Leipziger Beteiligungsverkäufe und Schulden: LVV-Geschäftsführer sehen dringenden Aufklärungsbedarf
Matthias Weidemann
06.02.2011
Josef Rahmen und Detlev Kruse.
Foto: LVV
Es sei an der Zeit, dass auch die sich mal zu Wort melden, über die momentan alle Welt berichtet, redet und schreibt. Dies obendrein oft, ohne Hintergründe und Zusammenhänge zu kennen. Solche Worte klingen nach Frust und Unmut. Wer so redet, fühlt sich falsch verstanden. Von den Medien, von der Politik und der Öffentlichkeit, ob gewollt oder ungewollt.
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Dringender Klärungsbedarf also. In diesem Falle für Josef Rahmen und Detlev Kruse, Geschäftsführer der Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft. Dies nicht nur angesichts der viel diskutierten geplanten Verkäufe der beiden Tochterfirmen HL-Komm und perdata. Eine Art Aufklärungsrückstau also, den es dringend abzubauen gilt. Die L-IZ führte ein exklusives Hintergrundgespräch.
Man sei mittlerweile etwas dünnhäutig geworden, so Detlev Kruse. Immerhin habe man die gegenwärtige Entwicklung der LVV schon vor etwa zweieinhalb Jahren vorausgesagt. „Doch damals hat niemand auf uns gehört oder hören wollen.“ Quasi die vielzitierten Rufer in der Wüste der Ungläubigen waren die Verantwortlichen der LVV. Immerhin 760 Millionen Euro Schulden sind aufgelaufen. Zinsen und Tilgungsraten in Höhe von 60 Millionen Euro sind so pro Jahr fällig. Ein Umstand, der es laut Detlev Kruse zwingend notwendig mache, die beiden LVV-Töchter HL-Komm und perdata dem Markt zum Verkauf anzubieten.
Dass hier jedoch darüber noch Debatten im Stadtrat geführt werden, bei denen parteipolitische Partikularinteressen im Vordergrund stehen, stößt bei der Geschäftsführung der LVV auf großes Unverständnis und lässt dort vermuten, dass man im Stadtrat nicht in der Lage oder Willens sei, wirklich strategisch über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinaus zu denken und zu planen, ein Zeitraum, der über das Maß der üblichen Legislaturperioden hinausgehe. Das lässt einen - wie den eigentlich dynamisch erscheinenden Detlev Kruse - schon manchmal resignieren: „Ich verstehe Politik nicht wirklich, das ist nicht meine Welt und ich will es auch nicht verstehen. Ich verstehe was von Wirtschaft.“
Josef Rahmen ergänzt dazu: „Es ist einfach das Problem, dass gewisse Entscheidungen von Tragweite eine bestimmte strategische Flughöhe brauchen. Gerade bei einem Unternehmen wie der LVV werden Projekte in Angriff genommen, die eine Nachhaltigkeit von 20 bis 30 Jahren haben. Da wird viel Geld investiert. Da muss ich einen anderen Blick haben. Sicher sind kurzfristige Lösungen, was den Stadtetat betrifft, auch wichtig, aber mit den langfristig ausgerichteten Projekten sichern wir auch die kurzlebigen, die ja jedes Jahr neu aufgelegt werden müssen. Das wird zuwenig differenziert gesehen.“
Teilverkaufskandidat HL komm.
Foto: Ralf Julke
Das Signal an der Stelle sei, so Rahmen, dass, wenn man nachhaltig stabil weiter entwickeln wolle, Entscheidungen mit einer anderen Priorität gefällt werden müssten, weil diese die Stadt auf Dauer finanzieren. Josef Rahmen weiter: „Wir haben jetzt diese Diskussion um die Beteiligungsverkäufe. Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle.“
Detlev Kruse dazu: „Es ist einfach so, dass wir irgendwann mal das Fremdkapital, das wir eingesetzt haben, auch zurückzahlen müssen. Dabei haben wir das Problem, dass wir als LVV genau an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft sitzen. Da wurde Geld aufgenommen, ohne jemals daran zu denken, das zurückzuzahlen. Das ist paradox. Das mag möglicherweise in der Politik gültig sein, aber nicht in der Wirtschaft. Es kann nicht sein, dass ein Konzern sagt, ich nehme Fremdkapital auf, um weiter investieren und Projekte machen zu können, aber gleichzeitig glaubt, das niemals zurückzahlen zu müssen. Versuchen Sie das mal als Privatmann bei einer Bank, wenn Sie so ein Haus finanzieren wollen. Dieser Konzern hat sich all die Jahre genauso verhalten. Aber wir haben die Verantwortung für sehr langfristige Objekte. Ob es nun die LVB sind, Kraft- oder Wasserwerke. Alles sehr langfristige, kostspielige Projekte, die am Laufen gehalten und finanziert werden müssen. Auf der anderen Seite sind wir verpflichtet, Kosten abzubauen. Wir haben das seit zweieinhalb Jahren gesagt, dass wir das aus dem laufenden Geschäft nicht schaffen und entsprechend umstrukturieren müssen. Sollten wir das aber wirtschaftlich nicht schaffen, müssen wir der Stadt sagen, dass sie uns etwas zuschießen muss.“
LVV-Geschäftsführer Detlev Kruse.
