20 Jahre Loki Found: Knut Enderlein und René Lehmann sprechen über ein Leipziger Plattenlabel
Daniel Thalheim
20.11.2011
Foto: Patrick Limbach
Sie sind mit ihrem Industrial-Ambient-Projekt Inade genauso lange umtriebig wie mit seiner Plattenfirma "Loki Found". Knut Enderlein und Rene Lehmann haben mit beidem einen internationalen Status erreicht. Fast unbemerkt vom großen Medienrummel wird ihr Baby "Loki Found" im Dezember 20 Jahre alt. In der naTo feiert man den runden Geburtstag. Grund, den Labelinhabern Enderlein und Lehmann auf den Zahn zu fühlen.
Loki Found: Was ist das und warum wurde es vor 20 Jahren ins Leben gerufen?
Lehmann: Die Zeitspanne vom Ende der Achtziger bis in die Neunziger Jahre hinein war eine Phase des Aufbruchs für den experimentellen Musikuntergrund. Zahllose Kassettenlabels und Musikprojekte schossen aus dem Boden. Viele kamen und gingen, andere blieben. Genau in dieser Periode begannen wir 1991 mit unseren eigenen ersten Aufnahmen und Klangerkundungen. Schnell war klar, daß es für die Kassettenaufnahmen von uns und befreundeten Projekten eines Labels bedurfte, um diese verbreiten zu können. Somit wurde Loki Foundation als Veröffentlichungsplattform ins Leben gerufen und alles nahm seinen Anfang.
Gegen Ende der Neunziger Jahre und zahlreiche CD- und Vinylauflagen später beschränkten wir den Labelnamen dann auf Loki-Found, da dieser zum einen unserer Webseiten-URL entspricht und zum anderen auch griffiger und angemessener wirkt. Die Veröffentlichungen auf unserem Label sind keine Unterhaltungsmusik, denn sie verlangen auch etwas vom Hörer, wenn er den Ausdruck der Musik verstehen will und das ist in erster Linie Aufmerksamkeit.
Als Vertrieb und Label ist Loki nun seit zwei Dekaden aktiv: Welchen Stellenwert hat Industrial und Ambient aus eurer Sicht heute?
Enderlein: Im großen Musikgeschäft sind Industrial und Ambient natürlich absolute Außenseiter und gehören noch immer ins weite Feld der Subkultur. Aber das wichtige an diesen musikalischen Spielarten ist natürlich, dass sie treue Anhänger haben, die diese Subkultur und deren Bild intensiv prägen. Wir haben in dieser Kultur unsere musikalische Familie gefunden und wie das mit Familien so ist, man ist manchmal genervt und stößt an Grenzen, aber es ist auch schön, eine Basis zu haben, intensiven Austausch mit gleichgesinnten Freunden zu pflegen und zahlreiche Zuhörer weltweit zu erreichen.

Loki-Found-Gründer Knut Enderlein und René Lehmann als Klangprojekt Inade im "Kafic" Februar 2010.
Foto: Patrick Limbach
Wer die Anfangstage des Industrial in den Siebziger Jahren verfolgt hat, gerade mit der Berliner Szene, weiß: Es geht um Extreme. Wo sind eurer Meinung nach die Grenzen erreicht?
Enderlein: Kultureller Extremismus ist natürlich ein großer Begriff, der auch immer nur in temporären Abschnitten funktioniert, denn viele der formal-ästhetischen Aktionen von Extremkünstlern der Siebziger Jahre wirken heute nur prätentiös. In dieser Zeit gab es jede Menge Wut, Gewalt und soziale Ungerechtigkeit. Diesem Zustand ist man heutzutage weitestgehend entflohen, die Gesellschaft ist immer noch weit von einem Idealbild entfernt, bietet aber in dem eigenen sozialen Umfeld Westeuropas natürlich keinerlei Angriffspunkte, wie z.B. Ende der 70er Jahre in Westberlin oder England, wo die Wurzeln der Industrialkultur liegen.
Lehmann: Das Extreme ist ein weites Feld und liegt immer im Auge des Betrachters. Das spielt bei Industrial und Dark Ambient eine offensive Rolle, denn hier handelt es sich ja um einen besonderen und „extremen“ Klang. Diese Musikkultur definiert sich nicht durch einen Wohlklang, sondern eben durch eine gewisse Klangästhetik, die abseits der Normalität liegt und somit wohl von den meisten Menschen als „extrem“ verortet wird. Wir glauben aber, es geht in unserem Fall nicht um Extreme und Provokation, diese Triebfeder haben wir vielleicht in unseren ersten Jahren unseres Labels verspürt, aber davon fühlen wir uns heute weitestgehend befreit.
Die Medien sind voll von jeder Art des Extremen wie bizarren Sexpraktiken, Kinderschändern oder Massenmördern. Deshalb funktioniert eine Konfrontationstherapie mit dem vermeintlich Verdrängten oder Unterbewussten, wie sie noch von den Pionieren des Industrial versucht wurde, nicht mehr. Für uns sind Grenzen erreicht, wenn unreflektiert mit religiösen, sexuellen und politischen Extremen gespielt wird und man eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Thema vermisst.

