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Leipzigs Musikszene
Kiss, Herbert Grönemeyer, Madonna, Queen, ... kennt man ja. Aber hat Leipzig eine eigene Musikszene wie Hamburg und Berlin? Brummt in den Musikmagazinen die Musik aus Leipzig in allerhöchsten Tönen? Wohl eher nicht. Doch das soll nicht heißen, dass Musiker in Leipzig weniger qualitätsvoll tönen wie anderswo. Sie werden nur nicht beachtet und wahrgenommen. Es gibt auch in der Messestadt viel zu entdecken. Die L-IZ war in Proberäumen, Clubs und Festivals unterwegs und hat so manche Geschichte hervorgeholt. Leipzigs Musikszene ist bunt und quirlig, so das Fazit.
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Grunge ist nicht tot: Alex Beyer von In Pieces im Interview

Daniel Thalheim
In Pieces ist eine Leipziger Band geworden.
In Pieces ist eine Leipziger Band geworden.
Bild: www.myspace.com/inpiecesroebel
Er ist das Sprachrohr für die Band, die auf den Namen "In Pieces" hört. Die 2002 gegründete Band zelebriert Grunge und hat es vor einiger Zeit von Mecklenburg nach Leipzig verschlagen. "Mute" heißt die erste Narbe im Kerbholz des Trios, zu dem auch Hans-Christian Puls und Simon Feldkamp. Im Vorfeld ihrer Tournee, die am 17. Dezember nach Leipzig führt, sprach Alex Beyer mit der L-IZ.

Jede Band hat eine Gründungsgeschichte, auch wenn sie sich oft ändert. Wie lautet eure?

Ich finde, das ist so ein generell überbewertetes Ding mit den Anfängen. Was wirklich zählt, ist eher, dass wir es nun schon seit mehr als acht Jahren miteinander aushalten. In denen ist 'ne ganze Menge passiert, wir lebten und arbeiteten zwischendurch auf großer Distanz, haben uns bereits einmal aufgelöst, immer wieder kurz davor gestanden, aber letztendlich ist es doch eine verdammt nochmal großartige Sache, mit so guten Freunden in einer Band zu spielen. Jeder weiß genau, wie weit man beim anderen gehen kann, bis er ausrastet; kennt die Hasszutaten im Döner, die Stick- und Plektrumstärken, die favorisierten Platten und kauft automatisch das Lieblingsbier...

Klingt nach Vertrauen...

Das geht jetzt mehr schon in Richtung Familie oder Beziehung! (lacht) Es ist eine schöne Arbeitsatmosphäre gerade, man könnte von einem zweiten Frühling sprechen. Damals mit Kofferradio und Topfdeckeln auf dem Dachboden war an so etwas nie zu denken, um die Frage dann doch noch ansatzweise zu beantworten...

Eurer Vorstellungstext liest sich wie eine Reise aus der Wüste nach Las Vegas. Was hat In Pieces wirklich von der Mecklenburger Pampa nach LE verschlagen?

Seien wir ganz ehrlich - was machst du als Musiker in Mecklenburg? Außer im Sommer mal am Strand oder in den fünf, sechs Clubs der Region zu spielen, oder dich in deiner Stammkneipe langsam häuslich einzurichten, halten sich die Möglichkeiten und Angebote stark in Grenzen. Selbst das Finden eines Proberaums war die reinste Tortur, bei der Vielzahl an nörgelnden Gartennazis... Wenn man nicht gerade in den "Metropolen" Rostock, Schwerin oder vielleicht Greifswald lebt, herrscht kulturelle Ebbe.

Und selbst dort ist es schwierig. Wir mögen unsere Heimat nach wie vor und hatten alle eine tolle Jugend an der Müritz, die ich um nichts in der Welt gegen irgendetwas eintauschen würde. Aber auf Dauer geht man dort ein, man muss sich ja weiterentwickeln. Da Berlin stinkt und Hamburg viel zu viele Raver und beknackte Nickelbrillenträger hat, blieb eigentlich nur Leipzig übrig. Und wir bereuen unsere Entscheidung in keiner Hinsicht.

In Pieces.
In Pieces.
Bild: www.myspace.com/inpiecesroebel

Bei Grunge denkt man an Dinosaurier wie Soundgarden, deren Musiker sich soeben zusammen gefunden haben. Der Rest ist tot oder halbtot. Was ist so faszinierend an einem Musikstil, der von allen tot gesagt wurde?

Grunge ist meine Herzensangelegenheit, ich wurde mit dieser Musik sozialisiert. Mein erstes richtiges Album war die "Incesticice" von Nirvana, mit ner Menge toller B-Seiten drauf. Da war ich gerade acht oder neun, schon ziemlich harter Tobak als Einstieg. Das ging alles ziemlich früh los bei mir. Hinzu kamen dann Pearl Jam, Sonic Youth, Dinosaur Jr., die Melvins, natürlich Mudhoney und Mother Love Bone. Wahrscheinlich für viele eurer Leser alles böhmische Dörfer.

Was ist an dieser Musik so reizvoll?

Mich fasziniert die rohe Energie und die Leidenschaft, wahrscheinlich auch die destruktive Verzweiflung ihrer Erzeuger und ich liebe den Bigmuff-Sound und das Kreissägen-Gitarrengegniedel. In Pieces würde ich da allerdings nur sehr bedingt in die gleiche Ecke schieben, deshalb schimpfen wir unseren Sound auch eher als Alternative Grunge. Ich glaube, man hört die Einschläge teils noch gut heraus, in Songs wie "Muted" etwa. Musikalisch sind wir mittlerweile jedoch wesentlich mehr als Grunge. Ich hätte aber eigentlich gern ein Nebenprojekt, mit dem ich ein paar Gitarren zerkloppe und die ganze Zeit nur rumbrülle. Das wäre schon spaßig.