Foto: LVV
Aber all das habe man schon seit zweieinhalb Jahren auf sämtlichen Ebenen kommuniziert, meint Detlev Kruse, und nun tue man so, als sei das eine ganz neue, überraschende Situation: „So behandelt man seine Unternehmen einfach nicht.“ Da komme man, so Detlev Kruse, wieder bei der notwendigen, aber von Seiten der Stadt nicht eingehaltenen, strategischen Flughöhe an: „Da fehlt einfach die Einsicht, dass man dieses Problem nicht aussitzen kann, sondern es lösen muss. Eine Lösung sollte der Verkauf der Stadtwerke sein. Dass dies nicht geschehen ist, hat nichts gelöst. Auch wenn das viele gedacht haben. Es ist daraufhin nichts geschehen. Das Problem ist zwar etwas kleiner geworden, weil wir die letzten zweieinhalb Jahre vernünftig gearbeitet haben. Aber es ist immer noch da. Also schauen wir unser Portfolio an und sehen, dass wir interessante Unternehmen haben, bei denen wir Beteiligungsverkäufe vornehmen können. Somit können wir das Problem zumindest ansatzweise angehen, um härtere, größere Einschnitte zu vermeiden. Denn wir sind der Überzeugung, dass es wichtig ist, über die stadteigenen Unternehmen, die betriebswirtschaftlich für die Stadt eminent bedeutend sind, die Geschäftshoheit zu wahren. Damit werden pro Jahr immerhin 60 Millionen Euro erwirtschaftet.“
Dennoch lebe man, so Detlev Kruse weiter, praktisch von der Hand in den Mund. Dies habe auch mit den zurzeit historischen Tiefständen auf dem Finanzkreditmarkt zu tun. Weiter nach unten könne es nicht gehen. Sollte sich der Zinssatz nur um zwei Prozent erhöhen, würde das - gemessen an den 760 Millionen Schulden alleine für Zinsen - jährliche Mehrkosten von 15 Millionen bedeuten. Detlev Kruse: „Und das ohne jegliche Wertschöpfung. Wenn da etwas schief geht, haben wir ein Riesenproblem. Aber wir als Unternehmen haben die Pflicht, auch in fünf oder zehn Jahren stabil dazustehen. Da kann man nicht von der Hand in den Mund leben und sich darauf verlassen, dass die Zinsen weiter so niedrig bleiben.“ Das bedeute aber im Umkehrschluss nicht, dass die LVV schlecht aufgestellt sei: „Wir sind ein Unternehmen mit rund 5000 Mitarbeitern, das jährlich 200 Millionen Euro in die Region Leipzig investiert. Eine enorme Wertschöpfung. Das sollte auch entsprechend bewertet werden. Denn so gesegnet mit großen Unternehmen sind wir in der Region nicht.“
Einen zumindest Teilverkauf der LVV-eigenen Unternehmen sehen die Geschäftsführer angesichts der Lage und der Ausrichtung der perdata und der HL-Komm als unabdingbar an. Dies trifft insbesondere auf die HL-Komm zu, die einen Investitionsbedarf von 100 Millionen Euro für das Glasfasernetz angemeldet hat. Dies sei jedoch von der LVV erstens nicht zu stemmen und zweitens zu risikoreich, da die technischen Entwicklungen in diesem Bereich so rasant fortschreiten, dass man keine Erfolgsgarantie geben könne.
LVV-Geschäftsführer Josef Rahmen.
