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Würdigung für ein NS-Opfer, das lange vergessen war: An Erich Köhn erinnert eine Erläuterungstafel

Gernot Borriss
Einweihung der Erläuterungstafel an der Erich-Köhn-Straße.
Einweihung der Erläuterungstafel an der Erich-Köhn-Straße.
Foto: Gernot Borriss
Seit 1950 gibt es in Lindenau eine Erich-Köhn-Straße. Die Lebensdaten des Kommunisten Erich Köhn (1896 – 1944) ruft jetzt eine Erläuterungstafel an der Kreuzung Erich-Köhn-Straße, Ecke Georg-Schwarz-Straße, in Erinnerung. Nur als Kämpfer gegen den Faschismus, wie es auf der Tafel heißt, war Sohn Erich Köhn mit der Ehrung seines Vaters einverstanden.

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Die Szenerie zur Einweihung der Tafel am Montag, 2. Januar, hatte etwas Ergreifendes. Ein Mann von fast 80 Jahren spricht in klaren Worten über seinen Vater, den er nur in seinen ersten beiden Lebensjahren erleben durfte. Der Ruheständler Erich Köhn, Jahrgang 1932, ist der erstgeborene Sohn des Fotografen Erich Köhn (1896 – 1944). Seit November 1950 trägt die vormalige Wettiner- und Albertinerstraße in Lindenau Köhns Namen.

Kämpfer gegen den Faschismus sei der Vater gewesen, unterstrich Köhn junior vehement. Nur unter dieser Bezeichnung habe er sein Einverständnis für das Anbringen einer Erinnerungstafel für seinen Vater gegeben, fügte er hinzu.

Damit sei erstmals die bislang verbindliche Terminologie der Leipziger Stadtverwaltung unterlaufen worden, erläutert mit Thomas Naumann, der örtliche Stadtbezirksrat der Linken und einer der Initiatoren der Ehrung, nicht ohne Genugtuung. Bislang hätte das Rathaus, mit dem über Tafeltexte Einvernehmen herzustellen ist, immer auf die Verwendung des Begriffes Nationalsozialismus bestanden.

Der Disput um diese beiden Begriffe ist für alle Beteiligten kein Streit um des Kaisers Bart, sondern eine politische und inhaltliche Grundsatzfrage, die vom Kern des eigenen Selbstverständnisses erzählt.

Darüber hinaus ist es Erich Köhn junior wichtig, die Leistung seiner Mutter Johanna herauszustellen. „Wenn ich an den Vater denke, muss ich an die Mutter denken“, sagt er zu den Gästen des Gedenkens. Die Frauen der Verhafteten hätten nach Ansicht von Erich Köhn junior die ganze Last getragen. Sie hätten die Familien durchgebracht, teils mit spärlicher Fürsorge, teils mit harter Arbeit.

Straßenschild Erich-Köhn-Straße mit Erläuterungstafel.
Straßenschild Erich-Köhn-Straße mit Erläuterungstafel.
Foto: Gernot Borriss

Im Jahre 1934 sei der Vater der erste Mal verhaftet worden, so Köhn weiter. Da sei die Mutter gerade mit dem jüngeren Bruder schwanger gewesen.

Dass Recht und Gesetz im Nazireich nichts bedeuteten, belegt auch das Schicksal der Familie Köhn. Nach Ablauf der Gefängnisstrafen des Vaters wegen „Aufrechterhaltung der KPD“, „Vorbereitung zum Hochverrat“ sowie wegen der Anfertigung und der Verbreitung von Flugblättern sei die Mutter amtlicherseits immer über die bevorstehende Haftentlassung ihres Mannes informiert worden. Doch Erich Köhns Vater kam nie zu Hause in der Barnecker Straße an, wie der nördliche Teil der heutigen Georg-Schwarz-Straße damals hieß. Er sei ein Unverbesserlicher, legten die braunen Machthaber fest und verschleppten Köhn schließlich im Juli 1938 ohne Urteil in das KZ Buchenwald in so genannte „Schutzhaft“.

Was gerade neu ankommende Häftlinge dort durchmachten, schildert Köhn junior am Beispiel der ersten Postkarte, die sein Vater aus Buchenwald schrieb. Die Formulierung „gesund und munter“ kam in dem zensorenkompatiblen Kartentext gut fünf Mal vor. Auch das Schriftbild des Vaters weicht nach Einschätzung von Köhns Sohn erheblich von der gewohnten Akkuratesse ab.

