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Verkaufspläne für Stadtwerke-Tochterunternehmen: APRIL-Netzwerk schreibt Offenen Brief an OBM

Ralf Julke
Sitz der Perdata am Martin-Luther-Ring.
Sitz der Perdata am Martin-Luther-Ring.
Foto: Ralf Julke
Das Leipziger April-Netzwerk ist alarmiert. Im November sorgte die Landesdirektion Leipzig mit einem Bescheid zum geplanten Haushalt der Stadt nicht nur für Verwirrung in der Stadt. Sie hatte auch eine Reihe Auflagen thematisiert, ohne die sie den Haushalt nicht genehmigen wolle. Der OBM kassierte daraufhin die geplante Bekanntgabe der Pläne zur Konsolidierung der LVV.

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Denn die Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft ist Teil des Leipziger Finanzierungsdilemmas. Eigentlich sollte sie Jahr für Jahr Gewinnerträge an den Haushalt der Stadt abführen. Doch das kann sie erst, wenn sie ihren eigenen Schuldenberg in Griff bekommt. Auch deshalb versuchten Stadt und LVV-Geschäftsführung im Jahr 2011, Käufer für die beiden Tochter-Unternehmen der LVV-Tochter Stadtwerke Leipzig - Perdata und HL komm - zu finden. Und zwar für jeweils 49,9 Prozent der Anteile. Am Ende stand eine stille Erwartung von über 30 Millionen Euro Erlös, der den Schuldenberg der LVV verkleinern würde.

Das Verfahren ging ja bekanntlich wie das Hornberger Schießen aus. Tatsächlich fand sich auch nur ein ernsthafter Bieter - und der wollte eins der beiden Unternehmen zu 100 Prozent übernehmen - zum Preis fürs halbe. Was der Landesdirektion irgendwie das Signal war, nun der Stadt klar zu machen, dass sie jetzt bitteschön ernsthaft ans Verkaufen gehen solle, sonst wäre wohl der nächste Haushalt nicht genehmigungsfähig. Ein erstes Schreiben dazu wies Burkhard Jung - nach eigener Aussage - zurück. Ein zweites folgte und entspräche nun, so Jung, wohl der gesetzlichen Billigkeit.

Am 30. November traf sich der Stadtrat zu einer eilig anberaumten Sondersitzung, in der auch noch einmal erklärt wurde, dass die Forderung der Landesdirektion dahin ginge, dass die Stadt durch Verkäufe möglichst einen Buchwert von 70 Millionen Euro erzielen möge. Seitdem soll, so hört man, der Komplettverkauf von Perdata und HL komm kein Tabu mehr sein. Doch genau das bringt nun die Anti-Privatisierungs-Initiative Leipzig, kurz APRIL-Netzwerk, wieder auf die Barrikaden. Denn damit wird auch der Stadtratsbeschluss ausgehebelt, der die Lenkungshoheit in beiden Unternehmen in Leipzig belassen wollte.

Am Sonntag, 11. Dezember, schrieb die Initiative deshalb einen besorgten Brief an Oberbürgermeister Burkhard Jung. Darin wird auch endlich Transparenz in diesem Verfahren gefordert, in dem es auch um Eigentum der Leipziger geht. Denn nachdem das eigentliche Bieterverfahren eigentlich ohne sinnvolles Ergebnis verlief, laufen alle Absprachen und Verhandlungen jetzt wieder hinter den Kulissen. Eine wirkliche Beteiligung der Öffentlichkeit findet nicht statt. Eine Diskussion darum, welche Lösung nun tatsächlich nachhaltig und sinnvoll für die Stadt und ihre Holding ist, ebenso wenig.

Verkaufskandidat Perdata.
Verkaufskandidat Perdata.
Foto: Ralf Julke

Der Offene Brief des APRIL-Netzwerkes an den OBM

"Leipzig, 11.12.2011

Transparenz und Öffentlichkeit bei geplanten Anteilsverkäufen der LVV

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

die Anti-Privatisierungs-Initiative Leipzig (APRIL-Netzwerk) verfolgt kritisch die Entwicklung der geplanten Anteilsverkäufe der LVV GmbH. Unsere Position dazu haben wir verschiedentlich öffentlich gemacht, sie dürfte Ihnen nicht unbekannt sein.

Angesichts der aktuellen Ereignisse im Zusammenhang mit dem Bieterverfahren für perdata und HL komm sowie angesichts des Genehmigungsbescheides der Landesdirektion zur Kapitalausstattungsvereinbarung Stadt Leipzig / LVV und den daraus möglichen Konsequenzen möchten wir uns direkt an Sie wenden.

