Marko auf der Insel (15): Mohnblumen am 11. November
Marko Hofmann
02.05.2009

Mohnblüten am Denkmal.
Wie jede Nation haben die Engländer auch ihre eigenen Feier- und Gedenktage. Einer davon prägte meine Zeit Anfang November. Der Tag des Waffenstillstands des 1. Weltkriegs, der 11. November. In England “armistice day“ genannt (armistice = Waffenstillstand).
Dieser ist seit dem Ende des 1. Weltkriegs ein Tag des Gedenkens. Zunächst nur für die Kriegstoten des 1. Weltkrieg, aber mittlerweile für die Kriege die noch kommen sollten.
Mehr zum Thema:
Dossier Marko auf der Insel:
Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
Schon Wochen vorher verkauft die königlich-britische Legion Mohnblumen aus Plastik die sich zahlreiche Leute in England ans Revers heften, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Mohnblumen, weil auf den Schlachtfeldern in Belgien und Frankreich seit dem 1. Weltkrieg rote Mohnblumen wachsen.
Am 11.11. wird die Nation dann dazu aufgerufen, um 11 Uhr zwei Schweigeminuten für die Leute abzuhalten “die ihr Leben für Frieden und Freiheit gaben“.
In meiner Schule fand am Sonntag vor dem 11. November ein großer Gedenkgottesdienst mit örtlicher Prominenz statt. Die Schüler mussten in weißen Hemden antreten und jeder musste so eine Mohnblume am Blazer haben. Ein Geschichtslehrer hielt die Predigt. Nach dem Gottesdienst wurden Schüler und Gäste aufgefordert, zum schuleigenen Kriegsdenkmal zu kommen, wo Schüler kleine Notizen zur Armeelaufbahn ehemaliger Schülern vorlasen die ihr Leben im Krieg gelassen haben. Die Geschichten ließen einen nicht gerade kalt und trugen dazu bei, dass man noch mehr fror. Starker Wind und Regen kamen sowieso schon auf. Der Direktor verlas ein Gebet und legte dann mit den Schülersprechern Kränze aus Mohnblumen am Denkmal nieder.

Der 11. 11. ist für die Engländer ein Tag der Erinnerung ...
Foto: Marko Hofmann
Der Trompeter der schuleigenen Kadetten blies ein Musikstück und danach spielten die Trommler. Während dieses Musikstücks exerzierten sechs Schüler in Uniform und mit (nicht geladenen) Maschinengewehren. Dies sah ich aber nicht unkritisch, da man nicht einerseits Schicksale von toten Schülern vorlesen kann und dann neue Schüler bereits auf den Armeedienst vorbereiten sollte. Aber In England läuft das ganze Armeesystem anders. Privatschulen haben für gewöhnlich eine kleine Kadettenausbildung und die Armee ist eine Berufsarmee.
Nachdem die Kadetten zum Stillstand gekommen waren, spielte es aus dem Hintergrund “God save the Queen“. Niemand sang, was mir ganz recht war. Überhaupt empfand ich es als Deutscher als eigenartig, bei dieser Zeremonie dabei zu sein. Niemand aus der Gesellschaft nahm aber daran Anstoß und Lehrerkollegen sagten mir später sogar, dass sie es toll fanden, dass auch ich gekommen bin.

Mohnblüten erinnern an die Toten des 1. Weltkrieges.
Foto: Marko Hofmann
Kurz nach der Nationalhymne begann das Anstehen (wir sind in England) vor dem Denkmal, denn nun legte jeder seine Mohnblume davor. Alles hatte die Atmosphäre einer Beerdigung und dieses Abgeben der Blume machte dies noch einmal deutlich. Der Wind hatte nach kurzer Zeit alle Blumen durch die Gegend verstreut. Es hatte etwas Unheimliches, als wenn die belgischen Schlachtfelder vor der Schultür lägen.
Zwei Tage später, am 11.11., wurde kurz vor 11 Uhr der Unterricht unterbrochen. Alle Schüler versammelten sich auf dem großen Paradeplatz und eine ähnliche Zeremonie wurde vollzogen. Sehr erstaunlich, dass sowohl während der Zeremonie als auch während der zwei Schweigeminuten kein unerlaubter Mucks von den Schülern zu vernehmen war. Jeder Lehrer nahm diese Veranstaltung sehr ernst. Es ist ein wichtiger Bestandteil gerade dieser Schule.
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