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Marko auf der Insel: Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
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Marko auf der Insel (20): Mitternachts auf dem "ghost walk"

Marko Hofmann
Internat um Mitternacht.
Internat um Mitternacht.
Geister gibt es nicht. Also ich habe noch keine gesehen und verdammte deren Existenz rigoros ins Reich der Fantasie – bis ich nach England kam. Am Internat spukt es, nach Meinung mancher Kinder und – noch erschreckender – mancher Kollegen. Selbst der Schulpfarrer erzählt Geistergeschichten im Gottesdienst.

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Aufgrund des romantisch-morbiden Flairs, welches das Internat umgibt, ist es eigentlich nur logisch, dass hier auch Geistergeschichten auftauchen. Wie ich rasch mitbekam, glauben einige Schüler an die Existenz von Geistern und viele wollen auch schon einen Geist gesehen haben. So findet sich immer mal ein blasser Schüler bei der Schulkrankenschwester ein, der gerade eben in die Augen eines Geistes gesehen hat.

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Dossier Marko auf der Insel:
Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
Immer wieder geistert es an denselben Orten. Ein Ort ist der offizielle genannte „ghost walk“. Ein Weg mit beschnittenen Bäumen vor dem Hauptgebäude. Wenn man nicht aufpasst, begegnet man hier einem Gespenst. Seine Chancen kann man immer um Mitternacht erhöhen, muss dafür aber etwas tun. Der Legende nach muss man innerhalb der zwölf Glockenschläge der Schuluhr dreimal um das Hauptgebäude rennen und dann sieht man vom Fahnenmast in der Mitte des ghost walks den Geist von Admiral Kelly entlang schleichen.

Ich hab’s selbst noch nicht probiert, aber komischerweise zitterten mir anfangs auch die Knie, wenn ich nachts den ghost walk entlang lief. Ich hatte wohl Angst, dass oben gerade jemand ums Haus läuft und mich ein Geist anrempelt. “Entschuldigung, ich muss mal eben vorbei. Wichtige Termine, Sie verstehen?“

Der zweite Ort ist, wenig überraschend für mich, der Keller in einem Mädchenhaus. Hier soll es auch spuken und die Mädchen trauen sich allesamt nicht, nach unten zu gehen. Gestärkt wird das Mysterium um den Geist im Keller durch eine Reaktion des dreijährigen Sohns des Hausvaters. Dieser wurde einmal auf den Schultern seiner Mutter durch den Keller getragen – was für eine mutige Frau – drehte sich um und sagte panisch: „Mutti, da ist jemand hinter uns!“

Der "ghost walk" im Winter-Dämmer ...
Der "ghost walk" im Winter-Dämmer ...
Foto: Marko Hofmann
Auch wenn ich als spießig gelten sollte: Ich denke ja, dass der Junge von den Geschichten der Mädchen beeinflusst wurde. Geister gibt es nicht. Oder doch? Vielleicht wurde das Haus, welches erst 30 Jahre alt ist, auf einem mittelalterlichen Massengrab gebaut?

Bei all dieser “geistigen“ Hysterie, kann ich nicht verstehen, dass auch noch ein Geistlicher geistlos geistvolle Geschichten im Morgengottesdienst erzählt. Fängt dieser doch tatsächlich an, eine natürlich total wahre Geistergeschichte zu erzählen, die der Erzbischof von York seinem Vater erzählte. Und diese geht so:

... und im hellen Frühlingslicht.
... und im hellen Frühlingslicht.
Foto: Marko Hofmann
Als der Erzbischof von York einmal einen alten, verzweifelten Witwer besuchte, der bis heute nicht weiß, warum seine Frau den Freitod gewählt hatte, erschien ihm ein Geist. Gemeinsam hatten Gastgeber und Erzbischof am Kaminfeuer in der Bibliothek getrunken und geredet, bis der Gastgeber aus dem Raum ging, um etwas zu holen, und ein Geist aus dem Kaminfeuer erschien.

Dieser forderte den Erzbischof auf, ein Buch aus dem Regal zu nehmen und es aufzuschlagen. Er fand einen Umschlag und der Geist deutete ihm, denn Geister können nicht reden, diesen ins Feuer zu werfen. Der Erzbischof zögerte, warf ihn dann aber rein. War dies etwa die tote Frau, die so ihren Abschiedsbrief vernichten wollte, oder hatte der Erzbischof den einen oder anderen Scotch zuviel?

Unser Schulpfarrer erzählte die Geschichte spannend und mit Begeisterung, ich weiß bloß bis heute nicht, was er uns Geistvolles auf den Weg geben wollte. Ich glaub, ich werde einfach mal, Mitternacht selbst ums Haus rennen.


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