Knut Enderlein (l.) und René Lehmann (r.) kreieren Geräusche und sind neben Inade auch mit Ex.Order ganz dicke im Geschäft in der weltweiten Ambient-Szene.
Bild: Loki-Found.de
Mit Inade ist wohl die bekannteste Hausband bei Loki vertreten: Aber ihr vertreibt auch Alben von unterschiedlichen Künstlern wie Nadja, Aidan Baker, Kammarheit, Current 93 usw. Wie ist es dazu gekommen?
Enderlein: Wir haben schon 1993 angefangen einen kleinen Mailorder zu starten und so die Veröffentlichungen unserer Freunde mit zu vertreiben. Das ist dann über die Jahre gewachsen und zwischenzeitlich zu einem 2000-3000 Produkte großen Katalog geworden, der nun wieder auf einen 500 Veröffentlichungen umfassenden Online Shop www.deep-audio.de verkleinert wurde. Inzwischen geht es uns vielmehr um ein fokussiertes und selektives Angebot, als darum, die ganze Bandbreite an Veröffentlichungen und Stilen zu vertreiben, die sich innerhalb der Szenerie bewegen.
In einem L-IZ-Interview hast Du einmal gesagt, es gehe bei Inade und vergleichbaren Acts weniger um Musik als unterhaltsame Tonabfolge sondern um eine bildmalerische Geräuschkulisse oder Bildhauerei. Beruft ihr euch auf die italienischen Futuristen und ihre Geräuschkunst in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts? Was oder wer sind eure Vorbilder gewesen, als ihr vor 20 Jahren angefangen habt?
Enderlein: Wenn wir zurückblicken, ging es uns am Anfang des Labels eigentlich um Aktionismus, den man Anfang der Neunziger Jahre in der Jugendkultur fand. Vorbilder kann man kaum benennen, wir waren fasziniert von der Radikalität Throbbing Gristle’s oder SPK’s, aber genaugenommen waren diese Künstler auch eher Anti-Vorbilder. Wir lernten die Kassettenkultur der alten Bundesländer kennen, kauften jede Menge Platten und versuchten die Grenzen unseres Musikequipments auszuloten. Heute ist unsere Herangehensweise natürlich eine komplett andere. Wir wissen, womit man was erzeugen kann, wir kennen unser Equipment, haben einen Teil davon selbst gebaut oder programmiert und unser Anspruch hat sich komplett verschoben. Wir können bei unseren eigenen Musikproduktionen Klänge schichten und auftragen, wie es ein Maler bei seinen Bildern macht.
Lehmann: Was sich bei unserem Label nicht geändert hat, ist der Umgang mit den Künstlern, die "Loki-Found" veröffentlicht. Wir machen immer noch 100 Prozent Independent Kultur.
Wir vertreiben fast alle Veröffentlichungen selbst, wir gestalten mit den Bands zusammen Artwork und begleiten auch den musikalischen Entstehungsprozess einer Veröffentlichung. Publiziert werden am Ende eines solchen Prozesses nur Alben, von denen wir komplett überzeugt sind. Erleichtert wird eines solche Herangehensweise dadurch, daß wir mit allen Projekten freundschaftlich verbunden sind.

Ankündigung für den 17. Dezember in der naTo: 20 Jahre Loki Found.
Bild: Loki-Found.de
Wenn ihr am 17. Dezember in die naTo zu eurer Label-Jubiläumsnacht einladet, stehen viele Loki-Acts auf der Bühne - Was kannst Du zu den Künstlern erzählen?
Lehmann: Wir freuen uns und sind wirklich stolz die renommiertesten Künstler des Labels und des Drone & Deep Audio Genres für diesen Abend nach Leipzig zu holen. Hier die entscheidenden Informationen zu den auftretenden Bands und Projekten: Bad Sector aus Italien wurde von Massimo Magrini ins Leben gerufen. Er wurde 1966 in der Toskana geboren, ist studierter Informatiker, Software-Entwickler für Musik-Equipment und hat einen Studiengang für Elektronische Musik in Florenz absolviert. Seit über 20 Jahren ist er mit seinem Projekt Bad Sector aktiv. Die zahlreichen Veröffentlichungen und Konzerte verbinden dabei tiefgreifenden Drone-Ambient mit Dark Sci-Fi Melodica der Extraklasse. Sein zum Teil selbstkonstruiertes und interaktiv funktionierendes Live-Equipment versteht er bei seinen Auftritten eindrucksvoll zu nutzen und positioniert damit Bad Sector als eines der herausragenden Projekte im weiten Feld der elektronischen Ambientmusik.
Interessant, .... im Futurismo haben die Künstler auch ihre eigenen Instrumente gebaut. Wer ist noch dabei?
