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Die bissig-schönen Gedichte eines altmodischen Mädchens: Das Herz zwischen den Zähnen

Ralf Julke
Das Herz zwischen den Zähnen.
Das Herz zwischen den Zähnen.
Foto: Ralf Julke
In diesem Jahr ist Serbien Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse. Und der Leipziger Literaturverlag hat nicht nur eine ganze Reihe serbischer Autoren im Frühjahrsprogramm. Einige von ihnen kommen auch zur Messe und zum Lesefest. Unter ihnen eine Entdeckung, bei der man sich fragt: Sind die Serben zu blöd fürs Marketing? War ihnen Radmila Lazic zu bissig?

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Kann eigentlich nicht sein. Denn sie hat - so teilt der Verlag mit - in Serbien mehrere renommierte Literaturpreise gewonnen und dort "zahlreiche Gedichtbände" veröffentlicht. Sie muss also Käufer / Käuferinnen und Bewunderer/Bewunderinnen haben. In Serbien. Das Land hat zwar in den 1990er Jahren eine Menge negativer Schlagzeilen geschrieben - oder besser: Ein paar der serbischen Machos haben das getan. Und zeitweise hatte man das Gefühl, es hier mit einem wirklich großen Land mit gewaltigen Ansprüchen zu tun zu haben.

Doch die Zahlen sind ernüchternd: Nicht einmal 11 Millionen Einwohner hat das Land Serbien und Montenegro. Das ist sogar weniger als im immer wieder kleingeredeten Ost-Deutschland. Wenn eine Dichterin wie Radmila Lazic dort berühmt wird, heißt das noch lange nicht, dass jemand andernorts auch nur erfährt, was sie tut und sagt.

Mirjana und Klaus Wittmann haben ihre Gedichte jetzt übersetzt. Endlich, muss man sagen. Immerhin schreibt die 1949 Geborene nicht erst seit gestern. Und ganz neu ist ihr Ruf auch nicht, die einzige Katze der serbischen Poesie zu sein, die kratzen kann. Wobei sie es beim Kratzen können nicht belässt. Sie kratzt. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Und das Schöne ist: Sie hat mit der alten Balkan-Balladen-und-Liebes-Lyrik nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Zum ersten Mal auf deutsch: Gedichte von Radmila Lazic.
Zum ersten Mal auf deutsch: Gedichte von Radmila Lazic.
Foto: Ralf Julke

Sie säuselt nicht, redet nicht um den heißen Brei herum, sie produziert keine Wortwolken, in denen irgendwas schwingt. Sie spricht von ihrem eigenen Leben, von Nähe und Verzweiflung, Lust und Enttäuschung. Sie liebt und hasst, grollt und beißt. Ihre Gedichte sind 100 Kilometer entfernt von der auch in Deutschland üblichen Schäfchen-Liebeslyrik, weit weg von Verklärung, Anbetung und dem lyrischen Glauben an das Wunder der Erfüllung. Das, was bei Tucholsky vorm Happyend kommt, interessiert sie eigentlich nicht. Sie erzählt vom Leben - und das beginnt tatsächlich immer erst danach. Dann, wenn eine Liebe in die Binsen gegangen ist, wenn zwei einander nicht standgehalten haben, wenn ein Traum geplatzt ist oder ein Strahlemann sich als schnarchender Versager erwies.

Was sie den Strahlemännern nicht unbedingt krumm nimmt. Ab einem gewissen Alter flüchten sich die einen in die Gleichgültigkeit - und die anderen pfeifen auf die schönen Illusionen. "Ich bin ein altmodisches Mädchen", heißt eines der schönsten Gedichte in diesem Band. Wobei es vermessen ist, hier zu werten. Auch das unterscheidet Lazics Texte vom Meisten dessen, was sonst so an Lyrik veröffentlicht wird: Jeder Text ist ein ausgefeiltes Gedicht, sauber gearbeitet, pointiert und ehrlich bis zur Bissigkeit. Aber nie verbissen.

Jeder Tag ist ein neuer Beginn. Und es gibt auch Tage, da kann ein "altmodisches Mädchen" darauf verzichten, dass ein männlicher Tröster neben ihr im Bett erwacht und einfach durch sein Dasein Erwartungen weckt, Ansprüche suggeriert, Aufmerksamkeit verlangt. Irgendwann kennt man diese ganzen Verwirrungen um die ewige Frage: "Was ist Liebe?" Und: "Wie lange hält man das eigentlich aus?"

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Irgendwann gehen auch einer lebenshungrigen Dichterin all die Verkleidungen und Balztänze der jungen Weltankömmlinge auf den Keks, ihr ballerinenhaftes Auftakeln, Schmollen und Scharwenzeln. Aber auch all die "Frauen im Bus", deren Zubehör sie so herrlich umfassend beschreibt, um am Ende enttäuscht wahrzunehmen: "alle ohne Ausnahme mürrisch".

