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Marko auf der Insel: Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
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Marko auf der Insel (18): Bei Diane unterm Haarauffanglatz

Marko Hofmann
Tavistock.
Tavistock.
“Tavistock, Tavistock? Wo liegt das eigentlich?“. So oder so ähnlich habe ich mich selbst gefragt, als ich mich um den Job hier beworben hatte. Klar kannte ich Cornwall, nicht zuletzt von den Filmen mit der leichten Unterhaltung – von Rosamunde Pilcher.

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Aber von Devon, dem County neben Cornwall und von Tavistock hatte ich noch nie etwas gehört.

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Dossier Marko auf der Insel:
Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Hier ist nämlich nicht viel los. Na klar, Dartmoor liegt direkt vor der Haustür, aber wer etwas erleben will, muss schon zumindest ins 30 Minuten entfernte Plymouth oder ins 50 Minuten entfernte Exeter fahren.

Neulich ging ich in Tavistock (es gibt drei Friseurläden hier) zum Friseur. Diane, meine Friseuse, kam erstmal 20 Minuten zu spät. Sie war einkaufen – in Plymouth. Das sagt bereits viel über die Geschäftslage im beschaulichen “Tavi“ (wie es die Einheimischen nennen).

Am Anfang meiner Zeit in dieser Stadt brauchte ich einen Schlips. In Tavistock gab es eine Boutique, in der man einen kaufen konnte. Das war’s. Boutiquen gibt es allerdings viele und die verlangen viel Geld. Wer denkt, dass Tavistock der Laufsteg Devons ist, irrt sich. Woolworth hat zu allem Überfluss Anfang Januar geschlossen und nun sind die Boutiquen und die zwei Schuhläden die alleinigen Wettbewerber auf dem Modemarkt.

Die Friseuse fing dann irgendwann an, fragte, warum ich hier bin und ob es mir gefällt. Ich sagte, dass es ganz nett ist und erwartete ein Nicken. Aber sie war außer sich, als sie mir beim Schnippeln über das heutige Tavistock erzählte. „Es ist eine Schande, was aus ‘unserem schönen Tavistock’ geworden ist“, schnaufte sie. „Früher gab es ein ordentliches Kino und das momentane Kino ist eine Lachnummer.“

Die Hauptgeschäftsstraße von Tavistock.
Die Hauptgeschäftsstraße von Tavistock.
Foto: Marko Hofmann

„Das habe ich auch schon festgestellt“, sagte ich in mich hinein. Hier wird nämlich immer nur ein Film gezeigt und vor allem einer, der schon längst in anderen Städten gelaufen ist. "Slumdog Millionair" wurde beispielsweise Mitte März gezeigt, in England ist er seit dem 9. Januar im Kino gewesen. Filme sind meist für fünf Tage einmal abends zu sehen und dann wird der Film gewechselt. Ansonsten ist das Kino ein Theater oder ein Konzertsaal.

„In den Siebzigern“, so sagte mir die nette Friseuse, „da hatten wir sogar zwei Bahnhöfe. Einen im Süden und einen im Norden“. Mittlerweile gibt es in Tavistock keinen mehr. Die alte Eisenbahnbrücke ist jetzt Teil eines Wanderwegs durch Westdevon. Die Schienen sind schon entfernt worden. Wer nach Tavistock will, fährt am besten mit dem Bus. Von Plymouth geht das gut. Für die 29 km braucht der Bus auch nur gemütliche 60 Minuten.

Aber es ist ja nicht alles negativ hier: Immerhin gibt es in dieser 11.000 Einwohner-Stadt fünf Pubs und zwei große Supermärkte, einen Baumarkt – und demnächst soll auch noch ein LIDL gebaut werden. Ob die hier auch so hinterher sind, wenn es um die Privatsphäre der Mitarbeiter geht, habe ich noch nicht herausbekommen.

Ich persönlich gehe gern zum Inder. Es gibt deren zwei. Dass der hiesige Dönermann Deutsch spricht, habe ich letztens auch schon festgestellt. Seine Lieblingsworte: Arbeitsamt und Sozialamt. Aber davon demnächst mehr.

Alte Eisenbahnbrücke in Tavistock - jetzt zum Wanderweg umgenutzt.
Alte Eisenbahnbrücke in Tavistock - jetzt zum Wanderweg umgenutzt.
Foto: Marko Hofmann

„Die Schüler am Kelly College haben das große Los gezogen“, säuselte mir der behände agierende, weibliche Figaro ins Ohr. Ihr zu erklären, wie ich meinen Kopf geschoren haben will, war eine Qual. Ich war ja erst zwei Monate da. Ich konnte mich recht nett mit ihr unterhalten, aber ihr genau meine Eigenheiten darzulegen, war mir noch nicht wirklich möglich.

Irgendwie habe ich es aber geschafft, halbwegs seriös ausschauend aus der Sache herauszukommen.

Neben Kelly College gibt es noch Tavistock College. Eine staatliche Schule am anderen Ende der Stadt. Dieses besuchen 1.200 Jugendliche um zu lernen. Im weitesten Sinne. Denn staatliche Schulen sind wie in Deutschland – dort allerdings langsamer – auf dem absteigenden Ast. Ein Polizist erzählte mir kürzlich, dass die Schüler kein Geld mit in die Schule nehmen dürfen, damit es keiner klauen kann. Schüler werden vor dem Betreten der Schule mit Metalldetektoren auf Waffen untersucht. „Das ist in England gang und gäbe“, sagte er mir. Ich sah gerade noch das Abendland untergehen.

Kelly liegt übrigens fernab des nicht vorhandenen Trubels – na gut wenn zweimal die Woche Markttag ist, dann ist wirklich was los – am nördlichen Ende der Stadt. Dass die Schüler nur Mittwochnachmittags und am Wochenende das Gelände verlassen dürfen, fällt aufgrund der Abwesenheit von “Action“ nicht so ins Gewicht.

Wenn man nicht blutjung ist, kann bzw. will man in Tavistock viel entlang des Flusses Tavy spazieren gehen oder sich ins Dartmoor schlagen. Dort wohnt auch meine Friseuse Diane.

Als sie ihren Monolog über die schlechten Zustände beendet hatte, entfernte sie meinen Haarauffanglatz und gab mir ein feuchtes Tuch. Was sollte ich denn damit? Hinein schnauben?


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