Durchgeblättert: Leipziger Verlage auf der Buchmesse (1)
Marko Hofmann
20.03.2011
2011: An den Ständen der Verlage, die nun mal zum Großteil auf einer Buchmesse ihre Produkte anpreisen, geht es gemächlicher zu.
Foto: Matthias Weidemann
Die Leipziger Buchmesse: Tummelplatz und Rummelplatz am Rande der Stadt. Wo die einen sich tummeln und nach den neuesten Erzeugnissen aus der Druckerpresse gieren, präsentieren die anderen ihre neuesten Attraktionen. Mal mit mehr, mal mit weniger Bohey. Was haben denn die Leipziger Verlage in all dem Trubel dieses Jahr zu bieten?
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Stickige Luft, pro Quadratmater zwanzig Besucher in der Minute, ein Gefühl von Dauer-Autoscooter mit Menschen: Die Atmosphäre auf der Buchmesse hat sich – zum Glück – auch 2011 nicht verändert. In den kleinen oder großen Kabinen stehen die, die es ein wenig gemütlicher haben. An den Ständen der Verlage, die nun mal zum Großteil auf einer Buchmesse ihre Produkte anpreisen, geht es gemächlicher zu. Die Besucher nehmen auch mal Platz, an den Rändern der Regale oder konventionell auf Stühlen, und lesen. Andere finden sich im Gespräch mit Standpersonal wieder. Diskutieren, ja disputieren zuweilen auch. So ist es bei den großen Verlagen wie Kiepenheuer + Witsch, so ist es auch bei den Leipziger Verlagen. Am Stand des Plöttner-Verlags etwa. Mitarbeiter Hagen Schied kennt die Fragen der Besucher. Wenn jemand fragt, „was es denn so Neues gibt“, setzt der junge Mann seinen fachkundigen Blick auf und sortiert seine Gedanken.
Und das ist auch nötig, denn bei Plöttners gibt es so einiges an Novitäten wie ich selbst erfahren sollte. „Ich bin gerne Deutscher – eine Liebeserklärung“ von Harald Nicolas Stazol etwa. Ein Titel, der zuerst ein politisches Pamphlet über Für und Wider deutschen Nationalstolz erwarten lässt, aber eher wenig damit zu tun hat. Der Lebemann Stazol hat sich viel mehr auf Reisen gemacht. Auf Reisen durch Deutschland. „In diesem Buch beschreibt er in seinem Stil die Erfahrungen, die er auf diese Reise gemacht hat. Also geht es weniger politisch zu, auch wenn er auch aktuelle politische Probleme anspricht, und dafür mehr in Richtung Kunst und Mode“, so Schied. „Er ist eben Lifestyle-Journalist durch und durch“.
Die Atmosphäre auf der Buchmesse hat sich – zum Glück – auch 2011 nicht verändert. Noch bis zum 20. März läuft die Bücherschau in Leipzig.
Foto: Jan Kaefer
Im weißen Blechregal direkt daneben liegt eine weitere Neuheit, die mir Schied ans Herz legt Mick Schulz’ „Und plötzlich kam kein Morgen“. Hier geht es auch ums Reisen. Aber ein weitaus unbequemeres. „Es ist ein Familiendrama über eine Familie, die am Ende des Zweiten Weltkriegs ihr Gut verlassen muss“. Wer aber jetzt denkt, dass es um schmerzhafte Erfahrungen von Verlust geht, liegt falsch. Es geht um die Rückkehr des Sohnes, der das Gut nach der Wende zurückkauft.
Aber, wieder falsch gedacht, es geht auch nicht um Rückübereignungsansprüche. „Es geht um die Schuld der Familie, eine Schuld aus dem Zweiten Weltkrieg, von der der Sohn von einer Frau erfährt, die damals wie heute auf diesem Gut wohnt.“ Und dann lässt mich Schied allein mit meiner Fantasie und kommt direkt zum nächsten Buch. Eine Leipziger Geschichte, die in Volksmarsdorf beginnt und aus der Feder von Susan Hastings stammt. Aus einer Arbeiterfamilie kommend, zieht die 16-jährige Elisabeth Voigt mit ihrem Mann nach Südafrika. „Aber statt seiner Frau ein schönes Leben zu ermöglichen, verkauft er sie als Prostituierte“. Genügend Lesestoff bei Plöttner also.
Fast zuviel zu sehen - doch die Leipziger Verlage sind auch wieder dabei auf der Buchmesse 2011.
Foto: Jan Kaefer
Lesestoff der etwas anderen Art gibt es beim Leipziger poetenladen verlag. Lyrik und Prosa sind hier das Kerngeschäft. Der Stand ist eine exotische Insel auf der Messe, meine ich. Wann liest man schon mal von einem Autor, der mit seinen neuesten Gedichten die Welt der Literatur erobert und damit das Lebensgefühl der Menschen prägt? Matthias Reim und Hartmut Engler, die sicherlich selbst am meisten an die Poesie in ihren Werken glauben, schreiben ja auch lieber Biografien. „Also ich lese gern Gedichte und sehe hier viele Stände, an denen Lyrik und Prosa eine Rolle spielen“, versucht Mitarbeiterin Anna Lischper meine Zweifel an der Wichtigkeit von - vor allem - Gedichten auf dem kommerziellen Literaturmarkt wegzuwischen. Prompt legt sie mir mehrere Drucke aus dem eigenen Hause vor. „Der gelbe Akrobat – 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert“ ist eines davon.
„Peng – Lyrikstories und andere Gedichte“ von Tina Gintrowski ein anderes. Auffällig ist vor allem, dass das Gedicht von heute wohl nicht unbedingt an die konventionelle Strophenform gebunden ist. Gedichte im Blocktext sind ein neuer Trend und verwirren. Sind das dann noch Gedichte? „Gedichte in Strophen ist doch nur ein Merkmal von Gedichten aus der Vergangenheit. Lyrik ist mehr als nur eine Form“, erklärt mir Lischper. „Bei einem guten Gedicht muss ich Bilder im Kopf haben. Es muss die Fantasie anregen. Da spielte die Form keine Rolle“. Mehr über Lyrik und Prosa von heute kann man im Internet erfahren. Der Verlag poetenladen ist einst aus einer Internetplattform entstanden und die gibt es immer noch.
Was es nicht gibt, sind Bilder von den freundlichen, aber bilderscheuen Gesprächspartnern zu diesem Beitrag. Buchmenschen sind wahrscheinlich was das betrifft, eher zurückhaltende Menschen.
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