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Broadway-Gangster und Reichsmeckerstadt: Historiker Alexander Lange erzählt über die "Leipziger Meuten"

Daniel Thalheim
Sascha Lange.
Sascha Lange.
Foto: Gernot Borriss
Opposition im Dritten Reich? Gar noch in Leipzig? Das ist ein Thema, das so mancher Leipziger vielleicht nur von Erzählungen der eigenen Großeltern kennt. Historiker Alexander Lange nahm sich des Themas "Leipziger Meuten" an und schildert im L-IZ-Interview, um was es sich bei den "Leipziger Meuten" handelte.

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Sie randalierten, pöbelten und schlugen zu. Gegen rechts, mitten im Dritten Reich. Wie konnte das passieren, Herr Lange?

Also zunächst waren die Leipziger Meuten ganz normale Jugendcliquen, wie man sie heutzutage überall antreffen könnte. Viele Arbeiterjugendliche in Leipzig hatten Mitte der 30er Jahre aus den unterschiedlichsten Gründen eine ablehnende Haltung gegen die Hitlerjugend und den NS-Staat. Meistens lag das daran, dass sie aus sozialdemokratischen oder kommunistischen Familien kamen. Aber auch einige Leipziger HJ-Mitglieder hatten Ende der 30er Jahre erkannt, dass es attraktiver ist, mit den Kumpels aus dem Wohngebiet abzuhängen, statt marschieren zu üben. Diese Freiräume auf öffentlichen Plätzen und Straßen hatten diese Gruppen dann auch teilweise militant gegen die HJ verteidigt. Aber man kann die Meuten jetzt nicht mit „großstädtigem Rowdytum“ vergleichen.

Wieso hatten Jugendliche kein Bock auf Nazi sein?

Weil die Nationalsozialisten 1933 die vielfältige Jugendgruppenlandschaft in Leipzig und ganz Deutschland zerschlagen hatten. Viele Jugendgruppen - sowohl im Arbeitermilieu als auch bei der bürgerlichen bündischen Jugend – sind ja über Jahre hinweg zu sozialen Bezugsgruppen zusammengewachsen. Da war die erzwungene Organiserung in einer strikt nach Geschlechtern getrennten Staatsjugend für pubertierende Teenager wenig attraktiv. Hinzu kamen die politischen Wurzeln in der SPD und KPD.

Plakat für die Ausstellung "Leipziger Meuten".
Plakat für die Ausstellung "Leipziger Meuten".
Quelle: Stadt Leipzig
Warum wurde die Leipziger Jugendopposition vergessen?

Nach Kriegsende war zunächst der Widerstandsbegriff sehr eng gefasst. In der BRD wurde bis in die 60er Jahre nur Stauffenberg und die weiße Rose als Widerstand verstanden, in der DDR hingegen nur die illegale KPD. Für Jugendcliquen war da kein Platz. Ab Anfang der 80er Jahre wurde in der BRD verstärkt Sozialgeschichte erforscht und Jugendgruppen wie die Edelweißpiraten, Swingjugend und die Leipziger Meuten untersucht. In der DDR gab es Ende der 80er Jahre erste Forschungen zu den Meuten. Dennoch sind sie bislang in Leipzig keinem breiten Publikum zugänglich gemacht worden.

Im Vorgespräch sagten Sie schon, dass die "Leipziger Meuten" nicht der "Bündischen Jugend" zugehörig waren, sich aber als Teil davon sahen. Warum?

Stimmt. Die Jugendlichen, die in der "Bündischen Jugend" der Weimarer Zeit organisiert waren, entstammten bürgerlichen Elternhäusern. In Leipzig hatte man es vorwiegend mit Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu zu tun. Die Leipziger Meuten haben um 1937 von der HJ die Bezeichnung „Bündische Jugend“ bekommen, da die HJ dachte, die Meuten würden dazugehören. Und somit wurde der Name einfach übernommen. Aber personell und auch kulturell haben die Meuten eigentlich nichts mit der Bündischen Jugend der 20er Jahre zu tun.

