Mitternachtsboogie: Die frühen Geschichten von Edo Popovic samt Zugabe
Ralf Julke
27.02.2011
Mitternachtsboogie.
Foto: Ralf Julke
Nicht nur die Serben kommen zur Leipziger Buchmesse in diesem Jahr. Auch andere Autoren aus dem einstigen Jugoslawien kommen nach Leipzig. Zum Beispiel Edo Popovic, seit ein paar Jahren im Programm des Verlags Voland & Quist, welcher jetzt auch den Erstling des kroatischen "Wunderkindes" vorgelegt hat: "Mitternachtsboogie".
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Eigentlich ist es eine Sammlung von kurzen Geschichten, die der 1957 in Zagreb geborene Autor in den 1980er Jahren in diversen Magazinen und Literaturzeitschriften veröffentlicht hatte. Die Geschichten machten ihn als enfant terrible der jungen jugoslawischen Literatur bekannt, das Buch hob ihn in den Himmel des frühen Ruhmes. Und danach war - so schien es - auf einmal Schluss, der Sprit verbraucht, der Autor schon wieder leergeschrieben. E hätte niemanden gewundert, wenn von Popovic nie wieder ein Buch erschienen wäre.
Das, worüber er schrieb, war sein eigenes Leben - ein Leben voller Tristesse, Alkohol, Sehnsüchten, Ausbrüchen, Sex und einer bärbeißigen Mischung aus Weltschmerz, Lebensverachtung und Frauenfeindlichkeit. Zumindest kommen die Frauen in den Geschichten nicht allzu gut weg. Das kann am Milieu liegen, das Edo Popovic schildert - dem Milieu trister Wohnsiedlungen und ebenso trister Mitternachtskneipen, in dem sich zusammenfindet, was in dieser gesellschaftlichen Erstarrung ein bisschen Gesellschaft sucht. Doch selbst das ödet den Helden augenscheinlich an. Und mit der Selbstverachtung pflegt er denn auch die Distanz zu den anderen - eben auch zu den Frauen, von denen zwei trotzdem so etwas wie eine Konstante in diesem diffundierenden Leben zu spielen scheinen, auch wenn es jedes Mal andere Frauen zu sein scheinen, die in die Rolle der Nana und Snjezana schlüpfen.
Die Vorbilder, die ihn beschäftigen, benennt Popovic fast alle - Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder gehören dazu, die mit ihren düsteren Filmbildern nicht nur die deutschen 1980er Jahre prägten. Übrigens ein Deutschland, das Popovic selbst erlebte und in einigen seiner Geschichten adaptiert. Mit Charles Bukowski benennt er einen anderen ebenso "heruntergekommenen" Dichter, der aus der Perspektive von Straße und Alkohol seine Sicht auf die Welt eindrucksvoll zu Papier brachte. Unübersehbar sind aber auch die Bezüge zu William S. Burroughs (den er auch erwähnt) und damit zur Beat-Generation.
Edo Popovic: Mitternachtsboogie.
Foto: Ralf Julke
Und schon das allein lässt staunen. Denn Ähnliches war in der parallel erscheinenden Literatur der DDR so nicht möglich. Bis 1989 nicht. Popovics Geschichtensammlung erschien 1987. Da gab es das alte Jugoslawien noch. Der Vielvölkerstaat zerfiel erst ab 1991 in seine Teilrepubliken und das Kernland der alten Föderation, Serbien, entfesselte daraufhin den jüngsten aller europäischen Kriege, in dem auch Edo Popovic unterwegs war - er schrieb Reportagen aus dem Krieg, die - so erwähnt es zumindest seine Übersetzerin Alida Bremer - zum Besten gehören, was er schrieb. Doch in Buchform sind sie bis heute nicht erschienen. Der Autor will es scheinbar selbst nicht, hält das Kriegskapitel für das Ödeste und Bedrückendste in seinem Leben. Was verständlich ist.
