VNG-Bilanz 2009: Nur ausgeben, was im Portemonnaie ist – und trotzdem Gewinn machen
Ralf Julke
21.05.2010

Unternehmenszentrale der VNG.
Foto: Ralf Julke
So möchte wohl mancher Vorstandsvorsitzende seine letzte Bilanzpressekonferenz haben: Die Nachfolge ist geregelt, der Konzern legt ein Rekordergebnis vor und kann auch noch seine Aktionäre beglücken. So ging es Klaus-Ewald Holst gestern in Leipzig bei der Vorstellung der VNG-Bilanz 2009.
Seit 20 Jahren ist der heute 66-jährige Vorstandsvorsitzende der Verbundnetz Gas AG (VNG), die in Leipzig ihren Sitz hat und traditionell der Primus ist im ostdeutschen Gasgeschäft. Holst hat die Zeiten miterlebt, in denen das Unternehmen nicht nur flügge werden musste für die Marktwirtschaft, sondern auch einen gewichtigen Anteil am Umbau der ostdeutschen Energiewirtschaft hatte. Zur Pressekonferenz ließ er zwei Fotos an die Wand werfen, die den Prozess (etwas dramatisch) anschaulich machen: ein kalter Tag in Halle in den Jahren 1987 und 1997 – der erste von den Rauchwolken der mit schlechter Kohle beheizten Öfen drohend über den Häusern beschattet, im zweiten kein Rauch, dafür freundlich bunte Beleuchtung.
Natürlich haben das nicht allein die Gasversorger geschafft. Auch die Stadtbeleuchter und die Haussanierer haben daran ihren Anteil. Aber solche Bilder stehen für den Umbruch, den die einst rücksichtslos rauchende DDR-Wirtschaft erlebte. Und der für Tausende Unternehmen das Aus bedeutete, weil sie die Kurve nicht kriegten.
Die am 29. Juni 1990 in Leipzig offiziell so benannte Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft hat die Kurve geschafft. Und das wohl auch deshalb, weil sie von Anfang an Rücksicht nehmen musste auf ihre kommunalen Aktionäre. Das waren ganz zu Anfang noch eine ganze Reihe ostdeutscher Kommunen mehr als heute. Heute halten noch zehn kommunale Unternehmen die Sperrminorität von 25,79 Prozent der Aktien – die Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV) darunter den größten Posten. In den letzten Jahren haben mehrere ostdeutsche Kommunen ihre Anteile verkauft – teilweise auch, um ihre Haushalte mit den Erlösen ein wenig zu sanieren. Das gab über Monate heftige Irritationen, die auch Uwe Barthel, der für den Gasverkauf zuständige Vorstand, zu spüren bekam. Nichts ist für die Arbeit eines Unternehmens irritierender als die Gerüchte um Unsicherheiten in der Aktionärsrunde. Denn dann beginnen die Spekulationen um einen Verkauf, um Übernahmen oder unsichere Strategien, die gerade in den letzten beiden Jahren selbst gestandenen deutschen Unternehmen den Garaus gemacht haben.

Klaus-Ewald Holst.
Foto: VNG
Dass er froh ist, dass die Diskussionen vorbei sind und die Sperrminorität für die Kommunen gesichert ist, das machte Holst recht deutlich auf dieser Bilanzpressekonferenz, auf der er auch noch das neue Rekordergebnis von 169,9 Millionen Euro verkünden konnte. Erzielt mitten in einem Krisenjahr. ("Na gut, das Wetter spielte natürlich eine Rolle.") Erzielt aber auch in einem Jahr, in dem die Konkurrenz reihenweise Gewinneinbrüche vermelden musste.
Einer der Gründe dafür, dass es der VNG anders erging, könnte genau das sein, was bislang ihr Nachteil war: Die Industrie macht nur einen kleinen Anteil am Gasabsatz der VNG aus. Das hat mit der jüngsten Geschichte zu tun: Den Markt dominieren traditionell im Westen der Republik heimische Versorger. Und es hat mit dem Wegbruch der ostdeutschen Industrie zu tun.
So verkauft denn die VNG mehr als die Hälfte ihres Erdgases an so genannte Weiterverteiler – in allererster Linie Stadtwerke. Darin ist sie im Osten der Republik mit 75 % nach wie vor der Marktführer – taucht aber auch in den Stadtwerken im Westen des Landes immer öfter als zusätzlicher Lieferant im Portfolio auf. Das Zauberwort heißt Diversifizierung. Stadtwerke senken ihre Abhängigkeit von ihrem Hauptlieferanten, indem sie ihr Portfolio erweitern. Das erhöht die Versorgungssicherheit, stärkt den Wettbewerb und hilft, die Preise zu drosseln.
Ganz ähnlich operiert die VNG selbst, die nicht nur traditionell an Stadtwerke, Industrie und Kraftwerke verkauft, sondern seit Jahren auch verstärkt Abnehmer im Ausland sucht und zusätzlich Erdgas an Spot- und Terminmärkten platziert. Letzteres fundiert durch die eigenen Erdgasspeicher. Die Erdgasspeicher der VNG haben ein Speichervermögen von 2,6 Milliarden Kubikmetern.
"Und das haben wir im letzten Jahr komplett ausschöpfen müssen", erklärt Michael Ludwig, der für die Gasbeschaffung zuständige Vorstand. Was auch damit zu tun hat, dass sich immer mehr Käufer ihr Erdgas kurzfristig an den Spotmärkten besorgen. Was durch etwas verstärkt wird, was der kaufmännische Vorstand Klaus-Dieter Barbknecht gar nicht so mag: den nervösen Energiemarkt, der seit zwei, drei Jahren nicht nur beim Öl extreme Preisschwankungen aufweist, sondern auch beim Erdgas. Was nicht unbedingt mit der weltweiten Wirtschaftsflaute oder den kalten Wintern zu erklären ist.

