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Buchmesse-Nachlese - Was ganz besonderes: Litpop im Rathaus für Veranstalter erfolgreich + Bildergalerie

Daniel Thalheim
Großstadtgeflüster räumen neben Clueso auf der Litpop 2011 ab.
Großstadtgeflüster räumen neben Clueso auf der Litpop 2011 ab.
Bild: Sebastian Beyer
Warum findet die Litpop nicht im Leipziger Werk II statt? Es muss etwas besonderes sein. Warum da nicht das Rathaus verwenden, das für Großveranstaltungen wie die Litpop nicht ausgelegt ist? Hauptsache es sieht gut aus. Die Menschen feiern.

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Die Gäste warten am Eingang, stehen Schlange. Langsam geht's voran, zu wenig Personal. Wenigstens öffnen die Portale des Rathauses schon früh genug, dass bereits um 19 Uhr eine beachtliche Menge an Gästen den ersten Künstlern lauschen kann. Darunter Stefan Frank, der mit gedämpfter Lesefreude "Du musst immer gleich wieder schreiben" den Abend schwerfällig beginnt. Bei zunehmend stickiger Luft versammeln sich in der Unteren Wandelhalle junge und ältere Leute, die sich auf dem Boden breit machen, an den Seiten stehen und versuchen den Worten des Meisters zu folgen.

Können sie aber nur beschwerlich, außer sie stehen günstig. In den ehrwürdigen Hallen des Neuen Rathauses schallt es wie auf einem Bahnsteig. Klatschen. Stefan Frank hat seine Rede beendet. Relativ unbeeindruckt haben die sitzenden Gäste den Lesevorgang mit untereinander geführten Gesprächen begleitet.

Wegen Markus Kavka kam auch eine ganze Menge.
Wegen Markus Kavka kam auch eine ganze Menge.
Bild: Sebastian Beyer
Die warten lieber auf Julius Fischer, dem Leipziger Poetry-Slammer überhaupt, so heißt es. Die Litpop-Besucher müssen aber noch Sascha Lange eine Chance geben. Gelöstere Stimmung. Mehr Konzentration, denn jedes Wort muss man auch verstehen, um Lachen zu können. Und das tun die vorwiegend jungen Leute.

Julius Fischer scheint dann wirklich abzuräumen. Der korpulente Mann steht stocksteif am Mikro und hält seine Manuskripte in der Hand und liest. Nicht sitzen, stehen. Dass der Mann offenkundig kein Poetry-Slammer ist, sondern ein Nachwuchsliterat, der mit Worten wie "Ficken" die Mädchen zum kichern bringt, scheint ihm wohl beim Auftritt der echten Poetry-Slammer bewusst geworden zu sein. Da ist auch wieder Rock'n'Roll-Slammer Andy Strauß, der zwei Abende zuvor schon in der Kleinen Träumerei singend, winkend, keuchend, schreiend begeisterte.

Fragen wie "Wo geht's zum Klo?", "Gibt es hier Notausgänge?" stellen sich bei solchen lustigen Szenen einfach nicht, sowie angesichts der anwachsenden Masse an Besuchern. Viele schauen jetzt in die Obere Wandelhalle, wo die MDR Sputnik-Litpop mit anderen jungen Autoren weiter geht. Da haben gleich vor der Treppe, wenn es zum Sitzungssaal geht, Tanja Dückers und Christine Neder für ihre Lese-Auftritte Platz genommen.

Aufgestellte Provisorien: Litpop 2011.
Aufgestellte Provisorien: Litpop 2011.
Foto: Daniel Thalheim
Auch hier gibt es Versuche, sich zu konzentrieren. Nicht weil die Worte gegen die einhundert Jahre alten Balustraden der Galerie oder Säulen hallen und brechen, sondern vielmehr, weil die hin und her laufenden Besucher sich an der kleinen, hübsch dekorierten und beleuchteten Bühne vorbeischieben wollen. Denn genau hier entlang geht es zum in den hinteren Teil, also zum Festsaal an diesem Abend. Dort ist zwar noch nichts los, aber auf dem ehrwürdigen Parkett, wo sonst die Wahl-Parties steigen, doch man kann in Ruhe auf großen Kissen Platz nehmen und sich die weiß geschmückte Bühne anschauen. Wenig später liest hier ex-MTV- VIVA-Moderator und ehemaliger MetalHammer-Korrespondent Markus Kavka, der sein Romandebüt "Rottenegg" zum besten geben möchte.

