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Christopher Street Day 2013 in Leipzig

Ein 100 Jahre alter Streit: Die Geburtsstunde des Kurt Wolff Verlages

Ralf Julke
Erinnerungstafel für den Kurt Wolff Verlag.
Erinnerungstafel für den Kurt Wolff Verlag.
Foto: Ralf Julke
Vor 100 Jahren gab es richtig Zoff zwischen zwei Leipziger Verlegern, die heute zu den wichtigsten in der deutschen Verlagsgeschichte gehören: Ernst Rowohlt, 25 Jahre alt, und Kurt Wolff, 26 Jahre alt. Zwei Jungspunde, die von Leipzig aus gerade begonnen hatten, den deutschen Buchmarkt umzukrempeln. Seinen ersten Verlag, den Rowohlt-Verlag Paris-Leipzig, hatte der gerade einmal 21jährige Ernst Rowohlt schon 1908 gegründet.

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Zuvor hatte er gerade sein Volontariat bei Breitkopf & Härtel als Schriftsetzer, Buchdrucker, Buchbinder und Notenstecher hinter sich und arbeitete in der Buchhandlung "Librairie Klingsieck" als Gehilfe. In Paris. Adresse: "Hotel de Brest". Ab 1909 war er wieder in Leipzig und tat sich mit Kurt Wolff zusammen, der zu der Zeit noch Philosophie und Literatur an der Leipziger Universität studierte. Außerdem hatte er das Geld.

Denn wer die jungen, kribbeligen Köpfe der Zeit verlegen will, bevor sie berühmte Klassiker geworden sind, der spielt als Verleger auf Risiko. Und berühmt wurden sie alle erst in dieser Zeit: Johannes R. Becher, Max Brod, Georg Heym, Franz Kafka und Arnold Zweig.

Nicht zu vergessen Herbert Eulenberg, Hugo Ball, Max Dauthendey, Carl Hauptmann und Hermann Harry Schmitz. Und nicht nur die Stars der jungen Literatur hatte man im Haus. Man hatte auch zwei extravagante Lektoren, die heute genauso im Regal der Klassiker der deutschen Moderne stehen: Walter Hasenclever und Kurt Pinthus.

Erinnerungstafel für den Kurt Wolff Verlag an der Inselstraße / Ecke Kreuzstraße.
Erinnerungstafel für den Kurt Wolff Verlag an der Inselstraße / Ecke Kreuzstraße.
Foto: Ralf Julke

Leipzig war in dieser Zeit ein Sammelpunkt der jungen Literatur. Was es vorher so nie war und nach dem 1. Weltkrieg so auch nie wieder werden sollte. Und einige Cafés, die sich in dieser Zeit zum Treffpunkt der Literaten entwickelten, leuchten heute noch in diesem nun 100 Jahre alten Ruhm: das Café Merkur, Wilhelms Weinstuben, das Café Bauer, der Coffebaum. In Wilhelms Weinstuben hatten Wolff und Rowohlt ihren Stammtisch. Adresse: Hainstraße 23 in Bärmanns Hof (auch Barmannscher Hof). Das war ungefähr dort, wo heute die Baustelle der "Hainspitze" ist.

Es war ein Durchgangshof, ganz typisch für Leipzig. Hier konnte man durchlaufen bis zur Großen Fleischergasse auf der anderen Seite.

In "Wilhelms Weinstuben" wurde die jungen Autoren in den noch jungen Verlag eingeführt, schreibt Otto Werner Förster. Und zitiert einen dieser jungen Autoren: "Wilhelms Weinstuben, dämmeriges Lokal in einem Hof, Rowohlt. Jung, rotwangig, stillstehender Schweiß zwischen Nase und Wangen ... Eigentümliches tägliches Mittagessen in der Weinstube. Große breite Weinbecher mit Zitronenscheiben."

Der junge Autor heißt Franz Kafka. Das Zitat stammt aus dem Jahr 1912.

Erinnerungstafel für den Kurt Wolff Verlag.
Erinnerungstafel für den Kurt Wolff Verlag.
Foto: Ralf Julke
Rowohlts Verlag befand sich in dessen Wohnung in der Königstraße 10. Das ist die heutige Goldschmidtstraße. Nach dem Streit mit Kurt Wolff ist er nicht nur den Verlag los, sondern auch die Autoren. Für 15.000 Mark kauft Wolff Rowohlt die Autorenrechte ab. Rowohlt geht als Prokurist zum S. Fischer Verlag. Seinen zweiten Verlag - den heute noch existierenden Rowohlt Verlag - wird er 1919 gründen.

Kurt Wolff gründete seinen eigenen Verlag. Eine Tafel an der Kreuzstraße 3b erinnert an die Verlagsadresse mitten im Grafischen Viertel. Gegenüber hatte er den großen Klinkerbau von Reclam. Und da er sie alle mitgenommen hatte, war nun der Kurt Wolff Verlag die Heimstatt der expressionistischen Dichtergeneration. Auf der Tafel stehen sie: von Johannes R. Becher bis Alfred Wolkenstein.

Wer fehlt?

Heinrich Mann. Denn nachdem dessen Roman "Der Untertan" noch 1914 - von Januar bis kurz vor Kriegsbeginn, in Fortsetzungen in der Zeitschrift "Zeit im Bild" herausgekommen war, wagte Kurt Wolff 1916, noch mitten im Krieg, eine Kleinstauflage des Buches in zehn Exemplaren. Immerhin ein Wagnis, denn Wolff war 1914 zum Kriegsdienst eingezogen worden.

Wirklich in großer Auflage konnte "Der Untertan" erst 1918 erscheinen - und machte Furore als ein Buch, das den Typus all der kleinen Karrieristen beschrieb, ohne die es den deutschen Kriegsrausch von 1914 nicht gegeben hätte. "Heßling ist obrigkeitshörig, feige und ohne Zivilcourage. Er ist ein Mitläufer und Konformist", fasst Wikipedia den Charakter dieses Burschen zusammen, den man bis heute in der deutschen Typenlandschaft finden kann. Er ist immer da, dient sich immer an und ist bereit, die größten Schandtaten zu begehen, wenn es nur einer anweist, der in der Hierarchie über ihm steht.

1919 wechselte Kurt Wolff mit seinem Verlag nach München.

Im Jahr 2000 wurde in Leipzig die Kurt Wolff Stiftung gegründet. Sie vergibt jedes Jahr zur Leipziger Buchmesse den Kurt Wolff Preis an unabhängige Verleger und Verlage. Denn ohne Typen wie Wolff - und Rowohlt - hätte junge, unangepasste Literatur auch auf dem heutigen Buchmarkt keine Chance. Es sind die unabhängigen Verlage, die immer wieder Experimente wagen, mutige Verleger, die ihrem Gefühl für das Besondere und Neue folgen und die dabei oft alles riskieren, während die heutigen Mega-Verlage fast nur noch auf schnellen Absatz und hohe Auflagen schielen.

www.kurt-wolff-stiftung.de


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