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Leipzigs Musikszene
Kiss, Herbert Grönemeyer, Madonna, Queen, ... kennt man ja. Aber hat Leipzig eine eigene Musikszene wie Hamburg und Berlin? Brummt in den Musikmagazinen die Musik aus Leipzig in allerhöchsten Tönen? Wohl eher nicht. Doch das soll nicht heißen, dass Musiker in Leipzig weniger qualitätsvoll tönen wie anderswo. Sie werden nur nicht beachtet und wahrgenommen. Es gibt auch in der Messestadt viel zu entdecken. Die L-IZ war in Proberäumen, Clubs und Festivals unterwegs und hat so manche Geschichte hervorgeholt. Leipzigs Musikszene ist bunt und quirlig, so das Fazit.
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Neu im Plattenregal: Ein Streifzug durch die heimische Loki-Found-Kiste

Daniel Thalheim
Loki-Found-Gründer René Lehmann und Knut Enderlein als "Inade" in Moskau.
Loki-Found-Gründer René Lehmann und Knut Enderlein als "Inade" in Moskau.
Bild: Loki-Found.de
"Loki Found" heißt das Leipziger Plattenlabel für in Bild gehauene Noten. Seit 20 Jahren gibt es die Plattenfirma schon. Industrial und Dark Ambient die beiden Zauberwörter für Töne, die abseits der gängigen Hörmuster funktionieren. Inade und Fjernlys sind hierbei nur zwei Projekte im umfangreichen Labelprogramm. S.E.T.I., Ex.Order und Circular gehören ebenso dazu. Ein kleiner Überblick.

S.E.T.I.: Baikal.
S.E.T.I.: Baikal.
Bild: Loki-Found.de

S.E.T.I.: Baikal

Das Weltraum, unendliche Weiten,... - Das, was der Sprecher der "Star Trek"-Reihe so pathetisch ankündigt, könnte fast auf die Klänge zutreffen, die bei S.E.T.I. ertönen. Andrew Lagowski erprobt auf "Powder Canyon" scheinbar das wiederzugeben, was das Brummen und Pulsieren von fernen Sternen und Galaxien sein könnte.

In den fließenden Tracks rauscht und raschelt es aus der Ferne als ob doch zwischen all den natürlichen Geräuschen etwas künstliches, durch eine außerirdische Intelligenz geschaffenes hervor lugt. Raumgreifende Stücke sind es, die sich Zeit nehmen und den Hörer auch von dem entschleunigen, was aus dem Dudelfunk auf ihn einströmt. Hier quäken keine Schlager aus der Elektrobox, säuseln keine Liebeserklärungen von Popo wackelnden Schönheiten unter stampfenden Beats. Es ist Zeitmusik, die von S.E.T.I. erklingt. Geräusche, die von ganz anderen Geschichten erzählen, wenn man sich die Galaxie vorstellt.

Loki-Found schreibt dazu: "Verfremdete Radiofrequenzen, Audiodokumente der NASA und pulsierende, zeitlupenartige Rhythmen verschmelzen mit atmosphärischen Flächen. Sollte es etwas im weiten Raum des Alls geben, ist dies der perfekte Soundtrack dazu." Ganz ohne klingonische Opern und esoterische Säuseleien aus "Star Trek".

Fjernlys: Beyond the undulant quiescence.
Fjernlys: Beyond the undulant quiescence.
Bild: Loki-Found.de

Fjernlys: Beyond The Undulant Quiescence

Erst vergangene Woche erschien das Zweitwerk vom Loki-Projekt Fjernlys. Zwei Jahre zuvor erschien "Beyond The Undulant Quiescence" als Einstand in die Dark-Ambient-Szene. Das Debüt zirkuliert zwischen stimmungsvollen Klangströmen, die mal ruhig, mal weniger ruhig pulsieren. In dem Klanggeflüster mischen sich verfremdete Didgeridoo-Klänge mit brummenden, klopfenden und raschelnden Elektrotönen. In diesem Gefilde schwellen Chöre aus der Tiefe hervor, tropfen Noten aus Spieluhren auf die vorbei rauschenden Ströme aus der Klaviatur des Dark Ambient, der auf "Beyond The Undulant Quiescence" mit fernöstlichem Charme aufblitzt.

Alles ist im Fluss und wird nicht unterbrochen. Manchmal legt sich so etwas wie eine Struktur über die klingende Matte, wenn die drei Mitglieder Gedichte in die Mikrofone flüstern. Darin und seiner verhaltenen Art unterscheidet sich wohl Fjernlys vom Großteil der Dark-Ambient-Größen, die meist düster dröhnen. Licht und Luft haben auf "Beyond The Undulant Quiescence" ihre Noten gefunden. "Organisch" umschreibt es wohl am besten, was hier tönt.

