Wave Gotik Treffen XX: Feindflug und Front 242 machen die AGRA zu einem schwarzen Brausebad
Daniel Thalheim
13.06.2011

Feindflug in Aktion - mit Stukas im Visier und trommelnden Kriegstakten aus dem Vorhof zur Hölle.
Foto: Patrick Limbach
Die Hitze ist schwül und stickig. Wesentlich mehr Gäste als noch bei Deine Lakaien strömen in die ohnehin schon volle AGRA-Halle. Das Elektrogewitter von Feindflug blitzt auf die Ohrmuscheln ein, schnell, melodiös und heftig. Das 20. WGT hat Stukas im Visier.
"Aber nur halb so laut", raunt es von der Bar. Der hochgewachsene Tresentiger hat Recht. 2009 flogen die Stukas noch ein wenig lauter in die Trommelfelle der Besucher. Die anfangs als provokant bezeichnete Band, zeigt sich auf dem Wave Gotik Treffen von der harmlosen Seite.
Klar, hier sägen die E-Gitarren-Klänge laut und einschneidend, die Trommeln vollführen einen geraden Takt. Der Barmann reicht Bierbecher über den Tresen und erzählt, 'Hier geht es simpel zu, die Leute sollen tanzen. Doch das ist es nicht, was provozierend sein soll'. Ein Gast flüstert, dass Feindflug den Zweiten Weltkrieg thematisieren und das scheint auf Kritik gestoßen zu sein.
Der wissenskundige Mann erklärt auch, dass Feindflugs erstes Album über den Verlag VAWS vertrieben wurde, das angeblich auch Bücher mit rechtsideologischen Inhalten im Angebot hat und zumindest tendenziös geschriebene Sachbuchliteratur in seinem Programm enthält, oder auch die Tonträger der kontroversen und mit NS-Symboliken spielenden Band Von Thronstahl, deren Auftritt auf dem Wave Gotik Treffen 2000 im übrigen deswegen untersagt wurde.

Feindflug-Fans sind außer sich vor Entzücken.
Foto: Patrick Limbach
Das schwarze Brausebad hat schon seit einer halben Stunde seine Pforten geöffnet, die Tanzbeine schwingen und schlackern in der schwülen und feuchten Hitze in der Halle. Der Feindflug-Kenner fügt hinzu, dass sich Feindflug aber aus diesen Verbindungen gelöst haben und offensiv auftreten, wenn es um Rechtsextremismusvorwürfe geht.
Sie wollen das NS-System von 1933-1945 musikalisch hinterfragen, meint der belesene Mann. Das tun sie auch aus der Sicht der zahlreichen anwesenden Matrosenkostüme, schwarzen, schmucklosen Uniformen im immer dicker werdenden Gedränge in der AGRA-Halle. Sie feiern Feindflug als ihre Helden, oder schauen zumindest dem im Eisnebel und Suchscheinwerfern ähnelnden Lichtorgeln zu. Aber Kontroverses sehen sie nicht an diesem Abend. Das war schon 2009 so gewesen und ist auch an diesem Abend so.
Dagegen zeigen die Electro Body Music-Vorreiter Front 242 wenig später den Gästen wo der wirkliche Hammer hängt. Der Feindflug-Experte ist inzwischen "abhotten" gegangen, wie er im Abschiedsgruß vor sich her murmelt. In ihrem kurzen Auftritt arbeitet das 1981 gegründete Projekt mit schwer taumelnden Schlägen in die Magengrube. Keine Melodien, nur Takt und drückende Elektroklänge bestimmen die Welt von Jean-Luc de Meyer & Co. Die Band hatte auch nie Kontroversen nötig wie ihre unzähligen Nachfolger, die eher mit dem Brimborium drumherum von sich Reden machen als mit Musik.
Die seit 1997 wieder aktive Band hat dafür auch fast unmerklich weniger Gäste in der Halle stehen sehen, die aber genauso laut jubeln wie die Massen bei Feindflug. Das ist schon mal etwas an dem kurzen Konzertabend des 11. Juni. Danach strömen die schwarzen WGT-Besucher in die zahlreichen Clubs in der Innenstadt und tanzen dort weiter.
VGWortLIZ

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