21 neue Stolpersteine bringen Licht in das Dunkel von Porajmos und Holocaust
Gernot Borriss
06.11.2012
Stolpersteine für die Familie Laubinger.
Foto: Erich-Zeigner-Haus e.V.
„Das große Leid der von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Sinti und Roma ist noch immer zu wenig im öffentlichen Bewusstsein verankert“, findet die Leipzigerin Sabine von Schorlemer. Gemeinsam mit anderen unterstützt sie die Verlegung von Stolpersteine zur Erinnerung an die Leipziger Sinti-Familie Laubinger. Die Steine wurden am Montag verlegt.
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Das Wort Porajmos hat eine deutsche Entsprechung. Es heißt „das Verschlingen“ und steht in der Sprache der Sinti und Roma für die systematische Ermordung der Angehörigen dieses Volkes während der NS-Herrschaft. Seit dem 24. Oktober 2012 erinnert im Berliner Tiergarten, in Sichtweite des Reichtagsgebäudes, ein Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas an den Porajmos.
Was „systematische Ermordung“ heißt, ist seit dem Montag dieser Woche in Leipzig im Ranstädter Steinweg erfassbar. Nunmehr sind es 14 Stolpersteine, die an die im KZ-Staat ermordeten Angehörigen der Sinti-Familie Laubinger erinnern.
Stolpersteine für die Eltern Karl Laubinger, 1885 in Delitzsch geboren, und Anna Hedwig Laubinger, Jahrgang 1890, wurden bereits 2010 am ehemaligen Naundörfchen 8 verlegt. Beide waren deutsche Staatsbürger, beide römisch-katholischen Glaubens. Karl Laubinger kam 1940 im KZ Sachsenhausen zu Tode, Anna Laubinger nach Jahren der KZ-Haft und Zwangsarbeit im Frühjahr 1945 in Bergen-Belsen.
Zehn der zwölf neuen Stolpersteine sind fünf ermordeten Kindern und fünf ermordeten Enkeln der Familie gewidmet. Es sind dies die Kinder Wilhelm Heinrich (getötet im Alter von 27 Jahren), Ludwig (25), Anna (22), Willy (18) und Artur Laubinger (15) sowie die Enkel Sonja Erika Petermann (11), Manfred Petermann (8), Peter Laubinger (5), Erika Laubinger (3) und Monika Laubinger (1½ ). Die Geschwister Vio und Fichta Laubinger, beide Jahrgang 1912, überlebten den Porajmos. Auch für sie beide wurde ein Stolperstein verlegt.
Gunter Demnig beim Verlegen der Steine.
Foto: Erich-Zeigner-Haus e.V.
Wer nicht zur deutschen Herrenrasse gezählt wurde, verlor im NS-Staat erst seine Bürgerrechte, dann seine Freiheit und schließlich in Millionen von Fällen auch sein Leben. Sinti und Roma wurden wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit verfolgt. Zudem galten sie den Machthabern als „geborene Asoziale“.
Die Lebensdaten der Angehörigen der Familie Laubinger trugen junge evangelische Christen aus Leipzig zusammen. Als Paten finanzierten der Erich-Zeigner-Haus-Verein und Sabine von Schorlemer die Verlegung dieser zehn Steine.
Sabine von Schorlemer: Stolpersteine sind Denkanstöße und Erinnerungsorte
"Es ist ein schönes Gefühl, dass wir unser Ziel mit der Finanzierung aller Stolpersteine erreichen konnten“, sagt Henry Levkowitz zur Verlegung der Stolpersteine. Er leitet das Stolpersteinprojekt des Erich-Zeigner-Haus-Verein. Dabei hebt er hervor, „dass soviel Leipziger Bürger, darunter auch Prominente wie die Wissenschaftsministerin Frau Professor von Schorlemmer, der Landtagsabgeordnete der Linken Dr. Volker Külow, oder der Künstler Michael Fischer-Art sowie viele weitere Leipziger Bürgerinnen und Bürger zur Erreichung des Ziels beigetragen haben.“
Letzter frei gewählter Wohnsitz von Ida Jetty Lotrowsky - Josephstraße 7
Foto: Gernot Borriss
„Um die Geschichte weiterer Betroffener aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen“, wirbt der Verein Archiv Bürgerbewegung um weitere Paten. Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. könnten das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld - 120 Euro pro Stein – spenden.
Frank Kimmerle, Vorsitzender des Erich-Zeigner-Haus e.V. ist stolz auf das Engagement der Jugendlichen von der Mittelschule am Adler. Sie sammelten bei Spender das Geld für die Aktion.. „Wie das Projekt heißt, ist es gelungen "Etwas Licht ins Dunkel des Holocaust" zu bringen“, so Kimmerle weiter. Die Arbeit gehe weiter, weitere Schulen könnten sich an dem Projekt beteiligen. „Ein Traum von mir ist, dass irgendwann alle Opfer des Faschismus in Leipzig einen Stolperstein bekommen, und damit ein Beitrag gegen jede Form von Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus geleistet werden kann", blickt Kimmerle voraus.
"Das große Leid der von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Sinti und Roma ist noch immer zu wenig im öffentlichen Bewusstsein verankert“, sagt Sabine von Schorlemer, die hier nicht als Amtsperson spricht. Bei einem Besuch im Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. erfuhr sie von der Familiengeschichte von Karl und Anna Hedwig Laubinger. „Sie wurden aus rassistischen Gründen kriminalisiert, gedemütigt und verhaftet“, berichtet Schorlemer, „die Familie mit sieben Kindern und Enkelkindern wurde in verschiedenen Konzentrationslagern ermordet.“
„Wir müssen uns diese Verbrechen immer wieder bewusst machen“, findet Schorlemer. Stolpersteine nennt die Völkerrechtlerin „gelungene Denkanstöße und Erinnerungsorte zugleich, sie können jedem immer und überall begegnen und konfrontieren uns eindringlich und zugleich unaufdringlich mit diesem schrecklichen Teil unserer deutschen Geschichte."
Erinnerung auch an Opfer des Holocaust
Insgesamt 21 neue Stolpersteine verlegte der Kölner Bildhauer Gunter Demnig am 5. November 2012 in Leipzig. Somit gibt es nun 180 dieser Erinnerungsmale an 87 Orten in der Stadt.
Neben den zwölf Mitgliedern der Familie Laubinger wurden am Montag auf diese Weise neun Holocaust-Opfer geehrt. Zu ihnen zählt Ida Jetty Lotrowsky (1890 – 1944). Ihr letzter frei gewählter Wohnsitz war das Haus Josephstraße 7 in Lindenau.
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