Er hat den Krieg trotzdem später in drei eigenen Erzählungen verarbeitet. Eine davon - „Unter dem Regenbogen“ - hat Alida Bremer dem Geschichtenband von 1987 beigefügt, damit wenigstens dadurch die Lücke ein wenig kleiner wird für den deutschen Leser zwischen den Geschichten aus den 1980er Jahren und Popovics drei erfolgreichen Büchern von 2003 ("Ausfahrt Zagreb-Süd"), 2005 ("Die Spieler") und 2007 ("Kalda"), die alle drei bei Voland & Quist erschienen und im heutigen Kroatien handeln. Bücher, die in ihrer nüchternen Distanziertheit zwar ein ganz ähnliches Milieu berufen wie die Geschichten in "Mitternachtsboogie". Doch der Autor ist sichtlich ein anderer, kritischerer. Möglich, dass es ausgerechnet der Krieg war, der ihn verändert hat. Denn gut sah es um den Autor von "Mitternachtsboogie" nicht aus, als er den bis 1986 entstandenen Geschichten noch drei Anhänge verpasste - den einen zur Geschichte des Buches, der mit der recht deutlichen Frage endet: "Und was nun, Edvard, du Arsch?"
Ein knapper Lebenslauf versieht dann das Jahr 1987 mit der trockenen Aussage "fighting for survival".
Da sah Popovic also nicht wirklich ein Licht am Horizont der letzten schon bedrückenden Jahre des Nach-Tito-Jugoslawien. Es ist die logische Schlussnote zu Geschichten voller Blues und Lethargie, voller Rausch und dem flauen Gefühl an den Tagen danach. Und da sich die Geschichten oft ähneln, ähnelt ihre Zusammenstellung einem Reigen der Gefühle zwischen wildem Liebesrausch und gepflegter Verachtung für die eigenen Gefühle. "Doch die Erinnerungen sind giftiger Efeu in der Kehle, sie verwandeln Zärtlichkeiten in Schuldgefühle", ist einer dieser Sätze, die ahnen lassen, womit sich der allweil versackende Held manchmal herumschlagen muss - bevor er dann wieder zur großen, schnodderigen Geste ausholt, die dann wieder im großem Badoum, Badoum endet, dem pochenden Kopfschmerz beim Erwachen am nächsten Tag.
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Mitternachtsboogie<
Edo Popovic, Voland & Quist, Dresden & Leipzig 2010, 19,86 Euro
Auch eine Art Abgesang auf den ramponierten und sich auflösenden Sozialismus in seinem Land. Wahrscheinlich haben es die jungen Leser des Buches damals auch genau so gelesen. Das Buch wurde in Jugoslawien zu einem Kult-Buch. Auch wenn man nach dem Lesen selber das Gefühl hat, ein paar Bier und Cognac zu viel gekippt zu haben.
Edo Popovic "Mitternachtsboogie", Voland & Quist, Dresden & Leipzig 2010, 19,86 Euro
Edo Popovic ist zur Leipziger Buchmesse an folgenden Terminen zu erleben:
Am 18. März, 15:00 Uhr im Südosteuropa-Forum in Halle 4 (Stand D504) in der "Literatur aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa zusammen mit Barbara Markovic, Vladimir Pištalo, Lidija Kusovac, Kruno Lokotar, Nada Gašic. Titel: "Belgrad-Zagreb-Express: Zagreb und Belgrad im literarischen Fokus", Moderiert von Alida Bremer
Am 18. März, 16:00 Uhr, ebenfalls im Südosteuropa-Forum: "Eine kroatisch-serbische Freundschaft im Zeichen von Rock and Roll", zusammen mit Alida Bremer und Zvonko Karanovic. Moderation: Walter Famler.
Am 19. März, 15:00 Uhr am Kroatischen Stand (Halle 4, Stand D402) im Gespräch mit dem Bergsteiger Tadej Golob.
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