An einem Internat treffen sich, wie bereits berichtet, Menschen aus allerlei Ländern – wir sind ja in England. Chinesen, Deutsche, Argentinier, Schotten und auch (ein) Kenianer. Cebo, so sein Name, war wohl von seinen Eltern nach England geschickt worden. So genau weiß das keiner.
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Keiner weiß auch, ob die Eheleute, die vorgeben seine Eltern zu sein und in England wohnen, auch seine Eltern sind oder ob es nicht tatsächlich andere Eltern gibt, die in Kenia wohnen und diese Eheleute in England nur seine Pflegeeltern sind.
... da kann man sich schon mal verlaufen.
Foto: Marko Hofmann
Fakt ist, dass Cebo am Anfang des Schuljahres am College auf der Matte stand. Er hatte also alle Aufnahmetests bestanden – so dachte man. Alle Kollegen und auch Mitschüler merkten aber schnell, dass irgendwas mit ihm faul war. Er sollte Englisch verstehen, sagte aber zu allem, was ihm gesagt wurde, nur “Yes!“. Stand er vor Türen, wusste er nicht, wie er sie öffnen sollte. Hemden zuknöpfen konnte er nicht, genauso wenig wusste er, wie man einen Klebestift benutzt und probierte es zuerst mit der Plastik-Unterseite und dann mit der Leim-Seite. Fragte er mit Händen und Füßen nach dem Weg, wurde er sprichwörtlich an die Hand genommen, zu dem Unterrichtshaus gebracht und ihm erklärt, dass er jetzt da rein müsse. Zwanzig Minuten später tauchte er woanders wieder auf.
Nach zwei Wochen fragte sich seine Tutorin das erste Mal, was denn hier falsch gelaufen sei. Natürlich ist der Unterschied zwischen afrikanischer und europäischer Lebensweise so enorm, dass ihn sich keiner vorstellen kann, der nicht selbst in so einer Situation gewesen ist. Aber von einem Schüler, der den Aufnahmetest bestanden hatte, kann eigentlich erwartet werden, dass er den Anforderungen des europäischen Alltags schnell gewachsen ist. Tests ergaben jedoch, dass Cebo lernbehindert ist. Dies fiel bei der schriftlichen Aufnahmeprüfung nicht auf. Cebo hatte seine Antworten wohl auswendig gelernt und stellenweise am Thema vorbeigeschrieben. Der Referent für akademische Fragen schrieb unter seinen Test: “No way!“. Nun war er doch da und keiner wusste warum ...
Immerhin wusste man nun, dass Cebo so einige Probleme hat. Ihm wurde als Sofortmaßnahme ein speziell für die Unterstützung lernbehinderter Schüler ausgebildeter Lehrer an die Seite gestellt, welcher ihn jede Stunde begleitete – auch zu Englisch für Ausländer.
Tavistocks altes Schulgemäuer ...
Fotos: Marko Hofmann
Eines Abends saß Brian aus Platzgründen mit am verwaisten Lehrertisch in der Kantine und quatschte auch gleich ein paar Elftklässer an. Diese saßen ein paar Stühle entfernt von mir und tauschten sich aus, welches Mädchen wohl das schärfste sei. Irgendwie hörte Cebo mit und meinte, ihnen mitteilen zu müssen, dass Sex vor der Ehe nicht gut sei. Dank seines Einzelunterrichts in Englisch hatte er zumindest mittlerweile rudimentäre Mittel, um ihnen dies mitzuteilen.
Die Jungs meinten, dass sie ganz anderer Meinung seien. Hilfesuchend erblickte mich Cebo leider, obwohl ich angestrengt in die andere Richtung schaute, aber nicht hörte. Er fragte mich vor den Augen der beiden Jungen: “Sex vor der Ehe ist nicht richtig, stimmts?“ - “Au backe“, dachte ich. Was sollte ich denn jetzt bloß sagen? Cebo hatte seine Meinung bis hierher verbittert vertreten. Wenn ich jetzt den Jungs zugestimmt hätte, wäre das ein Weltuntergang für ihn gewesen. Ich sagte salomonisch: „Das kann ja zum Glück jeder selbst entscheiden.“ Skeptisch, aber zufriedengestellt, wandte sich Cebo wieder den beiden zu und ich erhob mich so schnell es ging und verließ die Kantine ...
Im März mussten Cebos “Eltern“ für zwei Wochen nach Afrika. Cebo schlief während dieser Zeit in School House, meinem Haus. Cebo hatte weitere Fortschritte, verglichen mit seiner Ausgangslage, gemacht und träumte mal von einer Harvard-Karriere oder dann auch wieder von einer Karriere als Boxer. Leider war er auch der Meinung, dass er jeden nieder boxen könnte und fing sich von einem Zwölftklässer mit Klavierträgerkreuz eine Tracht Prügel ein. Danach träumte er erstmal nur noch von Harvard.
Einen Tag später war für alle Sport am Nachmittag angesagt. Cebo ging wie immer auch hin und seinen Zimmerkollegen Steven traf nach dem Training der Schlag. Die Wand über seinem Bett war mit rotem, wasserfestem Stift vollgekritzelt. Cebo hatte ihm eine große Nachricht dagelassen: „Ich habe deine Ersatzschuhe geborgt. Es hat sie niemand gestohlen! Keine Angst, ich gebe sie dir wieder zurück. Vielen Dank!“ - Nett, oder? Auf die Frage, warum er es an die Wand geschrieben hatte, antwortete er: „Ich hatte kein Papier.“
Mehr zum Thema:
Dossier Marko auf der Insel:
Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
Ein paar Nächte später wollte Cebo wie häufig nicht schlafen und hielt seine Zimmergenossen wach. Er rannte wie aufgedreht im Zimmer herum, in den Schrank rein und raus, wollte nicht ruhig sein und hatte weit aufgerissene Augen. Die Jungs informierten in der Nacht keinen und morgens lag Cebo wieder in seinem Bett. Alle im Zimmer waren total verpennt. Erst als sie von der Hausschwester gefragt wurden, warum das so ist, erzählten sie die Geschichte.
Zum Glück: Cebo hatte schon einen Tag zuvor im Unterricht plötzlich herumgebrüllt und keine Ruhe gegeben und wenig später bekam er auch an diesem Tag einen Ausraster, besser gesagt einen Anfall. Seine Arme konnten nicht gebeugt werden und zwei Mann mussten ihn festhalten. Er kam ins Krankenhaus. Dort erzählte sein plötzlicher aufgetauchter “Halbbruder“, dass Cebo in Afrika Medikamente bekam. Von niemandem war zu erfahren, wogegen diese waren. Nach einigen Tests war klar, dass Cebo eine mentale Krankheit hatte. Wenig später war Cebo wieder aus dem Krankenhaus und ging wenige Tage später wieder rein.
Irgendwie hatte er sich die Schulter ausgekugelt, ob beim Bücher für Harvard aus dem Regal holen oder beim Boxen – das war nicht zu erfahren.
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