Mit den Edelweißpiraten, der Weißen Rose und der Swing-Jugend gab es weitere oppositionell orientierte Jugend- und Studentengruppen, gar eine Widerstandsgruppe im Dritten Reich. Wird der Widerstand gegen die Nazis in Deutschland nach wie vor in der Mainstream-Geschichtsforschung unterschätzt?

Also die Geschichtswissenschaft kennt die vielfältigen Handlungen zwischen Resistenz, Opposition und Widerstand aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen spätestens seit den 80er Jahren in Deutschland recht genau. Dennoch existieren lokal- und regionalgeschichtlich große Forschungslücken. Solche Gruppen wie die Leipziger Meuten gab es in vielen deutschen Großstädten, z.B. auch in Dresden und Erfurt. Aber dies ist noch weitgehend unbekannt. Das Problem ist außerdem, dass man dieses Thema gerade für das Fernsehen schlecht umsetzen kann, da es von den Gruppen nur wenige Fotos und keine Filmaufnahmen gibt. Darum ist es einfacher, über Hitlers Schäferhunde eine Dokumentation zu machen.

"Die Leipziger Meuten" also ein reines Jugendphänomen? Wie sah es bei den Erwachsenen in Leipzig aus?

Jugendliche sind generell risikobereiter, da sie noch keine Verantwortung übernehmen müssen, im Gegensatz zu Erwachsenen mit Kindern. Aber es gab auch unter Erwachsenen in Leipzig eine ganze Anzahl an Widerstandsgruppen, vor allem aus dem kommunistischen Milieu.

Wie waren die "Meuten" organisiert?

Eigentlich gar nicht. Das lief alles völlig zwanglos ab. Freunde aus der Schulzeit, politischen Kindergruppen vor 1933 oder von der Arbeit trafen sich nach Feierabend und an den Wochenenden an bestimmten Plätzen im Wohngebiet und verbrachten ihre Freizeit zusammen. Im Sommer fuhr man baden oder zelten.

Welche Aktionen fanden in Leipzig konkret statt?

Um den Einfluss der HJ zurückzudrängen, wurden Handzettel hergestellt mit Parolen wie „HJ verrecke!“ Außerdem gab es Überfälle auf HJ-Heime und auch Hitlerjungen auf der Straße wurden angegriffen. Das hatte zunächst wirklich Erfolg.

Wie wurde das alles strafrechtlich geahndet?

Ab 1938 ermittelte die Gestapo intensiv gegen die Meuten. Es gab Anklagen wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Neubildung von Parteien“. Die Schlägereien mit der HJ waren komischerweise kaum Verhandlungsgegenstand bei den Prozessen.

Warum brachen die Aktionen der "Leipziger Meuten" 1939 ab?

Im Sommer 1939 war ein Großteil der aktiven Mitglieder in Untersuchungshaft. Andere wurden ab Herbst zur Wehrmacht eingezogen.

Gab es Nachfolger?

Ja. Ab 1942 und 1943 tauchte die nächste Generation auf. Der "Meuten"-Begriff wurde teilweise beibehalten, oder es gab Cliquen wie die "Broadway-Gangster", die sich an der Swing-Jugend orientierten. Sie wurden auf ähnliche Weise gegen die HJ aktiv, wie die Meuten der späten 30er Jahre in Leipzig.

Ihr neues Buch soll das Thema dokumentarisch erfassen und zur Leipziger Buchmesse erscheinen. Was werden Leser genau lesen oder sehen können?

Das Buch heißt „Die Leipziger Meuten. Jugendopposition im Nationalsozialismus “ und ist eine Sammlung von Interviews, Erinnerungsberichten, Auszügen aus NS-Akten, Fotos und begleitenden Texten. Im Gegensatz zu meiner 2010 veröffentlichten Dissertation „Meuten – Broadway-Cliquen – Junge Garde. Leipziger Jugendgruppen im Dritten Reich“ soll diese Dokumentensammlung den interessierten Lesern selber die Möglichkeit geben, sich auf Spurensuche zu begeben. Und es wird entschieden preiswerter sein als die Dissertation, denn ich hoffe, dass möglichst viele Jugendliche die Geschichte der ersten Jugendsubkultur in Leipzig entdecken.

Wir bleiben gespannt. Vielen Dank für das Interview, Herr Lange.


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