Titten + Ärsche + Über-Ich: Porno oder Philosophie - Künstler Schwarwel über die Seelenfresser-Ausstellung im L-IZ-Interview
Daniel Thalheim
08.06.2011

Schwarwel wieder mit neuer seelenfresser-Ausstellung am Start - kostenlos in der Werk II-Katakombe.
Foto: Daniel Thalheim
Nicht nur bei der L-IZ sorgt Schwarwel mit seinem Schweinevieh oder tagesaktuellen Karikaturen für vergnügliche Abendstunden. Zum 20. Wave Gotik Treffen hat sich der Leipziger Künstler wieder mit Nilz Böhme und Incestum zusammengetan und eine neue "Seelenfresser"-Ausstellung konzipiert. Dieses Mal sind die primären Geschlechtsteile dran - vornehmlich die weiblichen. Porno oder Philosophie? - Schwarwel im L-IZ - Interview
Schwarwel, Titten + Ärsche + Über-Ich. Mit diesem Motto gehst Du nach der letztjährigen Ausstellung zum WGT so richtig in die Vollen, oder - Müssen wir jetzt Porno erwarten vom Seelenfresser?
Nein, kein Porno, aber Kopfkino ist bei manchen Exponaten durchaus drin. Das ist ja keine Ausstellung, die sich nur auf zwei der drei Begriffe der Überschrift beschränkt.
Was bedeutet das Über-Ich für dich?
Haha, da halte ich mich absolut an Freuds Definition des Begriffes: Das Über-Ich ist die moralische Instanz, die dem Lustprinz des Es entgegensteht. Ein ständiger Kampf also bei uns Menschelein hier unten.
Im Umkehrschluss: Titten und Ärsche?
Titten ist ein Vulgärbegriff, der die sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale bezeichnet, auf die ich als Tier-Mann primär gaffe. Zusammen mit den Ärschen, die an jedem dran hängen, aber bspw. bei den Pavianen als besonders hervorstechende Geschlechtssignale von Männlein und Weiblein ausgebildet sind, bilden sie den Gegenpart zum Über-Ich in der Gesamtüberschrift. Keep it super simpel.

Schwarwel - Leinwandarbeiten.
Bild: Agentur Glücklicher Montag
Nicht nur beim Schweinevogel hast Du ein Gefühl für Kurven - jetzt sind sie aber sexy geworden. Reine Männerfantasien oder nach echten Modellen gemalt?
Nun ja, nicht alle meine Exponate handeln von sexuellen Begierden und Fantasien - die Hälfte der Arbeiten handeln von seelischen Zuständen. Nur um das mal gesagt zu haben.
Für die weiblichen und die männlichen Modelle habe ich mich ganz nach Art des Jazz überall bedient, wo ich gute Vorlagen und Ansätze finden konnte, um die einzelnen Bildwelten zusammentragen zu können, damit sie das ausdrücken, was ich jeweils ausdrücken wollte.
Apropos Model: Roxy Heart von den Lipsi Lillies ist dabei - da hast Du Dir die kurvigste Lady des Leipziger Burlesque-Quartetts ausgesucht für eure Vernissage: Deine oder ihre Idee?
Die Idee, eine Burlesque-Tänzerin zur Vernissage die Werke an den Wänden im wahren Leben zu reflektieren, kam uns Gemeinschaftsausstellern (Nilz Böhme, Incestum und Sandra Strauß als Ausrichterin der Ausstellung), als wir überlegten, wie wir die Eröffnungsreden von Gotik-Experte Peter Matzke (Wissenschaftsteil) und Dunkel-Autor Christian von Aster (Unterhaltungsteil) abrunden konnten.
Eigentlich wollte ich einen Leierkastenmann von der Straße einladen, am Liebsten schlecht riechend, stark alkoholisiert und mit einem halb verhungerten Rhesusaffen in Matrosenanzug - das wäre mein Beitrag zum Kunstanspruch und der Spiegelung im wahren Leben gewesen. Leider habe ich in der Kürze der Zeit keinen solchen Mann gefunden und die Adresse von Öff-Öff hatte ich nicht.