Ihre Themen, Bilder, Einblicke stammen mitten aus dem Alltag, durch den die Belgraderin sichtlich aufmerksam, fordernd und lebenshungrig läuft. Aus dem Leben einer Frau, die von der Liebe keine Wunder erwartet - aber auch die Nase voll hat von all den Verklärungen rund um das Thema. Die aber auch weiß, wie schön es ist, das alte Spiel immer wieder zu spielen, die erobert sein will, aber nicht angemacht, die aber auch dazu steht, dass der Mensch immer zwischen allen Stühlen sitzt - kitschige Sonnenuntergänge schön finden kann und trotzdem mit Männern ganz unromantisch umgehen will: "Mein alter Kerl drückt mich wie ein neuer Schuh ..."

In vielen Gedichten lässt sie den Zwiespalt zu, der das Leben so mühsam macht: "Ich schmore im eigenen Topf / Der Marke 'Ich-möchte-Ich-möchte-nicht'". Sie lässt es zu, dass die Sehnsucht aufkocht nach "seinem geliebten Kopf / Auf meinem Bauch". Und trotzdem hat sie sie satt, all "die einsamen Frauen. / Die traurigen. Die untröstlichen."

Wer hat denn gesagt, dass Liebe und Begehren und Ansprüche an den Nagel gehängt werden, wenn die Haut nicht mehr ganz so rosig ist und das, was man so Partnerschaft nennt, sich als Enttäuschung entpuppte? - Sie gewährt sich die Lust, jeden Tag anders zu denken über die Dinge, die sie beunruhigen, die Einsamkeit, die tröstend sein kann und bedrückend "ohne deine Schritte, deine Stimme, deinen Körper", das Warten auf einen Telefonanruf, den "tödlichen Biss des Frühlings".

Radmila Lazic: Das Herz zwischen den Zähnen.
Radmila Lazic: Das Herz zwischen den Zähnen.
Foto: Ralf Julke
Manchmal spiegelt sich auch das Schicksal ihres Landes in ihren Versen, selbst die Heimkehr eines Ausgereisten als Urne auf den Knien einer Frau wird zum Gedicht. Und dass Dichter geliebt, verehrt und aufs Piedestal erhoben werden - auch das ist nicht neu: "Besser ein toter Dichter als ein lebender ..." - Was aber, wenn man noch lebt, liebt, in Leidenschaften verfällt? Wenn man immer noch Hunger und Lust auf dieses Leben hat? - "Jetzt schmoren wir zusammen im irdischen Topf, / Ich und das Herz, / aneinander nagend ..." - Gute Frage. Und weil es darauf eigentlich nie eine Antwort gibt, nur das eigene unfertige Leben mit seinen immer neuen Erwartungen und Hoffnungen und Trotzreaktionen, ist man trotzdem verblüfft, das in den Gedichten einer serbischen Dichterin so klar, so fordernd und deutlich geschrieben zu finden. Und der Trost dabei ist: Es ist wohl das ganz normale, unausstehliche Leben - und jede und jeder entscheidet selbst, wie ernsthaft sie und er sich drauf einlassen.

Zu drei Veranstaltungen im Lesemarathon "Leipzig liest" ist Radmila Lazic auch selbst in Leipzig.

Am Donnerstag, 17. März, um 19:00 Uhr ist sie mit in der Galerie ARTAe (Gohliser Straße 3), wo derzeit die Ausstellung "my body is over the ocean" von Arno Bojak zu sehen ist. Dort veranstaltet die edition AZUR die Lyriknacht "In diesem unendlichen Blau" mit fünf Dichterinnen und Dichtern aus Serbien. Radmila Lazic bestreitet ihr Programm ab 21:30 Uhr gemeinsam mit Vladimir Kopicl und Stevan Tontic.



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Das Herz zwischen den Zähnen
Radmila Lazic, Leipziger Literaturverlag 2011, 19,95 Euro
Am Freitag, 18. März, stellt sich Radmila Lazic von 15:45 Uhr bis 16:15 Uhr auf dem Messegelände, Halle 4, am Serbischen Stand vor. Ihr Lyrikband "Das Herz zwischen den Zähnen" wird in Anwesenheit der Übersetzerin Mirjana Wittmann vorgestellt. Durchs Programm führt Viktor Kalinke (Leipziger Literaturverlag). Es liest Silke Brohm.

Am Samstag, 19. März, ab 20:00 Uhr ist sie im Kurt-Wolff-Depot/Kulturgenußladen (Brockhausstraße 56) zusammen mit anderen Autoren und Übersetzern des Leipziger Literaturverlages zur Leipziger Übersetzernacht "Serbien sehen und darüber hinaus!" anwesend.


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