Leipziger Buchmesse 2011: Interview mit Olja Savičević
Daniel Thalheim
17.03.2011
Olja Savičević, kroatische Romanautorin aus Split.
Foto: Andriana Kunca
Olja Savičević, 1974 in Split geboren, veröffentlichte drei Lyrikbände, die auszugsweise in mehreren Sprachen übersetzt wurden. 2006 wurden die Erzählungen in "Augustschnee" von der Zeitung Vijenac und dem Verlag AGM als bestes Manuskript des Jahres ausgezeichnet und publiziert. Voland & Quist veröffentlicht 2011 ihr Romandebüt "Lebt wohl, Cowboys". Savičević erzählt im L-IZ-Interview, was den Leser erwarten könnte.
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Hallo Frau Savičević. Ihr erster Roman ist nun veröffentlicht, den Sie zur Buchmesse auch in Auszügen lesen werden. Was geben Sie zum Besten?
Ich weiß, dass ich das Kapitel lesen werde, in dem meine Heldin Rusty durch den Ort streift und anhand der Grafittis an den Häuserwänden von ihm erzählt. Es ist ein Zitieren des Ortes und seiner Geschichte, und ich denke, dass dieser Ausschnitt den Leser gut in die Welt einführt, die ich beschreibe – die melancholische aber auch sehr unbarmherzige Welt eines Vororts am Meer.
Mich hat ihre Erzählsprache beeindruckt - Sie kommen schnell zum Punkt, oder?
Naja, meistens rede ich nicht lange um den Brei herum, und ich denke, es ist wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen. Wir sprechen und schreiben heute direkter als je zuvor, das verdanken wir zu einem gewissen Teil den neuen Medien, dem Internet. Das bietet auch neue sprachliche, stilistische Möglichkeiten, die mich als Autorin interessieren: Die Verbindung des Aktuellen und Hyperrealistischen mit dem Poetischen.
Erscheint im Frühjahr beim Leipziger Verlag Voland & Quist: Olja Savicevic' "Lebt wohl, Cowboys".
Bild: Voland & Quist
Auf mich macht der Roman den Eindruck als stehe eher die Mentalität der Protagonisten im Vordergrund als die Lösung des Falls "Daniel". Gibt es solche Menschen wie Marijana, "Gothic"-Witwen und andere in Kroatien tatsächlich?
Der Fall “Daniel”, wie Sie ihn nennen, ist eigentlich ein unlösbarer Fall, ein Verbrechen, das man nicht vor Gericht bringen kann und das die Folge einer gewissen Mentalität in einem kleinen, klaustrophobischen, provinziellen Umfeld ist. Viele Figuren aus dem Roman gleichen Menschen, die ich treffe und kenne, sie sind alle reellen Menschen nachempfunden, auch wenn sie natürlich fiktiv sind.
Split, meine Heimatstadt, die mir gewissermaßen als Vorlage gedient hat, ist eine typisch mediterrane Stadt, in der das Leben sich draußen, auf den Straßen und Plätzen abspielt. Und wie die kleinen dalmatinischen Orte ist sie voll von romanesken Gestalten, was für die Literatur gut ist, fürs Leben nicht immer.
Sind Indianer wirklich so prägend für die Leute im heutigen Kroatien gewesen durch die damaligen Filmproduktionen?
Wir sind in Jugoslawien mit Westernfilmen, Comics und Romanheften über den Wilden Westen groß geworden, und auch unsere Partisanenfilme sind so ähnlich wie Western. Zu einer Zeit vor meiner Geburt waren Indianer viel beliebter als Cowboys, die den „kapitalistischen Westen“ repräsentierten. Später wurde das unwichtig, aber bis vor kurzem hielt sich eine gewisse Faszination für die westliche Lebensweise – vor allem für Amerika. Schließlich gelangte die „westliche Lebensweise“ in die früher sozialistischen Länder Osteuropas, die verarmt, vom Krieg verwüstet und alles andere als bereit für den Transitionskapitalismus waren – genau wie der Wilde Westen. Es gibt mehr Parallelen zwischen dem Leben im wilden Westen und im heutigen Kroatien, als Sie sich vorstellen können.
Mir fällt auf, dass in "Lebt wohl, Cowboys!" der Selbstmord von Daniel immer stückchenweise eingeführt wird, zum Schluss die E-Mails. Auch hier wieder das Wesen des Menschen im Vordergrund, nicht die Tat. Man könnte denken, das Verhalten von Menschen interessiert Sie sehr, oder?
Menschen, Figuren – sind Geschichten. Mich interessieren alte Dinge: Liebe und Hass, Leben und Tod, Gewalt und ihre Folgen. Dinge, zu denen wir viele Fragen haben, aber für gewöhnlich keine Antworten. Besonders interessieren mich Menschen, die anders sind als ihr Umfeld. Mich interessieren die unsichtbaren Repressionsmechanismen dieses Umfelds und die Überlebensmechanismen eines Menschen, der, was seine menschlichen Eigenschaften angeht, diesem Umfeld überlegen ist, aber das hat - wenn es überhaupt je von Bedeutung war - heute nicht viel zu sagen. Auch wenn ich persönlich meine, dass nur solche Individuen Tag für Tag die Welt retten.
