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Marko auf der Insel: Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
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Marko auf der Insel (21): England : Andorra im Wembley-Stadion

Marko Hofmann
Wembley bei Nacht.
Wembley bei Nacht.
Foto: Marko Hofmann
Ja, na gut. Andorra ist keine Fußballübermacht. Keine Mannschaft, die man in seinem Leben gesehen haben muss. Eben ein Bergvolk, welches sich auf internationalem Niveau gern ein paar einschenken lässt und sonst die Atmosphäre in den Stadien genießt.

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Ich hatte aber nun mal keine Wahl. Ich wollte nach Wembley. Ohne diesen Ort zu sehen, hätte ich mich nicht nach Hause getraut. Dass England – Andorra das einzige Spiel ist, welches ich sehen kann, konnte ich genauso wenig ändern, wie den Streik der Londoner U-Bahnfahrer an diesem Tag.

11:30 Uhr: Ich hatte zum Glück einen Platz im Überlandbus von Plymouth nach Wembley gebucht. Keine Probleme also für mich. Für andere in London allerdings schon. Viele verließen den Bus, weil sie laufend schneller als fahrend waren. Der Verkehr in London ist an diesem Tag komplett zusammengebrochen. Wir stehen auch 40 Minuten im Stau. Taxis und Busse können die normalerweise 4 Millionen Fahrgäste des Underground nun mal nicht auffangen.

Die FA hat „nur” 70.000 der 90.000 Tickets verkauft, um das Chaos nicht noch zu verschlimmern. Fans, die ein Ticket haben, aber aufgrund der Verkehrssituation nicht bis zum Stadion kommen, bekommen den Preis komplett zurück.

Am Einlass geht's im Wembley Stadion flott.
Am Einlass geht's im Wembley Stadion flott.
Foto: Marko Hofmann

18:15 Uhr: Nach sechs Stunden Fahrt Ankunft direkt vor dem Stadion. Der 330 Meter lange, markante Stadionbogen begrüßt mich. Es sieht hier nicht so aus, als wenn der Streik viele betreffen wird. Die Straßen sind voll mit singenden, teilweise alkoholisierten Fans. Bier aus Plastebechern, Fans bewacht von berittener Polizei. In Abwesenheit von gegnerischen Fans. Fliegende Händler bieten England-Andorra-Freundschaftsschals an. Für fünf Pfund. Ein Pfund billiger als das Spielprogramm. In Wales hat das noch 3 Pfund gekostet.

19:00 Uhr: Mit diesem hässlichen Schal, der selbst fast schon wieder Kult ist, unter der Jacke, marschiere ich ins Stadion. Der Einlass dauert keine 60 Sekunden. Das Ticket geht in einen Scanner, der in einem Eingang verbaut ist, in dem man in Deutschland eine öffentliche Toilette vermuten würde und ein Ordner durchsucht mich in Sekundenschnelle.

Über die Wirkung des Stadions von außen und innen muss man nicht viel sagen. Es ist einfach unerreicht. 90.000 haben hier Platz, ich sitze fast ganz oben (mein Ticket, die billigste Kategorie, kostete 30 Pfund) neben einer Anzeigentafel und habe trotzdem gute Sicht.

20:00 Uhr: Die Mannschaften gehen nach dem Aufwärmen in die Kabinen. Eine Horde von 23 Greenkeepern macht sich über den Rasen her. Sprinkleranlagen wirken unterstützend. Gärtner haben einen krisensicheren Job.

Zum ersten Mal im Wembley-Stadion: Marko.
Zum ersten Mal im Wembley-Stadion: Marko.
Foto: Marko Hofmann

20:10 Uhr: Zur Musik von The Prodigy betreten die Teams das Spielfeld. Zeit für die Nationalhymnen. Ich frage mich, ob die aus Andorra Französisch oder Spanisch sprechen. Bei der englischen Hymne erwacht auch der Letzte, stellt sich hin, holt alles raus, um die alte Dame zu huldigen (die nebenbei gesagt wohl lieber ihre Geburtstagsfeier vorbereitet, als die Three Lions zu sehen. Vielleicht hat sie aber auch keine U-Bahn bekommen.). Es ist schon beeindruckend, wie viel Energie jeder Einzelne hier in die Hymne steckt. Danach folgen die gewohnten „Ingländ“-Sprechchöre. Die Akustik des Stadions ist dafür förmlich gemacht.

