Frauen-KZ Schönau: Neue Erkenntnisse zum Mädchen Suranyi und weitere Unterstützer für einen Gedenkort
Gernot Borriss
26.01.2012
Parkallee in Schönau - einstiger Standort des KZ.
Foto: Gernot Borriss
Mit dem Mädchen Suranyi ruht auf dem Leipziger Ostfriedhof ein Opfer der NS-Judenverfolgung. Anhand der Akten des Internationalen Suchdienstes ITS lässt sich nun die Verfolgungsgeschichte seiner Mutter dokumentieren. Eva Suranyi war Häftling im Frauen-KZ Schönau. Ein Erinnern an den Ort in der heutigen Parkallee findet weitere Unterstützer.
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Das demokratische Deutschland gedenkt in diesen Tagen der unmenschlichsten Seite der Geschichte des Landes. Am 20. Januar 1942 kamen in einer Villa am Berliner Wannsee Behördenvertreter zusammen, um die logistischen und technischen Fragen der vollständigen physischen Vernichtung der europäischen Juden zu regeln.
Gut drei Jahre später, am 27. Januar 1945, befreiten Einheiten der Roten Armee mit dem Konzentrationslager Auschwitz die größte der Todesfabriken. Deshalb ist dieser Tag in der Bundesrepublik der offizielle Gedenktag für die NS-Opfer.
Bei der millionenfachen Zahl der Opfer und der unvorstellbaren Dimension des Verbrechens treten die Einzelschicksale oft in den Hintergrund. Doch um der Würde der Opfer Willen sollte das Erinnern, soweit es geht, auch individuell sein.
Die Grabstätte mit der Urne des jüdischen Kindes Suranyi, Vorname unbekannt, befindet sich auf dem Ostfriedhof Leipzig, Verlängerte Oststraße 119, in der Abteilung X, Gruppe 10, Reihe M, Grab 3. So bestätigte es Dr. Günter Schmidt, Leiter der Arbeitsgruppe Gedenk- und Totenbuch der Leipziger Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945, in diesen Tagen nochmals gegenüber L-IZ. Das Mädchen wurde am 11. Januar 1945 tot im KZ-Außenlager in der heutigen Grünauer Parkallee geboren.
Haftgründe: Politisch – Ungarisch - Jüdin
„Politisch – Ungarisch – Jüdin“, das waren die Haftgründe ihrer Mutter, Eva Suranyi geb. Lazar. So steht es in den NS-Dokumenten, die sich beim Internationalen Suchdienst ITS im nordhessischen Arolsen befinden.
„Der Verfolgungsweg der Mutter ist gut belegt“, erklärte Kathrin Flor auf L-IZ-Anfrage. „Frau Suranyi hat einen Entschädigungsantrag gestellt, in dem sie auch selbst ihr Verfolgungsschicksal nochmal angibt“, so die ITS-Pressesprecherin weiter.
Das ist die gute Nachricht: Eva Suranyi hat Shoa und Weltkrieg überlebt. Aus den Unterlagen, die der ITS dankenswerterweise der L-IZ zur Verfügung stellte, geht hervor: Im Jahre 1960 konnte sie mir ihrem Ehemann Zoltan und Tochter Noemi von Rumänien aus nach Israel auswandern. Dort baute sie sich als Chava Suranyi in Beer Schewa ein neues Leben auf. Einen Antrag auf Entschädigung an die Bundesrepublik stellte sie im Jahre 1966.
Eva Suranyi wurde am 19. April 1920 in Budapest geboren. Als Berufe sind Kosmetikerin und Schneiderin in den KZ-Häftlingsakten vermerkt. Als Vorbildung wird Gymnasium angegeben. Mit ungarisch, rumänisch und französisch sprach die junge Frau drei Sprachen.
Von staatsbürgerlicher Gleichstellung waren die Juden in Horthy-Ungarn weit entfernt. Doch die Judenverfolgung mit dem Ziel der physischen Vernichtung setzte in Ungarn erst im Frühjahr 1944 nach dem Amtsantritt einer NS-Satellitenregierung ein.
Eva Suranyi wurde am 3. April 1944 im südungarischen Decs verhaftet. Von da an hatte sie nach den bestätigten Angaben auf dem Entschädigungsantrag im Ghetto Decs zu wohnen.