In der Neujahrsnacht 1944 kam Köhn im KZ Buchenwald zu Tode. Mit der Erläuterungstafel werde das „Andenken auch derer bewahrt, die lange vergessen worden sind“, so Erich Köhn junior abschließend.

Foto von Erich Köhn.
Foto von Erich Köhn.
Foto: Gernot Borriss
Der Sohn, ein gelernter Historiker, hat den Lebensweg des Vaters dokumentiert. Ulf-Peter Graslaub, Linken-Vorsitzender in Leipzig-Altwest, rief die Lebensstationen noch einmal in Erinnerung.

Geboren wurde der Namenspatron der Straße am 9. Dezember 1896 im oberschlesischen Falkenberg. Die Eltern Carl August und Martha Marie Köhn zogen mit den Kindern der Arbeit wegen 1913 in die Messestadt. Bei Foto Richter in der Merseburger Straße fand der gelernte Fotograf Carl Köhn eine Anstellung. Sohn Erich ging hier ab 1913 in die Lehre und erlernte den Beruf des Vaters.

Die politische Sozialisation erlebte die Familie in der Vorkriegssozialdemokratie des Kaiserreichs. Für den Vater bedeutete diese in der Zeit des Sozialistengesetzes 1878 – 1890 Benachteiligungen bei der Arbeitssuche. Sohn Erich hingegen folgte 1916 dem Einberufungsbefehl in die kaiserliche Armee. Er überlebte das Massensterben von Verdun. Seine Vorgesetzten verliehen ihm militärische Tapferkeitsauszeichnungen.

Nach seiner Rückkehr nach Leipzig Ende 1918 trat Köhn der USPD bei. Die Partei war 1917 aus Protest gegen die Kriegsunterstützung durch die SPD entstanden. In der Messestadt hatte sie eine ihrer Hochburgen, denn hier schloss sich die große Mehrheit der Sozialdemokratie der Neugründung an.

Erich Köhn junior bei der Einweihung der Tafel.
Erich Köhn junior bei der Einweihung der Tafel.
Foto: Gernot Borriss
Doch anders als die Mehrheit des Leipziger Parteibezirks fand Köhn nach dem Ende der UPSD als Massenpartei 1920 nicht zur SPD zurück, sondern wandte sich der KPD zu. „Er wurde Leiter der konspirativen Abteilung, dem Nachrichtenapparat der KPD“, wie Graslaub berichtete. Gegner des politischen Aktivisten waren in den Krisenjahren der Weimarer Republik die Reichswehr und Polizei. „Häufige Wohnungswechsel und Hausdurchsuchungen waren die Konsequenz“, so Graslaub weiter.

Die revolutionäre Überwindung der Republik von Weimar war Programmpunkt der damaligen KPD. Entsprach es der aktuellen Strategie der Partei, wurde dieser Programmpunkt in den unruhigen Jahren der Republik auch aktivistisch vorbereitet.

Im Jahre 1924 wurde Köhn wegen des Verstoßes gegen das damalige KPD-Verbot zu einer kurzzeitigen Gefängnisstrafe verurteilt, erinnerte Graslaub weiter. Im Frühsommer 1931 folgte eine mehrwöchige Untersuchungshaft wegen „Verdachts der Zersetzung und des Hochverrats“.

Der gelernte Fotograf Köhn arbeitete 1929 bis 1930 als Werkzeugschleifer in der Firma Unruh & Liebig, einem Vorgängerunternehmen der heutigen Kirow Ardelt Gmbh in Neulindenau, und wirkte dort als Betriebszellenleiter der KPD. Im Anschluss war er politischer Leiter der KPD in Leipzig-Leutzsch. Am 23. April 1934 wurde Erich Köhn in der damaligen Barnecker Straße 22, der heutigen Georg-Schwarz- Straße 176, verhaftet.

Im KZ Buchenwald arbeitete Köhn im „Sonderkommando Fotoabteilung“. Dieses hatte Fotoarbeiten für die SS-Wachmannschaften zu erledigen. „Unter Ausnutzung seiner Tätigkeit konnte er Hinrichtungen und Auspeitschungen von Häftlingen fotografieren“, so Ulf-Peter Graslaub, „nachdem er von der SS entdeckt wurde, sperrte man Erich Köhn in den Arrestbau, den Bunker.“ Anfang 1944 erhielt seine Witwe die Todesnachricht von der Gestapo.


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