Spielauftakt: England gegen Andorra.
Spielauftakt: England gegen Andorra.
Foto: Marko Hofmann
20:18 Uhr: Genau 3 Minuten 34 Sekunden konnten die Gäste das Tor verbarrikadieren. Tor für England durch Wayne R. Ein langgezogenes Roooooooooooney geht durchs Stadion. Abgeguckt vom deutschen „Huuuuuuth“? Dass der Stadionsprecher den Fans den Vornamen vorgibt und den Nachnamen als Antwort erwartet gibt es hier nicht.

20:23 Uhr: Auftritt von Andorras Teamarzt. Der ist heute in England. Darf dann in Andorra heute niemand krank werden oder ein Kind kriegen oder ist das ein gemieteter Arzt aus einem Nachbarland?

20:38 Uhr: Erster Ballkontakt von Englands Torhüter Green. Das ganze Stadion freut sich mit ihm und bei jedem weiteren seiner insgesamt 8 (!) Ballkontakte in diesem Spiel.

20:55 Uhr: Zeit für etwas zu Essen. Im Bauch des Stadions gibt es kleine Schnellrestaurants. Es gibt irgendeinen „pie“, Cheeseburger mit Pommes oder Fish & Chips. Letzteres sieht mir preislich am vernünftigsten aus, kostet aber immer noch 8 Pfund mit Getränk. Ein Griff ins Klo. Fisch und Pommes schmecken so, als wenn sie ihren Lebtag noch nie aus dem Pappkarton in dem sie übergeben wurden, herausgekommen sind. Leckere Saucen wie englischer Senf oder Malzessig ziehe ich nicht eine Sekunde als Geschmackshelfer in Betracht.

21:00 Uhr: Halbzeit. Genau heute, beim Besuch von mir, müssen die Engländer ihre Auswechselspieler von 1966 ehren. Alle um mich herum stehen, jubeln, pfeifen. Wahrscheinlich die einzigen englischen Fußballhelden, die das Land kennt. Ich fühle mich unwohl, warte darauf, dass mich jemand als Deutschen enttarnt, damit ich mal erklären kann, dass 3:2 und auch 4:2 damals irregulär waren. Es passiert aber nichts.

21:22 Uhr: David Beckham kommt zur Ecke in die Kurve auf unserer Seite. Das Volk erhebt sich für ihren Gott, brüllt und klatscht. Gott spricht mit seinem Fuß zu ihnen. Seine Ecke ist schlecht. Je mehr Ecken Beckham an diesem Tag schlägt, desto mehr Leute erheben sich, desto schlechter werden die Ecken. Englands 7 spielt trotzdem gut auf der ungewohnten 6 und schlägt einen 50 Meter Pass nach dem anderen direkt in den Fuß seiner Mitspieler.

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Dossier Marko auf der Insel:
Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
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21:44 Uhr: Wechsel bei Andorra. Der Torhüter Koldo geht. Laut Andorras Fußballverband der beste Fußballspieler des Landes in den letzten 50 Jahren. Kein Wunder: Koldo ist geborener Spanier und hat in seiner Karriere unter anderem bei Athletico Madrid gespielt. Es war sein Abschiedsspiel von der Nationalmannschaft. Applaus von allen im Stadion und Koldo applaudiert zurück. Was für ein Abgang. Mein andorranischer Lieblingsspieler war ja bis hierhin Javier Andorra, auch wenn der nur geschätzte fünfmal am Ball war.

21:47 Uhr: Schluss. England gewinnt überzeugend mit 6:0. Die Stimmung war nicht überragend, aber für ein Spiel gegen Andorra gut. Viele sind schon vorher gegangen. Auch wenn die Distanz nicht weit ist, die Reise wird für viele lang sein.

22:10 Uhr: An der großen Bobby-Moore-Statue vor dem Stadion mache ich noch ein paar Bilder und setze mich in den Bus zurück.

23:30 Uhr: Eine Stunde Warten ist vorbei. Endlich bewegt sich das erste Auto und die 110 Reisebusse können vom Parkplatz fahren. Wembley ist an sich kein schönes Viertel Londons. Viele kleine, sanierungsbedürftige Häuser und ein Brennpunkt mit verschiedenen Nationalitäten.

5:30 Uhr: Ankunft am Kelly College. 9 Uhr beginnt die Schule. Ins Bett zu gehen hat jetzt keinen Sinn mehr.


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