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Marko auf der Insel (31): Zum Abschied ein paar Tontauben schießen

Marko Hofmann
In eine Gemeinschaft aufgenommen zu werden, ist wunderschön. Eine Gemeinschaft zu verlassen, umso unschöner. Man hat sich an die Leute gewöhnt, man kennt die Abläufe in- und auswendig und weg will man meist sowieso nicht. Mehrmals wurde mir angeboten, noch ein Jahr länger am College zu bleiben.


Aber die Umstellung der Studiengänge in Leipzig ist eine Reise ins Ungewisse und so ist es besser, man kommt rechtzeitig ans Ziel und vor allem: solange es noch die Seminare gibt, die man braucht.

Seit Anfang Juni zählte ich die Tage, bis die Zeit am Kelly vorbei sein würde. Wer aber bedingungslose Freude auf Deutschland erwartet, wird hier getäuscht. Ich konnte nie so richtig entscheiden, ob ich mich mehrheitlich auf Deutschland freuen oder lieber meinen Abschied vom Kelly bedauern sollte.

Natürlich war ich nicht der einzige, der die Kelly-Gemeinschaft verlassen würde, so gingen auch mehrere Lehrer in Rente und die Abiturienten sind sowieso froh, dass die Zeit an der “Penne“ nun endlich vorbei ist.

Die Zeit rannte wie immer schneller, als man leben kann und viel zu zeitig waren die letzten Wochen des Schuljahres ran. Immer schön daran zu erkennen, dass sich im Schulkalender die ersten Abschiedsveranstaltungen für Schüler und Lehrer wiederfanden.

Unser Haus, also Lehrer und Abiturienten, ging zum Abschied Tontauben schießen. Jawoll. Das war natürlich etwas für mich, der noch nie eine echte Schusswaffe in der Hand gehalten und das eigentlich auch nie geplant hatte. Aber in einem Haus eines ehemaligen Armeeoffiziers ist das eben möglich. In Deutschland würden die Eltern wohl Sturm laufen, wenn die Abiturienten zum Abschluss noch mal die Büchse schwingen dürften.

Ein Kleinbus der Schule brachte uns in einer nervenaufreibenden Fahrt – ja man ist aufgeregt – über die Grenze nach Cornwall. Ich dachte ja, wir fahren auf einen Schießübungsplatz und stellte mir mehrere Kabinen und eine klar erkennbare Tontauben-Anlage vor. Schöne Träume …

An einem verwilderten Parkplatz hielt unser Fahrer an. Hier stand nur ein einziges Auto, Hinweisschilder gab es nicht. Hier sollte es wohl sein. Das Gras wurde seit Ewigkeiten nicht mehr gemäht. Zu zwölft schlichen wir uns den Feldweg entlang, zwischen Büschen hindurch und ich hatte das Gefühl, wir über eigentlich ein Manöver in einem Guerillahinterhalt. Noch skurriler wurde es, als auf einer Lichtung ein hagerer Mann in khaki Klamotten lungerte und lässig ein Bein auf einer Bank abstützte. Zwei schwarze Koffer lagen auf dem Tisch. In Filmen verkaufen die entweder Drogen oder erteilen Aufträge; dieser hier war unser Einweiser, unser Lehrmeister. Er erklärte uns in aller Seelenruhe, dass wir uns beim Schuss nach vorn lehnen müssten und wo das Gewehr sitzen muss. Ein Schüler war bestens vorbereitet und hatte seine eigene Waffe mitgebracht. Diese gehöre ihm und seinem Vater. Ich musste kurz an Deutschland denken.

Wir bogen um eine Ecke und hinter einem hohen Busch war ein 3 Quadratmeter großes Rechteck eingezäunt. Das war unser Standpunkt. Nach einem Kommandowort kamen die Tontauben von oben geflogen – von irgendwo – und los ging es.


Mehr zum Thema:



Dossier Marko auf der Insel:
Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
Jeder musste Mütze und Ohrenschützer aufsetzen und hatte fünf Schuss, ich wurde immer aufgeregter und war schließlich dran. Der Einweiser hielt mit mir zusammen das Gewehr, belud es fünf Mal für mich und bei jedem Schuss führte er auch meine Hand. Der Erste saß – Anfängerglück. Der Zweite saß auch – Talent? Aber die restlichen acht gingen mehr oder weniger ins Nirvana. Mir war es egal. Tontauben schießen ist doof. Außerdem: wenn man mit dem Gewehr 20 Mal (zwei Durchgänge) schießt, dann kann es schon am Schultergelenk wehtun. Andere wussten zu überzeugen und zu beeindrucken.

Mein Sport ist das nicht und ich war auch irgendwie froh, als die Waffen wieder in die Koffer wanderten. Übrigens hatten drei von sieben Schülern schon mal geschossen und brauchten keine weitere Einführung. Zum Glück hat der Lehrmeister auch für sie immer die Gewehre nachgeladen.

Die Jungs hatten immerhin Spaß und wussten sich auch beim anschließenden Pub-Besuch zu benehmen, war doch “moderates Trinken“ erlaubt.

Die letzten Tage am Kelly waren somit eingeläutet und ich wusste, dass Tränen irgendwie vorprogrammiert sein würden…


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