Würden Sie sagen, dass man durch ein Buch wie "Lebt wohl, Cowboys" Kroatien mehr kennenlernt, als wenn man als Tourist mit dem Motorrad hindurchfährt und sich Bauwerke anschaut?
Am besten fährt man mit dem Motorrad durch Kroatien und liest dann unter einem Baum oder Sonnenschirm „Lebt wohl, Cowboys“ oder einen anderen kroatischen Roman. So macht man sich womöglich das vollständigste Bild. Aber Scherz beiseite, „Lebt wohl, Cowboys“ ist kein Buch, das die Kroatische Tourismuszentrale empfehlen würde, und ich befürchte, es würde die Leute nur verschrecken. Aber andererseits erzählt es offen vom echten Leben, das in den Reiseprospekten nicht vorkommt.
Olja Savičević liest zur Leipziger Buchmesse aus ihrem druckfrischen Werk.
Foto: Andriana Kunca
Haben Sie gedacht, ich würde Sie zuerst fragen wie lange Sie für das Schreiben von "Lebt wohl, Cowboys" gebraucht haben und wo Sie überall recherchiert haben - Wie lange haben Sie an dem Werk geschrieben und wo haben Sie recherchiert?
Ha ha, ich dachte eigentlich Sie würden mich zuerst fragen, was mich zum Schreiben inspiriert. Das ist so eine beliebte Journalistenfrage. Der Roman hat einen starken Bezug zum Western, also habe ich zu Recherchezwecken Westernfilme geschaut, insbesondere sehr viele Spagetti-Western, was mir viel Spaß gemacht hat. Fürs eigentliche Schreiben habe ich etwa zwei Jahre gebraucht, mit Pausen.
Wer sind ihre Vorbilder?
Es gibt Schriftsteller, die ich mag, aber das sind sehr viele. Von denen, die auf Deutsch geschrieben haben, sind es die zeitgenössischen Klassiker Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, dann geht es weiter über Karin Kiwus und Ursula Krechel und andere Lyriker der Neuen Subjektivität bis hin zu Autoren meiner Generation wie Daniel Kehlmann, Clemens Meyer oder Kathrin Röggla, die ich kürzlich dank meiner Übersetzerin Blažena Radas in einer Zeitschrift entdeckt habe und von der ich sehr gerne ihr ganzes Buch in kroatischer Übersetzung lesen würde.
Im Roman essen die Leute auch nur Makkaroni und Pizza, wie wir in Deutschland. Gibt es eine echte kroatische Leib- und Magenspeise, die Sie empfehlen können?
Sie haben Recht: ich habe das Proletariat beschrieben, Leute, die nicht ins Restaurant gehen und nicht sich viel um gesunde Ernährung scheren oder sich diese nicht leisten können (und das sind die meisten in Kroatien).
In Dalmatien gibt es ausgezeichnete Fisch- und Meeresfrüchte-Spezialitäten. Wenn Sie es genau wissen wollen: mein Leibgericht sind Muscheln und Garnelen „na buzaru“, also vom Grill und mit einer Sauce aus Zwiebeln, Olivenöl und Weißwein. Oder Pašticada mit Gnocchi, ein Fleischgericht mit Äpfeln, getrockneten Feigen oder Pflaumen und Kartoffelklößchen. Ich muss das mal in einem Roman beschreiben, es wäre wirklich schade, den Leuten so leckere Dinge zu verschweigen.
Auf was freuen Sie sich am meisten, wenn Sie am kommenden Wochenende in Leipzig sind?
Ich bin zum dritten Mal in Leipzig und habe mich hier immer wohl gefühlt, entspannt, fast schon heimisch, ich gehe gerne einfach so durch die Stadt spazieren, war schon in den meisten Museen und habe ein paar Lieblingskneipen, in die ich nochmals gehen möchte. Die Leipziger Buchmesse ist der Ort, wo ich die meisten meiner Schriftstellerfreunde und -kollegen aus verschiedensten europäischen Ländern treffen kann. Es ist toll, ein Teil dieses großen Treffens zu sein, vor allem, wenn man als Autor aus einem Land kommt, das leider am Rande des Kulturgeschehens liegt.
Welche kroatischen Dichter und Autoren würden Sie uns Deutschen wärmstens empfehlen?
Von denen, die man auf Deutsch lesen kann, würde ich zwei Autorinnen der jüngeren Generation empfehlen: Ivana Sajko und Ivana Simić Bodrožić, deren Bücher gerade übersetzt wurden. Und den Lyriker Marko Pogačar, dessen Gedichte voriges Jahr auf Deutsch erschienen sind.
Vielen Dank für das Interview, es war mir eine Freude.
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