Stahlobjekte von Incestum.
Bild: Agentur Glücklicher Montag
Maik Hartung liefert den Soundtrack zum sexy Burlesque-Tanz?
Nein, Roxy hat ihre eigene Musik dabei. Maik Hartung von Love Is Colder Than Death hat sich wie auch schon bei der Vorjahresausstellung dazu bereit erklärt, den Soundtrack für die Ausstellung selbst zu intonieren, damit das Erlebnis auch den Hörsinn mit anspricht. Ist wie immer sehr geil geworden.
Ganz unsexy ist doch der ehemalige WGT-Sprecher Peter Matzke, warum hält nicht Sandra Strauß die Eröffnungsrede?
Über Peters Sexyness wage ich nicht zu urteilen, sehr wohl ist er aber ein profunder Kenner der Gotikszene und langjähriger Begleiter des WGT in den letzten 20 Jahren. Er kennt schon länger sowohl die Arbeiten von Incestum als auch die meinigen und er hat eine klare Meinung zu all dem. Eigenschaften, die durchaus Sinn machen bei einer Eröffnungsrede.
Dafür muss er meinethalben nicht unbedingt in Lack und Leder erscheinen, obwohl das der Sache natürlich zusätzlichen Schmiss verleihen würde. Wenn Sandra es für nötig hält, wird sie sicher auch noch ein paar Worte ans Volk richten.

Fotografie von Nilz Böhme.
Bild: Agentur Glücklicher Montag
Wie viele Bilder willst Du dieses Jahr verkaufen, noch was von der letzten Seelenfresserausstellung übrig?
Am Liebsten würde ich natürlich gern alle Werke verkaufen - sie sind ja gemacht dafür, dass sich auch andere daran erfreuen können. Da es sich dabei um großformatige Kunstdrucke auf Leinwand aufgezogen handelt, die auf jeweils fünf Stück limitiert und handsigniert sind, teilt sich auch der Gesamtpreis für das Erschaffen dieser Kunst auf diese fünf Kopien - da hat jeder etwas davon und nur ich alleine trage das Risiko.
Im letzten Jahr ging über die Hälfte meiner Arbeiten weg - was ich selbst erstaunlich fand bei einem Preis zwischen 450,00 und 550,00 Euro je Originalmalerei. Hab mir auch von Auskennern sagen lassen, dass diese Rate tatsächlich erstaunlich ist für so einen Frischling wie mich.
Die Kunstdrucke sind diesmal erschwinglicher, aber auch sie kosten Geld.
Was verbindest für dich persönlich mit dem Wave Gotik Treffen - irgendwelche Anekdoten auf Lager?
Es hat bei mir lange gedauert, bis der Groschen fiel und ich kapiert habe, wozu es Treffen wie das Wave Gotik gibt - es ist für viele ein Ventil, vergleichbar mit der Faschingsmania in Düsseldorf und Kölle. Als Ganztags-Ich-selbst-Seier ist das schwer nachzuvollziehen, aber inzwischen finde ich das eine gute Chance für Leute, die viel Schwellenangst überwinden müssen, um Teile ihrer Selbst ganz normal auszuleben.
Für Leipzig und unsere Region finde ich das Festival ohnehin wertvoll, weil dann die Welt mal wieder für ein paar Tage auf die Heldenstadt blickt und wir uns und das, was wir sind, präsentieren können.
Mit Anekdoten mag ich grad nicht um mich schmeißen, aber in diesem Jahr freue ich mich, das Killing Joke auftreten werden. Zwar weiß ich nicht, wie es die Band ins Billing geschafft hat, weil sie doch ziemlich weit weg sind von dem, womit man das WGT assoziiert, aber das darf mir in diesem Falle mal ganz wurscht sein. Bei diesem Konzert werde ich einfach nur Fan sein. Soweit das eben geht.
Danke für das Interview!
Schwarwel Online
www.schwarwel.de
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