Foto: LVV
Josef Rahmen, selbst studierter Elektroingenieur der Nachrichtentechnik, meint: „Schließlich müssten die Leitung auch mit Inhalt, sprich mit Programm gefüllt werden. Doch gerade hier liegt das Problem. Die HL-Komm beziehungsweise perdata sind technisch wohl hervorragend aufgestellt, aber es müssen auch die entsprechenden Programme beziehungsweise Inhalte beschafft werden. Dieser Markt ist hart umkämpft und da muss man sich auskennen, der hat eine sehr, sehr lange Amortisationszeit. Außerdem würde die Firma dann mit dreißig- bis vierzigtausend Kunden konfrontiert, die alle Anspruch auf einen perfekten Service haben. Da fehlt das Know-how. Deshalb sollte das Unternehmen an einen Investor verkauft werden, in dessen Portfolio das passt und der es weiter entwickeln kann.“ Aber das sei schon viel zu weit gedacht, so Josef Rahmen.
In der kommenden Stadtratssitzung gehe es vorrangig erstmal darum, dass man überhaupt den Markt sondieren könne, um dann einen entsprechenden Partner oder Investor zu finden. Das werde dann grundsolide vorbereitet, wobei es dann aber auch sein könne, dass man keinen Interessenten findet, weil Leipzig eigentlich schon bestens mit Kommunikationstechnik ausgerüstet ist und eine zu starke Konkurrenz herrscht. Aber auch wenn kein Verkauf stattfinden sollte, werde man nicht das Handtuch werfen.
Josef Rahmen: „Natürlich bräuchten wir die Erlöse aus den Verkäufen, um die Entschuldung in Angriff zu nehmen. Dennoch müssen wir auch bei einem Nichtzustandekommen weiter Schulden abbauen. Dann schauen wir aber genau, was wir uns noch leisten können, wo wir investieren. Dann kommt alles auf den Prüfstand, was allerdings niemand wirklich will.“ Langfristig sähe man die LVV übrigens eher in der Region verankert. Auslandsinvestitionen oder gar Cross Boarder Leasing Geschäfte kämen unter keinen Umständen in Frage.
Josef Rahmen: „Ich sage nur, Schuster, bleib bei Deinen Leisten. Wir sind in der Region bekannt und haben einen guten Namen, auf dem wir aufbauen können. Deshalb werden wir auch hier investieren, somit auch hier Arbeitsplätze schaffen. Wir haben bisher mit keiner einzigen Auslandsinvestition auch nur einen Cent verdient. Da sehe ich weder Strategie noch Plan. Wir müssen unser Business in der Region grundsolide machen und unser Haus hier bestellen. So schaffen wir Vertrauen.“ Man darf also angesichts der anstehenden Stadtratssitzung am Mittwoch gespannt sein, wie man das Thema LVV und Beteiligungsverkäufe dort diskutiert und auf welch strategischer Flughöhe eventuell entschieden wird. L-IZ bleibt dran, in welcher Höhe auch immer.
Josef Rahmen und Detlev Kruse sind seit 1.4.2008 Geschäftsführer der LVV. Josef Rahmen, ehemals Chef der Messe Leipzig, und Detlev Kruse als kaufmännischer Geschäftsführer, ehemals Finanzdirektor der Berliner Verkehrsbetriebe.
Die LVV ist eine Holding-Gesellschaft, welche die Aktivitäten der Stadt im Bereich Energie, Wasser/Abwasser und Verkehr steuert.
Zur Quelle der Schulden der LVV: 760 Millionen Euro, für die jährlich zwischen 60 und 70 Millionen Euro an Zins und Zinseszins zu zahlen sind. Es handelt sich fast komplett um "zwischengeparkte" Kredite, die eigentlich durch die Stadt selbst verursacht wurden. Jeweils aus strategisch berechtigten Gründen - 460 Millionen der heutigen Schulden gehen allein auf den Rückkauf der Stadtwerke-Anteile von 2003 zurück, 110 Millionen Euro auf den Kauf von Anteilen an der VNG, 150 Millionen auf den Kauf von Anteilen an der EEX.
Bis 2014 erwartet die LVV eine Deckungslücke von 123 Mill. Euro. Um die Verschuldung nachhaltig abzubauen, sollen die SWL ihren Gewinn von 60 (2010) auf 65 Mill. Euro (2011) steigern. Ohne Unternehmensverkäufe (bis 74.5 % der HL-komm und bis 49.9 % der perdata) ist die LVV auch nicht mehr in der Lage, die 33 Mill. Euro für die Nahverkehrsfinanzierung aufzubringen, so dass der Zuschuss aus dem Stadthaushalt kommen müsste. (Quelle: l-iz.de vom 27.01.2011)
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