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Wave Gotik Treffen
Hilfe die Goten kommen! Nähme man den Namen des alljährlichen Treffens der Gothics ernst, müsste man so formulieren. Aber wie alles ist auch dies nur Spiel, Verkleidung und schwarzer Spaß in Leipzig. Und wie gewohnt, ist die Leipziger Internet Zeitung wie auch im vergangenen Jahr den "Schwarzen" auf der Spur, bei Konzerten vor Ort und mit den Künstlern und Gästen aus aller Welt im Gespräch.
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Wave Gotik Treffen XX: Diamanda Galas spielt Oper Leipzig halb leer und lässt sich wie ein Star feiern

Daniel Thalheim
Diamanda Galas sorgt für gespaltene Reaktionen im Leipziger Opernhaus zum 20. WGT.
Diamanda Galas sorgt für gespaltene Reaktionen im Leipziger Opernhaus zum 20. WGT.
Foto: Patrick Limbach
Ihre Stimme ist nichts für Weicheier. Doch eine Menge Leute wollen sie am Abend des 10. Juni hören. In der Verfilmung "Bram Stoker's Dracula" sorgte sie für die weiblichen Vampirstimmen. Sie vertonte einst die satanischen Verse, arbeitete mit Led Zeppelin-Bassist John Paul Jones und Rotting Christ zusammen und verehrt die Steinstadt Petra. "Grufties" verlassen den Saal, der Rest feiert Diamanda Galas wie ein Star.

Leipzig durfte seit einigen Tagen einen Superstar der Avantgarde-Musik unter sich wissen. In einem verträumten kleinen Hotel wohnte sie ein paar Tage lang und nahm sich auch die Zeit für ein Interview mit der L-IZ. Diamanda Galas, die seit 30 Jahren als schräg, non-konformistisch und exzentrisch gilt, ist am Konferenz-Tisch des Leipziger Hotels eine freundliche und witzige Frau, die schnell Vertrauen fasst und sich gar nicht als "gotisch" sieht.

Schwärmt sie immer noch von ihrer Zusammenarbeit mit Led Zeppelin-Basser John Paul Johns, den sie als den unterbewertesten Bassisten hält oder eben ihre jüngste Kollaboration mit der griechischen Metalband Rotting Christ. Death Metal ist das Ding für sie.

Diamanda Galas.
Diamanda Galas.
Foto: Patrick Limbach
Die Vier-Oktaven-Stimme mit den schwarz umrandeten braunen Augen bezieht außerdem ihre Einflüsse aus einer viel älteren Kultur: der griechischen, die ihre letzte Blüte mit Byzanz erreicht hat. Dennoch erzählt sie mit Gänsehaut erzeugender Stimme wie sie vor knapp vier Wochen in Barcelona auf dem Place-Festival de Poesía de Barcelona, Plaza del Rei spielte. Einem Mond beschienenem Ort, wo früher ein "gotischer Heiligenplatz" war und im Mittelalter massig Hexen verbrannt wurden. Aber "Gotik" was ist das? "Pahh!"

Zum Schluss des einstündigen und meist auf Deutsch gehaltenen Gesprächs, das auf der L-IZ nach dem WGT erscheinen wird, warnt sie ihre Besucher in der Leipziger Oper vor Gesprächen, Tuscheln, Essen und Trinken während ihres Konzerts. Dann werden die Gäste sie von einer ganz anderen Seite erleben dürfen. Doch auch beim zunächst rammelvollen Konzert gibt sie sich freundlich und überzeugend.

Das Licht auf der Bühne ist abgedunkelt. Nebel steigt auf. Die Künstlerin schreitet über die Bühne. Tosender Applaus empfängt sie. Sie verbeugt sich - ein schwarzer Schatten. Das Bühnenlicht blendet auf. Diamanda Galas steigt mit zwei wirklich krassen Liedern ein, wo sie ihre Stimme auszuprobieren scheint. Die 1955 in San Diego geborene Künstlerin weiß genau was sie auf der Bühne tut. Hat sie beim Interview ihre Texte und dazugehörigen Notizen gezeigt, wo gewaltige Tonart-Brüche hineingeschrieben sind. Die studierte Konzertpianistin für Klassik und Jazz betont ihre akademische Herkunft, verweist auf ihr Treffen mit den Avantgarde-Komponisten Iannis Xenakis und Vinko Globokar.

Während des Auftritts beim 20. Wave Gotik Treffen geht sie eben nicht die klassischen Operetten-Singstimm-Bahnen, sie zetert, krächzt, atmet einen Ton eine Minute lang aus. Dann ein geller Schrei, noch einer, länger, dann Grollen. Dazu rollen ihre Fingerkuppen über die schwarz-weißen Tasten des Konzertflügels. Ihre Stimme gibt Texte von Jacques Brel, Ferdinand Freiligrath ("Der Liebe Dauer") und anderen wieder. Die Sprachen: Englisch, Deutsch, Französisch. Als die Stücke enden, verlassen während des donnernden Applaus' Schwung um Schwung zahlreiche Gäste fluchtartig den Saal. Türen knallen.

Das Publikum ist geteilter Meinung über Diamanda Galas' Kunst.
Das Publikum ist geteilter Meinung über Diamanda Galas' Kunst.
Foto: Patrick Limbach
Der Rest sitzt wie gebannt auf den roten Sesseln, lauscht der Stimme der Avantgarde-Künstlerin, die augenzwinkernd schonmal Blixa Bargeld als fetten satten Sack bezeichnen darf, der nur halb so gut das schafft, was sie seit 30 Jahren schon macht. Ihre Ansagen mal deutsch, englisch und französisch. Das Publikum tobt. Galas verlässt die Bühne. Anhaltender Applaus, Standing Ovations, Pfiffe, Jubelrufe.

Galas kommt wieder, sofort kehrt Ruhe ein. Sie setzt sich an den Flügel und schreit ihre Verzweiflung und Trauer aus ihrer Höhlenstadt Petra heraus. Nur sie und die Dunkelheit. Dann dreht sie sich zum Publikum und sagt, dass es für sie das erste Opernkonzert ist, wo die Leute angemessen gekleidet sind. Lachen und Zustimmung bei den aufgedonnerten Gästen, wo auch Gothics sitzen, die man eher der Elektro-, Batcave- und EBM-Fraktion zuordnen würde. Dann scherzt sie: "Das habt ihr sicher nur für mich getan, stimmt's?" Wiederum zustimmendes und erlösendes Lachen. Ein letztes Lied. Saallicht blendet langsam auf.

Die Gespräche in Richtung Linie 11 am Augustusplatz reißen nicht ab, wie wunderbar diese Konzert-Erfahrung gewesen ist. Eine Stimme wie ein Sturm.


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