Im langen L-IZ-Interview: Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe über die AMI 2010 und die Zukunft
Robert Weigel
18.04.2010
Martin Buhl-Wagner
Foto: Leipziger Messe GmbH / Rainer Justen
Die ersten 20 Jahre hat sie fast geschafft. An diesem Wochenende neigt sich die Automobil International 2010 ihrem Ende entgegen und findet dann aller zwei Jahre statt. Zeit für ein Gespräch mit Martin Buhl-Wagner, dem Geschäftsführer der Leipziger Messegesellschaft. Ebenfalls Zeit, zu resümieren und vor allem einen Ausblick zu wagen.
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Die AMI 2010 strebt im Jahr 1 nach der Umweltprämie vermutlich einem neuen Besucherrekord entgegen. Beschreiben Sie mal bitte Ihre Stimmungslage.
Ob es ein Besucherrekord wird, kann ich Ihnen noch nicht sagen. Aber die AMI – und das war unser Ziel – kann an die bisher sehr erfolgreichen 20 Jahre anknüpfen. Das Jahr 2008 war natürlich mit seinem Besucherrekord ein sehr maßgebliches.
Die Zahlen in diesem Jahr zeigen auch, dass nicht nur die Umweltprämie für das zuletzt große Interesse am Auto ausschlaggebend war. Die Branche hat sich nach dem Schrecken der Krise Ende 2008, Anfang 2009, als keiner wusste, wie es überhaupt weiter geht, in mehrerer Hinsicht gefangen. Sie hat es verstanden, dass man nicht ängstlich in die Zukunft schauen, sondern mit neuen Themen, neuen Ideen progressiv voran gehen muss.
Alternative Antriebe sind ein Thema, vor allem die Elektromobilität, obwohl die noch in den Kinderschuhen steckt. Das ist eine klare Positionierung der Industrie. Wir haben auf der AMI eine Vielzahl von Themen, die für den Besucher interessant sind.
Wir haben außerdem zu AMI und AMITEC die Messe AMICOM hinzugefügt. Und das Thema In-Car-Elektronik ist richtig gut angenommen worden. Einerseits erreichen wir damit auch eine neue Zielgruppe, andererseits gibt es zwischen AMICOM und AMITEC hohe Synergien. Und auch schon für die Hersteller ist der Komplex In-Car-Elektronik interessant.
Begrüßung des Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen Stanislaw Tillich durch BMW Produktionsvorstand Frank-Peter Arndt - Martin Buhl-Wagner auf Tuchfühlung mit Wirtschaft und Politik (v.l. Volker Lange, Präsident des Verbandes der Internationalen Kraftfahrzeughersteller e.V; Frank-Peter Arndt; Stanislaw Tillich, Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe GmbH)
Foto: Leipziger Messe GmbH / Rainer Justen
War diese neue Messe überfällig?
In-Car-Elektronik ist ein sehr zeitgemäßes Thema. Es geht um sehr hochwertige Produkte. Es war uns wichtig, eine breite Interessentengruppe an Herstellern und Besuchern zusammenzuführen. Es ist wichtig und sinnvoll, dass solche Plattformen entstehen, weil der technische Fortschritt Dinge möglich macht, die vor zehn Jahren undenkbar waren.
Ob überfällig oder nicht – wir haben gesagt: Es gehört mit dazu. Wir sind sehr froh, dass sich auf der AMICOM zahlreiche Marktführer ohne jegliche Anfangsressentiments so stark platziert haben. Die Wertigkeit einer Ausstellung erkennt man immer an der Art der Präsentation. Und die war auf der Messe bemerkenswert.
Auf dem Messegelände stehen in diesem Jahr zum ersten Mal wahrnehmbar sehr viele Elektroautos auf den Ständen der Aussteller. Wann, glauben Sie, ist diese Technologie massentauglich?
Sie fragen jetzt natürlich einen Messemacher zum Thema Elektromobilität und nicht den Forscher oder Produzenten. Ich persönlich denke, es ist wichtig, dass sich Sachsen mit den beiden Modellstädten Leipzig und Dresden so klar für die Elektromobilität positioniert haben.
Ich bin der festen Überzeugung, die Elektromobilität wird ein Segment in der Welt der Antriebsmöglichkeiten sein. Als Gesamtkonzeption steht sie aber noch am Anfang ihrer Entwicklung. Es gibt noch eine Vielzahl von Fragen zu beantworten. Wie sind die Speichermedien aufgebaut, wie und wo findet die Versorgung statt? Ist die Elektromobilität nur für bestimmte Zentren geeignet oder auch für lange Distanzen?
