Marko auf der Insel(9): Unverhoffte Begegnung mit einem gewissen Herrn Göschen
Marko Hofmann
14.03.2009

Schönes Ausflugsziel mitten in Cornwall: die alten Mauern ...
Foto: Marko Hofmann
Komplett freie Wochenende sind selten hier und deswegen plant man schon Wochen vorher, was man an den freien Tagen machen kann. Ende September war das Wetter noch ordentlich und so machte ich mich Richtung Mittel-Cornwall auf. Eine alte Siedlung aus der Steinzeit hatte es mir angetan.
Nicht nur, weil nicht nach Geschichte dürstete, sondern weil der geneigte Tourist von dieser Siedlung auch einen tollen Blick auf die satt grünen Felder Cornwalls hat. Die schmalen Straßen die es in Cornwall in Nord-Süd-Richtung gibt, erschwerten den Weg zum Zielort. Es macht einfach kein Spaß sich durch vier Meter breite Straßen zu quetschen. Noch weniger Spaß macht es, wenn links und rechts meterhohe Hecken Steinmauern verdecken. Ab durch die Hecke ist also auch nicht.
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Dossier Marko auf der Insel:
Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
Etwas enttäuscht nahm ich zur Kenntnis, dass ich nahezu der Einzige bin, der sich die Reste von neun durchaus sehenswerten verfallenen Steinhäusern – eigentlich nur noch Steinmauern – anschauen wollte. Nur zwei ältere Damen schnarchten noch um ein Haus herum. Während ich mir eine Pause gönnte, kamen wir zufällig ins Gespräch. Eigentlich kommt man in England gut über eine Bemerkung über das Wetter ins Gespräch, aber die zwei Damen hatten ein anderes Problem: Sie fanden die alte Küche nicht. Es muss nicht unbedingt weibliche Hintergründe haben, warum sie ausgerechnet eine alte Küche suchten. Ich schaute jedenfalls mal in meinem deutschen Geländeführer für sie nach und sie stellten dadurch fest, dass sie es mit einem Deutschen zu tun hatten.
Sie wandten sich aber nicht ab, wie die Frau letztens die mich in Tavistock nach einem Gebäude fragte und als ich ihr erklärte, dass ich auch nicht von hier sei, mit einem “Sorry“ und eine Betrachtung von oben nach unten die Stelle verließ. Nein, die Frauen fragten direkt nach, wo ich denn in Deutschland wohne.
Schon ein paar Mal habe ich hier die Erfahrung gemacht, dass die Stadt Leipzig vielen nichts sagt. Deswegen sagte ich plump: „Ostdeutschland“, aber auch das sättigte nicht der Damen Interesse. „Wo denn in Ostdeutschland?“ und als ich schließlich meine wahre Herkunft preisgab, war die Luft auf einmal von “aaaah“ und “ooh really“ erfüllt

... der verlassenen Siedlung Chysauster, wo ein Ausflügler ...
Foto: Marko Hofmann
Wie sich herausstellte, waren die beiden Damen selbst schon ein paar Mal in Leipzig und das sogar teilweise vor der "Wende". Ich konnte mein Glück kaum fassen, dass die einzigen Menschen die ich inmitten von Cornwall treffe, nicht nur Leipzig kannten, sondern schon ein paar Mal in Leipzig waren. Sie erzählten fortan im Detail von ihren Reisen nach Leipzig und wussten auch von Zwistigkeiten zwischen West- und Ostdeutschen zu berichten. Eine von ihnen wohnte für ein paar Wochen bei einer Gastfamilie, in der ihr die Mutter von einem Besuch von westdeutschen Geschäftsleuten kurz nach der Wende erzählte. Einer von beiden sagte schließlich am Ende des Aufenthalts zur Hauswirtin: „Wenn sie mal richtig schuften würden, dann würden sie am Tag noch viel mehr schaffen.“ Dies konnte mir meine Bekanntschaft sogar in akzentfreiem Deutsch wiedergeben.

... unverhofft auf Spuren ins sächsische Grimma stößt.
Foto: Marko Hofmann
Die andere Person sollte sich aber als noch interessanter herausstellen. Sie besuchte früher hin und wieder die Buchmesse, da ihre Vorfahren im Buchgewerbe tätig waren. In Grimma hatten sich diese vor langer Zeit niedergelassen und dort ein Geschäft geführt. Die Damen aus Cornwall kannten also nicht nur Leipzig, nein auch Grimma kannten sie. Glücklicherweise, so sagte sie mir, sei das Haus ihrer Vorfahren nicht von dieser “schlimmen“ Flut vor ein paar Jahren beschädigt worden, denn es liegt auf einem Berg in Grimma-Hohenstaedt. Das Göschenhaus.
Ich hatte bei 20 Grad Celsius in der Mitte von Nirgendwo in Mittelcornwall eine Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelin von Georg Joachim Göschen getroffen... Sie war wiederum begeistert, dass ich den Namen Göschen schon gehört hatte und sofort von Schiller, Seume und Syrakus erzählen begann. Am Ende des 30-minütigen Gesprächs hatte ich zwar nicht wesentlich zum Auffinden der Küche beigetragen, aber zwei neue Telefonnummern von reifen Damen in der Tasche. Ich wurde zum Abendessen eingeladen.
Aber was macht man, wenn man in England die Telefonnummern von älteren Damen erhält? Ist es tatsächlich mehr als eine flüchtige Bekanntschaft? Sollte ich wirklich anrufen oder mich anrufen lassen? Und wie die Familie von Göschen nach England kam … das nächste Mal.
Es passte natürlich. Am einen Ende der Straße erklärte Baubürgermeister Martin zur Nedden den wissbegierigen Journalisten, warum die Stadt jetzt auffällige Piktogramme neben die Blindenleitstreifen in der Grimmaischen Straße malen lässt - und 100 Meter weiter stand ein Blumentransporter drauf und ein DHL-Auto parkte mal kurz. Es geht wohl nicht wirklich um die Leitstreifen im Pflaster. Es geht wohl mehr um die tägliche Gedankenlosigkeit der Eiligen.
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