Die Häftlingskarte von Eva Suranyi.
Foto: Gernot Borriss
In den Häftlingsunterlagen wurde als Tag der ersten Einweisung in das KZ-System der 4. Juni 1944 festgehalten. Einweisende Dienststelle war die ungarische Polizei. Am 7. Juni 1944 erfolgte nach Entschädigungsantrag Evas Deportation nach Auschwitz, wo sie drei Wochen inhaftiert war. Von dort führte sie ihr Leidensweg nach Riga-Kaiserwald.
Von der Sicherheitspolizei Riga wurde Eva Suranyi am 9. August 1944 in das Konzentrationslager Stutthof in der Nähe von Danzig eingeliefert. Sie selbst sprach in ihrem Antrag von einem Fußmarsch durch Lettland.
Eva Häftlingsunterlagen enthalten auch einen Hinweis auf den nächsten, zu benachrichtigenden Angehörigen: Dort ist Eva Vater Jozsef Suranyi vermerkt, Aufenthaltsort „KL Au“, also KZ Auschwitz.
Evas Name findet sich unter den 500 Frauen, die lauf Transportliste am 16. August 1944 von Stutthof aus auf den Weg in das Arbeitslager Leipzig-Schönau geschickt wurden. Das Lager unterstand dem Konzentrationslager Buchenwald. Die dort inhaftierten Frauen arbeiteten in den ATG-Werken an der Schönauer Straße 101, Postamtsbezirk Leipzig W 32. Dort wurden Flugzeuge für die deutsche Luftwaffe hergestellt.
Blick über die Gleise der Straßenbahn zur Parkallee in Schönau.
Foto: Gernot Borriss
Nach den Leipziger Unterlagen entband Eva Suranyi am 11. Januar 1945 in Leipzig ein Mädchen. Am 19. Februar 1945 wurde Eva Suranyi zum Kommando Plömnitz des KZ Buchenwald überstellt.
Die Eintragungen „April 1945 Fussmarsch“ und „Befreiung 24.4.45 in Wurzen“ finden sich auf dem Entschädigungsantrag von Eva Suranyi. Sie hatte die letzten Kriegswirren und die berüchtigten Todesmärsche der KZ-Häftlinge überlebt.
Den ITS vorliegenden Unterlagen zufolge sei Eva im Mai 1945 in Altenberg/Sachsen und im Juni 1945 noch einmal in Wurzen gewesen. Ihr Name findet sich dann auf einer "List of the deportees who returned to Cluj from the German camps of deportation" vom Juli 1945. Mit der Ankunft im siebenbürgischen Cluj in Rumänien war sie in die Nähe ihrer alten Heimat zurückgekehrt.
Weitere Unterstützung für Gedenken an Opfer des Frauen-KZ
Während dessen nimmt die Unterstützung für eine Gedenktafel in Grünau für das ehemalige Frauen-KZ zu. Uwe Walther engagiert sich im Quartiersrat und im Stadtbezirksbeirat für seinen Stadtteil. Bereits 2007 wollte er gemeinsam mit anderen die Erinnerungsarbeit an die Frauen im ehemaligen Lager Lindenallee anstoßen. Mit dabei waren auch engagierte Fußball-Fans von der Initiative „Bunte Kurve“.
„Jetzt wollen wir das Erinnern gemeinsam mit dem Club der Nachdenklichen und allen interessierten Grünauern angehen“, erklärt Walther nach einem Gespräch mit Martin Malzahn vom Club der Nachdenklichen. Der Club setzt sich für eine Gedenktafel für die Opfer des Frauen-KZ ein. Walther plädiert dabei weiter für die Initiierung von Geschichtsprojekten an den benachbarten Schulen.
Für die Grabstätte des Mädchen Suranyi auf dem Ostfriedhof hat Günter Schmidt den folgenden Vorschlag. Der Kennzeichnung der Grabstätten im entsprechenden Bereich folgend, käme hier die Aufstellung einer Bronzestele in Frage, sagt er zur L-IZ. Auf der Stele könnten dann alle in der Grabreihe bestatteten beziehungsweise beigesetzten Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft verzeichnet sein, so Schmidt weiter.
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