Und natürlich kann man auch nicht sagen, Autostrom sei emmissionsfrei, da man auf jeden Fall die gesamte Kette der Erzeugung betrachten muss. Richtig interessant wird die Elektromobilität aus meiner Sicht dann, wenn wir sie mit erneuerbaren Energien kombinieren können. Denn dann wird die Energiebilanz nachhaltig.
Ich finde es richtig, dass die Elektromobilität so gut angenommen wird, glaube aber nicht, dass sie das Allheilmittel ist. Es muss genauso weiter in die Entwicklung von Benzin- und Dieselmotoren investiert werden und natürlich in Kraftstoffe wie Autogas und Erdgas oder Hybridantriebe.
Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messegesellschaft im Interview mit der L-IZ
Foto: Leipziger Messe GmbH / Rainer Justen
Sind Sie selbst mal ein Elektroauto Probe gefahren?
Ich bin hier auf der Messe mit einem Tesla mitgefahren. Da zeigen sich Themen, die mir überhaupt nicht bewusst waren. Das Fahrzeug ist schlicht nicht hörbar. Das wird auf die Gesellschaft ganz neue Wirkungen haben. Bei einem hohen Fahrzeugbestand werden Wohngegenden mit viel Verkehrslärm plötzlich wieder attraktiv.
Andererseits ist das natürlich entscheidend für die Verkehrssicherheit. Wir sind aus dem Messegelände rausgefahren, und man hat uns nicht als fahrendes Fahrzeug wahr genommen. Wir hatten ständig Personen vor unserem Auto stehen. Denen mussten wir durch Gestikulieren klar machen, dass wir gern ein Stück fahren möchten – und man verstand uns nicht.
Vielleicht wird es zukünftig so sein - ähnlich wie bei den Klingeltönen - dass man sich ein Motorengeräusch aus dem Netz herunterlädt. Einmal ist man ein Truck, ein anderes Mal ein Jeep oder ein Ferrari.
Es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung und hat deutlich gemacht, wo Stärken und auch Schwächen des Konzepts liegen.
2011 wird das erste Jahr seit der Wende ohne eine AMI – haben Sie als Ausgleich irgendeine Überraschung in petto?
Wenn ich Ihnen die jetzt verraten würde, wäre es ja keine Überraschung mehr …
… aber wir wären die ersten, die es vermelden.
Natürlich arbeiten wir als Leipziger Messe daran, was wir in diesem Zeitraum machen. Das Thema Mobilität wird dabei sicher eine Rolle spielen. Es gibt aber noch nichts Konkretes zu verkünden.
Entscheidend ist, dass wir durch diesen neuen Zwei-Jahres-Rhythmus unsere Position am Markt deutlich gefestigt haben. Dadurch sind wir in den geraden Jahren DIE internationale Automobilshow auf deutschem Boden.
Wie stark wird sich das Fehlen der AMI wirtschaftlich auf die Leipziger Messe auswirken?
Die AMI ist neben der Buchmesse das Aushängeschild der Leipziger Messe. Natürlich werden wir das in unserer Bilanz merken. Wir sind deswegen aber nicht gram. Jeder Geschäftsmann weiß, dass es Veränderungen in der Kunden- und Ertragsstruktur gibt. Wichtig ist, dass wir dadurch kein Produkt verloren, sondern eines gewonnen haben. Wären wir im Jahresrhythmus geblieben, hätten wir nicht die starke und gewichtige AMI, die wir jetzt haben.
Man diskutiert derzeit mal wieder über den Termin der AMI und die zeitliche Nähe zum Genfer Autosalon. Denkbar wäre eine Verschiebung in den Mai oder sogar in den Herbst hinein – wird darüber bei der Messe nachgedacht?
Wir als Leipziger Messe sind eine Plattform für die Industrie. Nicht wir sind die Messe – wir machen eine Messe, damit die Hersteller bestmöglich ihr Geschäft ankurbeln können. Selbstverständlich sind wir mit den Ausstellern permanent im Gespräch und suchen stets einen allgemein tragfähigen Konsens. Dass wir unser Geschäft beherrschen, beweist das 20. Jubiläum der AMI.
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