Leipzig hört: Peter Matic las aus Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" in der Alten Handelsbörse.
Foto: Daniel Thalheim
Er ist die deutsche Stimme von Ben Kingsley. Der Wiener Schauspieler ist einer der wenigen, die es schafften, Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" komplett gelesen zu haben. Tausende Seiten Stimme auf CD. Die Handelsbörse am Naschmarkt füllt sich.
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Schon an der Grimmaischen Straße, Höhe Naschmarkt, vernehmen umher bummelnde Passanten eine laute Stimme, Lachen. Woher die Geräusche nur kommen? Im feinen Nieselriegen gehen einige Leute zielstrebig zur Alten Handelsbörse, jenem Leipziger Barockbau aus 1678, der bis zum Bau und Vollendung des Neuen Rathauses 1905 den Leipziger Stadtabgeordneten als Sitzungssaal diente. Heute Abend ist das anders.
Die deutsche Stimme von Ben Kingsley: Peter Matic aus Wien.
Foto: Daniel Thalheim
Die erzählende Stimme, die manche draußen vernommen hatten, stammt von McDonald's-Werbestimme Gordon Piesesack, der Ivar Leon Menger´s "Darkside Park" vorliest. Er sitzt aber nicht mehr lange auf seinem Stuhl. Am Abend des 17. März kommt Peter Matić. Den ganzen "Proust" will er zwar nicht lesen, dafür entlockt Moderator und rbb-Redakteur Claus-Ulrich Bielefeld dem Wiener Burgtheaterschauspieler und der deutschen Synchronstimme von Ben Kingsley ziemlich viel, was Matić beim Lesen des Mammutwerks mit seinen 4.195 Buchseiten empfand.
Acht Jahre mit Pause benötigten der Wiener und sein Hörbuch-Regisseur Ralph Schäfer für die sieben Bände rund um die Pariser Salongesellschaft um 1900. Matić erzählt, dass Proust einen straft, wenn man unaufmerksam die langen Passagen liest - und ja: Matić liest auch zuhause zuweilen laut. Anders ginge es nicht, vor allem, wenn sich mitunter Schachtelsätze über drei Seiten hinziehen können. Da wird so mancher ex-Pennäler sich sagen, das ist ja schlimmer als Thomas Mann. Vielleicht sind die Langatmigkeit und Detailfreude bei Marcel Proust (1871 - 1922) die Gründe dafür, dass viele Leser den Roman irgendwann abbrechen.
Nicht so Matić. 156 Stunden Hörzeit schafft er mit seiner Stimme mit dem aktuellen Hörbuch"Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust. Immer in den Wintermonaten, zwischen 2001 und 2008 setzte sich Matić in die Studios des Rundfunk Berlin-Brandenburg und las die sieben Bände vollständig. Zur Buchmesse 2011 ist die Gesamtedition erschienen und wurde sogleich als "Hörbuch des Jahres 2010“ ausgezeichnet und für den Deutschen Hörbuchpreis 2011 nominiert. Es ist das aktuell umfangreichste Hörbuch-Großprojekt im deutschsprachigen Raum, was wohl die zahlreichen Gäste am heutigen Abend wissen. Bald erfahren sie auch von Ralph Schäfer, dass die digitale Technik recht undankbar ist, jedes Schmatzen, Schlucken und Magenknurren mussten heraus gefiltert werden. Er hatte bei all den technischen Aspekten, sich auch ein wenig Marcel Proust vergrätzt. Aber immer wenn Schäfer die Stimme von Matić hört, ist er versöhnt, dass alles so "schön" geworden ist. 156 Stunden auf dem iPod machen auch was her. Lachen.
Inzwischen ist das Interview beendet, Peter Matić liest Passagen aus dem Riesenwerk, die Gäste tauchen für rund 20 Minuten "In Swanns Welt" ein, lauschen den Betonungen, der geschulten Stimme von Peter Matić und applaudieren natürlich ausgiebig, als der gebürtige Wiener am ersten Leseabend von "Leipzig liest", bzw. "Leipzig hört" bei der Leipziger Buchmesse seinen letzten Auftritt gegeben hat. Wieder etwas verpasst, wird sich so mancher sagen.
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