Alex Beyer (Mitte).
Alex Beyer (Mitte).
Bild: www.myspace.com/inpiecesroebel
Wer sich die Marke "Grunge" aufdrückt muss auch nach der aktuellen Grunge-Szene gefragt werden. Gibt es eine und wie groß ist die?

Von einer wirklichen Szene kann man heute nicht mehr sprechen. Wobei mir es sehr, sehr leid tut, das so zu sagen. Die letzten, die mit reinem Grunge noch einigermaßen Erfolg hatten, jedenfalls mit ihrer ersten Platte, waren wohl Navel aus der Schweiz, mit denen haben wir erst vor Kurzem zusammengespielt. Großartige Band, leicht verpeilte aber herzliche Leute.

Dann ist mir letztes Jahr noch eine Band aus Athens, Geogia, in die Hände gefallen: Dead Confederate, neu gegründet wohlgemerkt. 2010 noch mit so einer rotzigen Platte wie ihre um die Ecke zu kommen, das fand ich echt mutig. Aber sonst, Pearl Jam sind größtenteils geheilt vom Grunge, zu Soundgarden und Chris Cornell verkneife ich mir einen Kommentar und ansonsten werden fast alle, die noch auf die Mugge und ihre gescheiterten Existenzen stehen, als Freaks abgestempelt. Soll mir recht sein. Aber ich wäre trotzdem gern zehn Jahre eher geboren.

Ein erstes Album habt ihr schon in die Umlaufbahn geschossen. Wie sind die Kritiken ausgefallen?

Da wir damit mehr als lange genug auf uns warten ließen, waren die Kritiken damals ziemlich positiv. Damals heißt Mitte 2008. Selbst jetzt finden sich noch hin und wieder Leute, die sich lobend darüber äußern. Aber wir selbst können die Platte nicht mehr hören, das geht echt nicht mehr. Es wird Zeit, dass die neuen Songs aufgenommen werden, denn seit "muted." ist jede Menge passiert. Wahrscheinlich würde uns jemand, der nur die erste Platte gehört hat, gar nicht mehr erkennen. Ich freue mich jedenfalls aufs neue Album und möchte das erste gern vergessen oder naja, sagen wir mal zu den Akten legen.

Was Neues ist bei euch geplant. Was können Grunge/Alternative Rock-Fans von euch 2012 erwarten?

Auf jeden Fall dürfen mehr Konzerte erwartet werden. Eine kleine Tour im Januar steht schon und auch einige Festivals wollen wir anvisieren. Momentan schreiben wir fleißig neue Songs und haben schon ein paar fertig gestellt. Da im Dezember einige Shows anstehen – wir touren mit den Hamburgern Mister Mother – muss der Arbeitsprozess nun erstmal heruntergefahren werden, weil das Live-Set im Vordergrund steht.

Danach geht es aber weiter, wir wollen bis März mit den neuen Titeln fertig werden und dann ins Studio gehen. Wo genau es hingeht, ist noch nicht raus. Ursprünglich wollten wir zu Navel in die Schweiz – da die Herren es aber alle mit der langfristigen Planung nicht so haben bzw. auch ziemlich vielbeschäftigt sind, warten wir geduldig ab und schauen, wer und was sich findet. Ich würde mich aber freuen, wenn Jari der Navel-Frontmann mit im Boot wäre. Er ist ein großartiger Soundbastler, so roh und energetisch wie sein letztes Album hat schon lange nichts mehr geklungen.

Ihr tretet mit Mister Mother und Empire Club am 17. Dezember in der Kulturlounge auf. Stilistisch fällt das Konzert recht vielfältig aus. Trifft die Mischung euren Geschmack?

Na auf jeden Fall, sonst hätten wir die Bands wohl kaum eingeladen. Mister Mother aus Hamburg fahren eine total spannende Blues-Grunge-Schiene, "Hendrix meets Cobain" würde ich sagen – hör dir mal den Titel "Explode" an, das ist wirklich großartig. Und Empire Club habe ich über den Großen Preis entdeckt, diesem Leipzig-Bandwettbewerb. Dort saß ich in der Jury und konnte es nicht fassen, dass die Jungs nicht in die Endrunde gekommen sind. Also habe ich sie angerufen und eingeladen. Stilistisch geht es bei denen mehr in die Post-Rock-Ecke, aber das finde ich auch extrem spannend. Schließlich hat Mogwai 2011 meine Platte des Jahres veröffentlicht!

Sowohl Mister Mother als auch Empire Club haben einen sehr kantigen Charakter, der etwas eigenes, also das gewisse Etwas mitbringt. Das fehlt meiner Meinung nach vielen Bands. Musik darf auch gern mal etwas schwer im Magen liegen, die Leute müssen einfach viel öfter genauer hinhören. Der Abend wird jedenfalls ganz großes Tennis. Und kuschelig wirds auch, die Kulturlounge ist eine sehr gemütliche Location – übrigens direkt hinter dem ehemaligen Geigers Rätsel.

Spielt ihr neue Songs?

Selbstverständlich!

Dann viel Erfolg. Vielen Dank für das Interview!


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