Inade: The Crackling of the Anonymous.
Inade: The Crackling of the Anonymous.
Bild: Loki-Found.de

Inade: The Crackling of the Anonymous

Dieses Werk erblickte 2001 das Licht der Welt. Damals gab es das Leipziger Projekt schon seit acht Jahren und trat bereits in Moskau, Paris und New York auf. Schnell avancierte Inade zu einem der bedeutenden Vertretern des "Dark Ambient". Jenem dunklen Notenfluss, der rückblickend mit Throbbing Gristle in den Siebziger Jahren zu strömen begann. Dass bereits in den frühen Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts italienische Musiker bereits anhand selbst gebauter Kästen mit Geräuschen experimentierten, kann nur als Prototyp gewertet werden. Wenn auch bei Fjernlys so etwas wie eine Taktzahl auftaucht, so verschwindet jeglicher Anflug von Rhythmus bei Inade.

"The Crackling of the Anonymous" ist ein Klangkoloss, der für viele Kenner der Materie als unüberwindlich gilt und sogar neben international bekannten Projekten wie Kammarheit richtig groß wirkt. Wenn es ein Wort gibt, das diese Aufnahme beschreibt, dann ist es wohl der Begriff "Klassiker". "The Crackling of the Anonymous" funktioniert nicht als Nebenher-Musik verschiedener Soundtracks, die Marken wie "Ambient", "Chillout" oder ähnliches tragen. Hier muss man sich setzen, das Licht abdunkeln und die Augen schließen. Ähnlich verhält es auch bei anderen Alben von Inade wie das 2002 erschienene Live-Album "Colliding Dimensions", oder die beiden 2009 veröffentlichten Studiowerke "Delineation.Metamorphosis.Perm" und "The Incarnation of the Solar Architects".

Wenn es einen ähnlich gearteten Versuch in der klassischen Musik gegeben hat, dann sind wohl einzelne Kompositionen von Anton Webern, die dem Klanggewitter aus Dröhnen, Rascheln, Knacken, Trommeln und Scharren auf "The Crackling of the Anonymous" nahe kommt. Als "geometrische Figuren und planetarische Umlaufbahnen" bezeichnet "Loki-Found" diese Musik. "Antimimon Pneumatos" ist das neueste Werk von Knut Enderlein und René Lehmann, die unter Inade firmieren.

Bad Sector: Chronoland.
Bad Sector: Chronoland.
Bild: Loki-Found.de

Bad Sector: Chronoland

2010 sind die Titel im Kopf von Massimo Magrini entstanden, die er auf "Chronoland" aufreiht. Das Sammelsurium aus aufgebrochenen Rhythmen schiebt sich zu Kompositionen zusammen, die leise an den Hörer heran treten. Ansätze von Melodien werden von verzerrten Telefongeräuschen unterbrochen. Jemand will etwas sagen, dringt aber nicht zum Hörer vor. Das Gesagte bleibt geheimnisvoll, untermalt mit ebenso rätselhaft erscheinendem Klingen. Zeitlupenartig dringt man durch die Klangschichten und entdeckt nebenbei sich selbst.

Als der Italiener vor 20 Jahren begann, konnte keiner ahnen, dass jener Software-Entwickler einer der ganz Großen im Elektrosektor sein würde. Dass er im Dezember nach Leipzig kommt, freut sein Plattenlabel besonders. Gilt Bad Sector bei seinen Hörern als herausragend, weil Massimo Magrini seine Instrumente selbst baut - ganz im Sinne der italienischen Futuristen mit ihren Geräuschmöbeln im frühen 20. Jahrhundert.

Schon der italienische Futurist Francesco Balilla Pratella (1880 - 1950) hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Lärm experimentiert. "Geräuschkunst" nannten er und sein Kollege Luigi Russolo (1885 - 1947) die künftige Form der Musik aus atonalen Klängen, Disharmonien und Schall. Dazu konstruierten beide Apparate wie so genannte "Geräuscheerzeuger", "Lärmtöner" und ein gar seltsames Ding namens "Russolophon". Dieses, einem Harmonium ähnlichen Tastending, fand in den Zwanzigern auch Anklang bei weltbedeutenden Komponisten wie Arthur Honegger (1892 - 1955) und Edgar Varèse (1883 - 1965).

Ganz so altertümlich klingt Bad Sector nicht.

Blood Box: Funeral In An Empty Room

Choräle, unermüdliches Knistern, Fiepen und Brummen begleiten den Hörern, wenn er die Klangräume von Michael J.V. Hensley alias "Blood Box" durchschreitet. Auf "Funeral In An Empty Room", das bei einem Tochterlabel von "Loki Found" namens "Power & Steel" im April diesen Jahres veröffentlicht wurde, gelingt es dem amerikanischen Künstler elektronische Klänge mal verhalten, mal eindringlich aus den Boxen zu drücken.

Große Weiten eiszeitlicher Tundren tun sich vorm inneren Auge auf, sonnenbeschienen und klirrend kalt. Was Massimo Magrini mit Bad Sector noch in die Nähe solcher Leute wie den Musikern von Autechre rücken lässt, erscheint bei Blood Box vollständig aufgelöst. Lange Intervalle von Geräuschen lösen sich mit klopfenden Tönen ab. Langgezogene Epen durchziehen die Hörsynapsen. Musik, die gänzlich aufgelöst zu sein scheint und sich wie ein schillernder Nebel auf die Stimmung legt. Nicht bedrückend, eher besänftigend und nicht bedrohlich wie es bei Inade erklingt.

Mehr unter Loki Found
www.loki-found.de


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