Abgesehen von dem besseren Raumklang, konnte der Maestro wenig später auf der Bühne nicht wirklich gut gesichtet werden. Dazu muss man sich weit in den Raum bewegen, der inzwischen von sitzenden und fläzenden Fans belagert wird. Dann kann man auch Kavka sehen, wie er im hinteren Teil der Bühne auf dem Sofa sitzt und liest.

Getränke muss man sich auch kaufen. In der jugendlich-frech und bunt beleuchteten oberen Wandelhalle steht eine relativ große Bar, umringt von ungefähr einhundert Menschen. Drei Bedienungen sorgen am Tresen für Erfrischung. Gäste warten. Eine Tresenfee scheint ganz langsam zu verzweifeln, einige Gäste warten zu lange und strömen wieder die spährlich ausgeleuchtete Haupttreppe herunter. Aufpassen, dass man bei den flachen Stufen nicht ausrutscht. Hauptsache jetzt Frischluft schnappen, dann wieder rein, ins mittlerweile gefüllte Rathaus - die Luft ist nun endgültig stickig. Man möchte ja schließlich Clueso und Großstadtgeflüster sehen, anschließend abtanzen. Weil aber die Hauptbühne mit der Front zum Sitzungssaal schaut, sich erst um die davor stehende Lesebühne schieben muss, was natürlich bei den Massen nicht immer gelingt, werden viele die Konzerte nur gehört haben. Sofern der Schall und das Echo ihnen nicht auch noch einen Strich durch die Rechnung gemacht haben.

Überfüllt: Kein Vorkommen bei Clueso.
Überfüllt: Kein Vorkommen bei Clueso.
Bild: Sebastian Beyer
Hoffentlich geht nichts zu Bruch. Zu spät, ... mindestens ein Beleuchtungselement soll zu Bruch gegangen sein. Spätestens jetzt sind hohe Kohlendioxidpegel, schlechte Akustik sowie Sicht auf die Bühnen gute Gründe für manchen, über eine Geldrückforderung nachzudenken. Nur wer ist dafür verantwortlich? Selbst die Mitarbeiterschaft scheint mit Fragen wie "Ich will als Journalist Fotos von der Galerie aus schießen, lassen Sie mich bitte durch." überfordert zu sein. Dafür gibt es bunte Festivalbändchen aus Papier.

Wenigstens kann man sich im Dunkeln zu kleinen Verkaufsständen tappen und dort Bücher von Clueso, Kavka & Co. kaufen. Katzen im Sack. Dass bei der Veranstaltung nichts passiert ist, kann man dem ruhig und gelassen wirkendem Publikum zurechnen, die sich auf das Ereignis eingelassen haben. Einer jungen Frau wird wie gesehen wegen Luftmangel schlecht. Deutsches Rotes Kreuz sorgt schon für, ... äh, ... wo waren die Sanitäter eigentlich?

Ansonsten ist es so, wie schon bei der LVZ-Autorenarena gesehen wurde: Konsumgeilheit muss "in", "hip" und "cool" sein. Damit lässt sich eine neue Leser- und Hörerschaft gerne anfüttern, die dann feststellt, dahinter verbirgt sich nur holzige Langeweile. Man lädt sich als Pressemedium ein paar hübsche und weniger hübsche Gesichter ein, präsentiert sie auf einem nett dekorierten Teller, damit man die Risse darin nicht sieht, weil das gute Stück schon alt geworden ist.

Litpop 2012 im Neuen Rathaus? Eher Nein, danke. 2011 quoll schon über, mit allen Folgen des Erfolges. Besonders groß der Andrang bei Clueso, der trotz der beengten Verhältnisse die Leute berauschte. Darfs nächstes Jahr etwas größer sein? Stehen sicher noch geeignetere öffentliche Gebäude in der Gegend herum, wie das Landgericht, oder gleich das größere Bundesverwaltungsgericht im alten Reichsgerichtsgebäude. Vielleicht wäre das Leipziger Amtsgericht geeigneter? Dort kann man gleich die Bauvorschriften und Nutzungsart des Hauses studieren. Oder wechselt die Veranstaltung zu eigens dafür geschaffenen Bühnen, mit höheren Fassungsvermögen und einer professionelleren Crew?

Die Litpop drohte 2011 am eigenen Erfolg zu ersticken - ein paar Veränderungen sind also dringend nötig.


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