Die VNG-Zentrale in der Braunstraße in Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Im Ergebnis können die Erdgaspreise an den Börsen in wenigen Wochen um 30 Prozent anziehen – wie gerade wieder in diesem Frühjahr geschehen, und dann unverhofft wieder einbrechen. "Nervös" nennt man das an den Börsen. Aber es beeinflusst die Preise, die für Erdgas "am Markt" entstehen. Und gerade in 2009 hat sich die Möglichkeit, sich am Spotmarkt preiswert mit Gas einzudecken, auch für die VNG ausgezahlt.
22 Prozent ihrer Gasmengen kauft die VNG mittlerweile an Spot- und Terminmärkten. Ein Segment, das in den letzten vier Jahren massiv ausgebaut wurde. Auch das unter dem Stichwort "Diversifizierung": Wer mehrere Lieferanten hat, kann mehr Versorgungssicherheit bieten. Ursprünglich kam das Gas der VNG fast ausschließlich aus Russland. Diese Lieferungen machen noch heute 35 Prozent der Einkäufe aus. Dann kamen deutsche Lieferanten hinzu und dann die Norweger.
Zukunftsmusik sind noch verlässliche Einkäufe beim Flüssigerdgas aus Afrika oder dem Mittleren Osten. Hier hat die VNG im Krisenjahr schon kräftig zugeschlagen, als ganze Containerflotten vor den Küsten der USA wieder beidrehen mussten, weil die US-amerikanischen Lager voll waren. Die Schiffe landeten in Europa – und sorgten dafür, das hier die Preise fielen. Übrigens ablesbar auch am Umsatz der VNG im Jahr 2009: Der sackte vom "Rekordniveau" des Jahres 2008, als weltweit die Energiepreise explodierten und die VNG 5,529 Milliarden Euro umsetzte, 2009 auf 4,763 Milliarden Euro.
Das klingt einfach. Aber gerade in einem Markt, in dem die Preise purzeln, wird der Wettbewerb der Anbieter härter. Auch das ist in der VNG-Bilanz ablesbar: Auch sie verlor im Inland Kunden, der Anteil der deutschen Abnehmer sank von 85 auf 77 Prozent. Dafür konnte die VNG ihr Auslandsgeschäft erweitern – zuerst in Polen und Italien.

Erfolgreiche Bilanz auch für 2009: VNG.
Foto: Ralf Julke
Ist natürlich die Frage: Wie geht's weiter? Konzernstrategie bleibt die Diversifizierung. Zuallererst bei der Beschaffung. Seit Jahren investiert das Unternehmen in den Aufbau eigener Förderkapazitäten auf dem norwegischen Kontinentalschelf. Das scheint sich viel versprechend anzulassen. Für 2017 oder 2018 rechnet Michael Ludwig damit, dass 10 Prozent der eigenen Gasmengen von eigenen Bohrungen in der Nordsee kommen. Auch in Russland führe man Gespräche, nachdem Wladimir Putin ausländische Energiekonzerne eingeladen hat, sich in Russland zu engagieren.
Doch derselbe Grund, der Putin zu dieser Einladung brachte, lässt die VNG vorsichtig sein. Klaus-Ewald Holst bringt es so auf den Punkt: "Wir werden nur das ausgeben, was wir im Portemonnaie haben." Denn gerade Erkundung und die Vorbereitung einer eigenen Förderung sind teure Investitionen. "Da hat in der Vergangenheit so mancher über seine Verhältnisse gelebt", lässt Holst anklingen.
Und man wolle ja auch noch in den nächsten Jahren ein ähnlich gutes Konzernergebnis vorlegen. Diesmal waren es 169,9 Millionen Euro, die unterm Strich übrig blieben. 105 Millionen Euro werden an die Aktionäre ausgeschüttet – der größte ist die EWE mit 47,90 %, die Wintershall Holding hält 15,79 % und die Gazprom hat ihren Anteil im letzten Jahr auf 10,52 % aufgestockt. Die nunmehr 10 ostdeutschen Kommunalunternehmen in der VUB haben eine Sperrminorität von 25,79 % gehalten. Und das vor allem auch, weil Leipzig seinen Anteil erhöht hat. Was im Umkehrschluss bedeutet: Wenn die VNG Gewinne ausschütten kann, fließen auch ein paar Millionen an die LVV in Leipzig.
www.vng.de
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