Leipziger Völkerschlacht-Doppeljubiläum 2013: Vorspiel in Tauroggen
Gernot Borriss
02.01.2013
Wächterfiguren auf dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal.
Foto: Ralf Julke
Der Völkerschlacht 1813 voraus ging der Seitenwechsel Preußens. Im Angesicht der militärischen Niederlage Napoleons gegen Russland 1812 wagte Preußen-General Johann David von Yorck die Befehlsverweigerung. Gegen königlichen Befehl unterschrieb er am 30. Dezember 1812 die Konvention von Tauroggen als Vorstufe eines russisch-preußischen Bündnisses.
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Mit Beethovens 9. Sinfonie, uraufgeführt 1824 in Wien, lassen Leipzigs begnadete Gewandhausmusiker alljährlich zu Silvester das Jahr ausklingen. Die Neunte von Altmeister Ludwig van Beethoven (1770 - 1827) ist noch heute Kult. Das Chorstück zum Finale „Freude schöner Götterfunken“ bringt die Ideale der bürgerlichen Moderne so sehr auf den Punkt, dass die Europäische Union das Stück schon vor Jahrzehnten zu ihrer Hymne erklärte. „Alle Menschen werden Brüder“ passt ja auch gut zur frisch gekürten Friedensnobelpreisträgerin.
So viel Ton und Text gewordener Weltgeist brauchte ganz offenbar den genius loci der bürgerlichen Messestadt Leipzig. Die „Ode an die Freude“, die Beethoven in seiner Neunten vertonte, dichtete Friedrich Schiller 1785. Zu jener Zeit wohnte Schiller im schönen Gohlis im nördlichen Weichbild Leipzigs.
Komponist Beethoven verband seine Musik auch in den Jahrzehnten zuvor gern mit politischen Statements in emanzipatorischer Absicht. Die Eroica, seine 3. Sinfonie aus 1803/04, widmete er ganz augenfällig einem gewissen Herrn Napoleon Bonaparte (1769 - 1821). Der galt vielen europäischen Intellektuellen jener Zeit als genialer militärischer Vollstrecker der republikanischen Ideale des Revolutionsjahres 1789 von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Wächterfiguren auf dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal.
Foto: Ralf Julke
Doch Napoleon hatte republikanischer Vergänglichkeit längst abgeschworen. Er krönte sich 1804 selbst zum Kaiser. Durch Heirat mit einer Habsburger Fürstentochter wollte er eine neue Dynastie begründen, die dem in Wien residierende Kaisertum des alten Europa den Rang ablaufen sollte.
Napoleons Überfall auf Russland endet im Desaster
Der neue Hegemon Europas machte sich in deutschen Landen zunehmend als Despot und Fremdherrscher verhasst. Mit seinem Überfall auf Russland im Juni 1812 trat er zur Herrschaftssicherung die Flucht nach vorn an. Den machtpolitischen Herausforderer Russland schlagen und die deutschen Verbündeten botmäßig halten, so lautete die Doppelstrategie. Ein militärisches Abenteuer, das innerhalb weniger Monate im völligen Desaster endete.
Jene deutschen Fürsten, die von Kaiser Napoleon zu Königen erhöht worden waren, boten gleichfalls Truppen für das Russland-Abenteuer auf. Von den Bayern und Sachsen, die im Sommer mit der Grande Armee gen Moskau zogen, kehrte so gut wie keiner aus den Weiten Russlands zurück.
Dieses Schicksal blieb den 20.000 Preußen, die Napoleon gleichfalls angefordert hatte, erspart. Ihr Armeekorps operierte weit hinter den Linien ohne größere Kämpfe als Flankenschutz im Baltikum.
Und überhaupt waren die Preußen recht unsichere Kantonisten. Weite Teile des Adels trugen dem Empereur die Halbierung ihres Königreichs durch den Frieden von Tilsit 1807 nach. Demokratische Anwandlungen waren ihnen ohnehin fremd. Und jene preußischen Reformer, die nach 1807 das friderizianische Königreich modernisieren wollten, wollten das gegen Napoleon tun. Mit hohem publizistischen Aufwand verliehen sie ihrem Projekt eine nahezu emanzipatorische Mission: nämlich die der Befreiung ganz Deutschlands von napoleonischer Fremdherrschaft.
Gedenkstein in Möckern zur Völkerschlacht in Möckern.
Foto: Gernot Borriss
In diese nun schon bald zweihundert Jahre alte Erzählung passt die Leipziger Völkerschlacht aus dem Oktober 1813 so schön. Doch es waren bekanntermaßen keine basisdemokratisch organisierten Partisanenverbände, die Napoleons Truppen in den Jahren 1813, 1814 und 1815 schlagen sollten.
Befehlsverweigerung im Baltikum
In der Poscheruner Mühle bei der heutigen litauischen Kleinstadt Taurage spielte eine der Wendepunkte der napoleonischen Kriege. Johann David von Yorck (1759 - 1830), Befehlshaber des vorgenannten preußischen Hilfskorps, unterzeichnete am 30. Dezember 1812 mit seinem russischen Gegenüber, Hans Karl von Diebitsch (1785 - 1831), die Konvention von Tauroggen.
Die preußischen Einheiten wurden damit dem französischen Oberbefehl entzogen. Fürs Erste galten sie als neutral. Das bewahrte die Soldaten vor dem Schicksal ihrer französischen, bayerischen und sächsischen Kameraden.
Nachdem sich Preußens König Friedrich Wilhelm III. (1770 - 1840) im Frühjahr 1813 offiziell von Napoleon abwandte und ein Bündnis mit Russland einging, bildete das Yorksche Korps den Grundstock des ersten preußischen Armeekorps. Der Großverband verdrängte Napoleons Truppen aus dem Großraum Berlin und überwand in der Region um Wittenberg die Elbe. Während der Leipziger Völkerschlacht trug es unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher (1742 - 1819) durch Erfolge im Raum Lindenthal und Möckern zum Sieg über Napoleon bei.
Und was hat das mit Beethoven zu tun? Der Maestro war zu Jahresbeginn 1813 so begeistert von dem Ungehorsam des stockkonservativen Yorck, dass er seinen schon älteren „Marsch für die böhmische Landwehr“ in den „Marsch des Yorckschen Korps“ umwidmete.
Als Yorckscher Marsch gehört er noch heute zu den wichtigsten Märschen der Bundeswehr. Für die Nationale Volksarmee der DDR hatte Beethovens Musikstück als Präsentiermarsch besondere Bedeutung. Tauroggen stand seinerzeit für so etwas wie die Geburtsstunde der (ost-)deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft.
Was dabei ausgeblendet blieb: Neben musikalischer Meisterschaft erinnert der Yorcksche Marsch daran, dass ein Befehl im Zweifel nicht die höchste moralische Norm sein kann.
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