaiser Otto IV. ausgestellte Urkunde, mit der Markgraf Dietrich von Meißen die Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes St. Thomas zu Leipzig bestätigt wurde. Eine Urkunde mit Folgen. Eine davon war der Leipziger Bürgeraufstand von 1215/16, der die Fertigstellung des Klosters - des "Monasteriums" - deutlich verzögerte. 1215 war vom Kirchenbau erst der Chor vollendet, das Stiftshaus des Klosters scheint erst 1220 fertig geworden zu sein.
Noch ein Grund dafür: Dietrich schaffte es über Jahre nicht, den Unmut der Leipziger zu besänftigen, die den Bau des Klosters innerhalb ihrer Stadtmauern als Eingriff in ihre städtische Selbstständigkeit betrachteten. 1217 schloss er mit der belagerten Stadt einen Vergleich, nutzte aber die nächstmögliche Gelegenheit, sich der Stadt militärisch wieder zu bemächtigen - und baute, ganz landesherrlich, drei Zwingburgen in die Stadt. Eine davon in fast direkter Nachbarschaft zum künftigen Thomaskloster - jene landesherrliche Burg, in deren Hofstube 1519 die berühmte Leipziger Disputation stattfinden sollte. Eigentlich alles Dinge, die in der von der LVZ produzierten Publikation "800 Jahre Thomana. Kirche Schule Chor" dargestellt oder angerissen sind.
Doch im Tagesgefecht gehen die Feinheiten meistens unter. Und das Gefecht begann für die geplagte Leipziger Druckzeitung am 2. Januar 2012. Seitdem wird getrommelt. Und Otto Werner Förster, der so gern noch eine ordentliche Papierzeitung lesen möchte, ist frustriert: "In den letzten Tagen wird pausenlos in der LVZ getrommelt für das angebliche Dreifachjubiläum Thomaskloster (Augustiner-Chorherrenstift), Thomasschule und Thomanerchor. Das ist zwar schön für die Stadt und die Einrichtungen, mir scheint aber, hier wird ein wenig geschummelt, Geschichtsverbiegung betrieben, um eben dieses Jubiläum zu haben. Man sollte wenigstens sagen, dass Dokumente fehlen, die eindeutig darauf hinweisen, dass man annimmt, dass es wahrscheinlich wäre usw. Nichts."
Zentrum der Jubiläen: die Thomaskirche zu Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Denn die Urkunde des Kaisers für Markgraf Dietrich von Meißen, aus nicht ganz unerheblichen Gründen eben auch "der Bedrängte" genannt, war eben nur die gnädige Erlaubnis. Finanzieren und bauen musste Dietrich dann aus eigener Tasche. Und die Folgeinstitutionen, die sich heute alle auf diese Stiftungsurkunde berufen, entstanden logischerweise erst dann, wenn die materiellen Bedingungen geschaffen waren und (auch logisch) die politische Ruhe wieder eingekehrt war.
Auf die Schwierigkeit, die Gründung jedes einzelnen Bausteins der "Thomana" historisch dingfest zu machen, geht auch Enno Bünz in seinem Beitrag "Schola Thomana - die älteste Schule Sachsens?" in "Schule in Leipzig" ein. Ein eindeutiger Beleg für die Existenz einer Schule am Thomaskloster liefert tatsächlich erst eine Urkunde vom 20. Februar 1254. Sie belegt, dass die Schulgründung irgendwann zwischen 1212 und 1254 geschehen sein muss, denn jetzt existiert ein "Schulmeister", der auch entsprechende Zuwendungen erhält. Dieselben Schwierigkeiten für eine konkrete Datierung gibt es auch für den Thomanerchor und das Hospiz St. Georg. Und dass die Kirche 1215 noch nicht fertig war, scheint ziemlich sicher.
Da sich mittelalterliche Urkunden nicht einfach vermehren, wird man die Abfolge wohl nie so richtig genau datieren können. Aber in journalistischen Texten sollte man diese Unschärfe zumindest regelmäßig erwähnen. Man kann nicht so tun, als wäre die Stiftungsurkunde auch zwangsläufig der Gründungsbeweis für alle Institutionen, die aus der Gründung des Klosters folgten.
Otto Werner Förster.
Foto: Ralf Julke
Otto Werner Förster: "Das halte ich für unlauter. Vielleicht aber finden sich doch ein paar völlig unbekannte Dokumente, könnte ja sein, da ein Stab von Leuten zur Zeit daran arbeitet. In den letzten Jahrhunderten allerdings ist nichts Neues gefunden worden … Vielleicht sind mir auch Überlieferungen entgangen. Aber man kann ja mal fragen."
Die Bestätigung der Stiftung durch Kaiser Otto IV. war dann freilich auch noch nicht die eigentliche Stiftung. Die erfolgte durch Markgraf Dietrich erst 1213. Denn eine Stiftung entsteht ja erst, wenn etwas gestiftet wird - Grund und Boden zum Beispiel und entsprechender Grundbesitz, aus dem sich das Kloster finanzieren kann. In diesem Fall zum Beispiel die Dörfer Baalsdorf, Probstheida und Ölschwitz, dazu mehrere Mühlen, Gehölze und die Einkünfte verschiedener Höfe. Die Augustiner-Chorherren sollten ja nicht darben.
Tatsächlich hat sich der Forschungsstand seit dem Beitrag von H. O. Zimmermann "Das Schulwesen der Stadt Leipzig" aus dem Jahr 1872 nicht wirklich wesentlich erweitert. Damals schrieb er - in Bezug auf das wohl 1220 fertiggestellte Stiftshaus: "Vielleicht zu derselben Zeit oder doch nur einige Jahre später riefen die Chorherren in ihrem Münster eine Schule ins Leben ..." Seitdem wurde nicht mehr wirklich viel zur Leipziger Schulgeschichte geforscht. Das geschieht tatsächlich erst wieder im Zusammenhang mit der Vorbereitung der neuen Leipziger Stadtgeschichte, die 2015 erscheinen soll.
Enno Bünz erläutert an den vorhandenen Quellen in seinem Beitrag recht anschaulich, wie die Dinge im Lauf der Zeit in den Urkunden sichtbar werden. Was auch den Entstehungsprozess der modernen Stadt deutlicher macht. Denn 1212 extra die Gründung einer Schule, eine Chores und eines Hospizes zu erwähnen, war gar nicht zeitgemäß. Das waren alles Dinge, die Teil des Klosterbetriebes waren und nicht bei jedem Kloster, das gegründet wurde, auch städtische Bedeutung erlangten. In Leipzig war das ein bisschen anders. Das ist das Besondere an der Sache. Und der 20. März ist nur der früheste ideelle Anknüpfungspunkt dafür. Die Absicht, der Stadt damit eine Schule, ein Krankenhaus oder gar einen berühmten Chor zu schenken, hatte Dietrich der Bedrängte freilich nicht. Für ihn war das eine Machtdemonstration - der er wenig später den Bau dreier Zwingburgen folgen ließ.
1221 übrigens starb Dietrich, gerade 58jährig. Und die Historiker vermuten, dass er nicht ganz freiwillig aus dem Leben schied, sondern vergiftet wurde. Unter anderem auf Betreiben der Leipziger, die ihm auch 1221 noch nicht verziehen hatten.
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