Enderlein: Seit 1991 projizieren die Leipziger Klang-Bildhauer von Inade planetarische Umlaufbahnen und geometrische Figuren in Ambientmusik. Traumhaft surreale Sequenzen wirbeln und untermalen die dynamische Ambienthexerei in den schillerndsten Farben, dabei besucht Inade Orte, die sogar die ambitioniertesten Spezialisten für düstere Klanglandschaften erst noch durchqueren müssen. Inade koppelt Klang und Idee symbiotisch um neue, unentdeckte Räume zu erkunden und ihrer Vision einer Audio Mythologie Ausdruck zu verleihen. Nach zahlreichen Konzerten in fast allen europäischen Hauptstädten und Touren von Japan bis in die USA kommen Inade mit einem neuen Programm zurück nach Leipzig.

Loki-Found-Gründer René Lehmann und Knut Enderlein als "Inade" in Japan 2006.
Bild: Loki-Found.de
Das konnte man schon mehrfach in Leipzig bewundern. Es gibt auch mehr waschechte Leipziger Acts auf dem Plan, oder?
Enderlein: Die Leipziger Formation Herbst9 hat sich binnen weniger Jahre zu einer festen Größe im Ritual-Ambient Bereich etabliert. Seit ihrer vielbeachteten Debüt-CD im Jahre 2000 folgten weitere Veröffentlichungen und das aktuellen Album "Ušumgal Kalamma" zeichnet sich jetzt schon als Meilenstein des Genres ab. Die Klanglandschaften, die von Herbst9 projiziert werden, öffnen einen transzendenten Raum und geleiten den Hörer zu den Tiefen des Unterbewusstseins. Ein tiefes Labyrinth von Klängen mit meditativen Percussions, geisterhaften Stimmenfragmenten und Gesängen, die mit detaillierten und verschiedenen, mehrschichtigen und traditionellen Instrumenten verschmelzen. Archaische Tonwellen von erdiger Dichte verbinden sich mit filigran-schwebenden Melodien und Chorälen. Percussive und schamanische Rhythmen sind mit tief schwingenden Echos durchsetzt und manifestieren den rituell-kontemplativen Charakter der Musik von Herbst9.
Außerirdische sind auch dabei...?
Lehmann: Andrew Lagowski veröffentlicht seit 1982 unter den Namen Lagowski, S.E.T.I., Nagamatzu und egion. Mit Brian Lustmord nahm er 1990 das legendäre Album Heresy auf und arbeitete mit ihm auch bei Terror Against Terror und Isolrubin B.K zusammen. Der Name S.E.T.I. steht, wie das gleichnamige Institut, für die Suche nach außerirdischer Intelligenz. Dieser Hintergrund erschafft auch den Klangkosmos, welchen Lagowski mit seinen Auftritten erzeugt. Mächtige und sphärische Klangteppiche scheinen aus dem tiefsten Herzen des Kosmos zu kommen. Verfremdete Radiofrequenzen, Audiodokumente der NASA und pulsierende, zeitlupenartige Rhythmen verschmelzen mit atmosphärischen Flächen. Sollte es etwas im weiten Raum des Alls geben, ist dies der perfekte Soundtrack dazu.
Fehlen noch zwei Projekte.
Enderlein: Mit seinem Projekt Circular hat Johannes Riedel 2006 eine außergewöhnliche Debut-Veröffentlichung beim Label "Loki" vorgelegt, was ein Jahr später mit einer Split-LP zusammen mit Inade fortgesetzt wurde und mit dem zweiten Vollzeitalbum 2010 zu einem großen Klanggemälde vervollständigt wurde. Die Musik von Circular zieht weite Kreise im Feld von meditativer und hypnotischer Ambientmusik. Vielschichtige Klänge, vorrangig mit analogen Synthesizern und Modulen generiert, sind mit hypnotischen Pulsschlägen, melodischen Flächen, Gitarren und E-Bass - Modulationen durchwoben. Da Johannes Riedel über eine klassische Musikausbildung verfügt, sind seine Arrangements wohltuend akzentuiert und strukturiert, wobei sie eine Aura klanglicher Transzendenz generieren, welcher man sich nur schwer entziehen kann.
Lehmann: Fjernlys erzeugt warme und atmosphärische Ambientsongs mit hypnotischen Percussions, Vibraphonklängen sowie Violinenmelodien und ergänzt damit die elektronischen Landschaften zu wundervollen organischen Musikstücken. Die poetische Atmosphäre der meditativen Sprechstimme von CKS verschmilzt mit den klaren Synthesizersounds und erzeugt durch tiefe organische Rhythmen außerordentlich melancholische Musikstücke, die Live nicht nur elektronisch umgesetzt werden, sondern mit Gitarre, Melodica und Violine einen Klangkosmos erzeugen, der den Zuschauer auf eine Reise ins "Inner Cinema" mitnimmt und verzaubert.
Danke für das Interview.