Im Februar diesen Jahres wurden mit dem Stadtratsbeschluß (RBV-675/11) zur Einleitung eines Bieterverfahrens zum Anteilsverkauf von je 49,9% der o.g. Unternehmen nicht nur Festlegungen getroffen, welche Kriterien dabei besonders berücksichtigt werden müssen, sondern es wurde auch beschlossen, die Bürgerinnen und Bürger über den Prozeß und die Entscheidungsgrundlagen zu informieren. Wir fürchten in Anbetracht der bisherigen Entwicklung, dass beidem nicht Rechnung getragen wird. Wir möchten Sie daher dringend bitten, dafür Sorge zu tragen, dass

1. die Ratsvorlage betreffend der geplanten Anteilsverkäufe, die im Januar zum Beschluß vorgelegt werden soll, rechtzeitig und vollständig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird - einschließlich der kompletten Angebote der Bieter,

2. das öffentliche Bürgerforum, das im o.g. Beschluß vom Februar 2011 zugesagt wurde, rechtzeitig öffentlich anzukündigen und in einer Weise zu gestalten, dass die wesentlichen Argumente für oder gegen eine Privatisierung nachvollziehbar dargelegt werden - zur ausgewogenen Information der Öffentlichkeit und fundierten Meinungsbildung der Stadträte; nach unserer Auffassung würde diesem Anspruch auch eine öffentliche Anhörung von Experten verschiedener Seiten gerecht werden - entsprechend der Geschäftsordnung der Ratsversammlung, §9, Absatz 3.

3. bei allen Vorgängen und Maßnahmen im Zusammenhang mit geplanten Privatisierungen kommunalen Vermögens - auch und gerade, wenn sie mit dem o.g. Genehmigungsbescheid der Landesdirektion begründet werden - dafür zu sorgen, dass sie transparent und nachvollziehbar für die Bürgerinnen und Bürger gestaltet werden.

Wir halten diese Schritte aus verschiedenen Gründen für dringend geboten. Zum einen sind die Leipziger Bürgerinnen und Bürger über Ablauf, Inhalte und genaue Ergebnisse des abgeschlossenen Bieterverfahrens nicht informiert. Andererseits entnehmen wir den Ausführungen des LVV-Geschäftsführers Josef Rahmen im Interview mit BILD (07.12.2011), dass er Ihnen den 100%igen Verkauf der "perdata" vorgeschlagen hat. Darüber hinaus hat er ein "verbessertes Angebot" der "versatel" für die HLKomm angekündigt.

In der Ratsversammlung am 30.11. haben Sie den Auflagenbescheid der Landesdirektion -und damit die Festlegung, dass beide o.a. Unternehmen vollständig zu verkaufen sind, - akzeptiert. Von daher müssen wir davon ausgehen, dass Sie entgegen dem Ratsbeschluss vom Februar dem Stadtrat die Umsetzung dieser Auflage vorschlagen werden.

Die Frage ob, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen diese Verkäufe wirtschaftlich sinnvoll und strategisch nachhaltig sind, steht offensichtlich nicht im Zentrum der Debatte.

Wir können Ihnen jedoch versichern, dass fehlende Transparenz und "TINA"-Argumentationen ("there is no alternative") à la Margret Thatcher das Gegenteil von Akzeptanz erzeugen und zu noch mehr Politik- und Politikerverdrossenheit führen würden. Die Tatsache, dass im Vorfeld des Beschlusses vom Februar ein Expertenforum durchgeführt wurde und nun die Durchführung eines Bürgerforums Beschlusslage ist, lässt uns davon ausgehen, dass Sie sich dieser Problematik selbstverständlich bewusst sind.

Wir für unseren Teil sind bereit, eine sachlich fundierte, ausgewogene und ergebnisoffene Diskussion in der Öffentlichkeit zu befördern. Wir möchten dazu beitragen, in unserer Stadt echte Demokratie zu leben und bitten Sie in diesem Sinne unsere Vorschläge zu berücksichtigen. Der Intention dieses Briefes folgend werden wir selbigen veröffentlichen.

Wir verbleiben in Erwartung Ihrer Antwort

mit freundlichen Grüßen.


Wolfgang Franke und Mike Nagler

Für das APRIL-Netzwerk (Anti-Privatisierungs-Initiative Leipzig)"

www.april-netzwerk.de

www.kommunal-ist-optimal.de

Der Offene Brief als PDF zum download.


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