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Wave Gotik Treffen
Hilfe die Goten kommen! Nähme man den Namen des alljährlichen Treffens der Gothics ernst, müsste man so formulieren. Aber wie alles ist auch dies nur Spiel, Verkleidung und schwarzer Spaß in Leipzig. Und wie gewohnt, ist die Leipziger Internet Zeitung wie auch im vergangenen Jahr den "Schwarzen" auf der Spur, bei Konzerten vor Ort und mit den Künstlern und Gästen aus aller Welt im Gespräch.
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Wave Gotik Treffen XX: Kindergarten, Ringelreihen und ein Eröffnungskonzert

Daniel Thalheim
Ein bewegendes Konzert: Bruno Kramm von Das Ich ist in großer Sorge um seinen langjährigen Freund und Wegbegleiter Stefan Ackermann.
Ein bewegendes Konzert: Bruno Kramm von Das Ich ist in großer Sorge um seinen langjährigen Freund und Wegbegleiter Stefan Ackermann.
Foto: Patrick Limbach
20 Jahre alt ist das WGT nun schon. Wie soll es anders sein, es gebührend zu feiern: mit einem Eröffnungskonzert mit denselben Bands wie 1992 beim ersten Mal im Leipziger Eiskeller. Bands, die schon vor zwanzig Jahren angesagt waren, hatten am gestrigen Donnerstag auf dem AGRA-Gelände ihre großen Auftritte. Doch es gab noch mehr zu sehen als das.

Vollgestopfte Bahnen sorgen für große Staune-Augen bei der Leipziger Bevölkerung, vor allem bei den Kindern. Noch fährt die WGT-Bimmel Linie 31 nicht, so dass die LVB neben Zusatzbahnen auch LVB-Mitarbeiter einsetzt, die sogar freundlich die Gothics darauf hinweist, mal Platz zu machen, wenn Eltern mit Kinderwagen aussteigen wollen und Senioren einen Sitzplatz bekommen. Freundlich und geduldig machen die Schwarzröcke Platz und Raum für jeden. 1992 hatten sie noch zum damaligen Eiskeller, dem heutigen Conne Island pilgern müssen. Jetzt ist es die AGRA und ganz Leipzig mit unzähligen Veranstaltungsorten. Statt 20.000 Besucher waren es damals nur 1.500. So stark ist die Szene gewachsen.

Und der Nachwuchs ist auch schon da, für den bestens auf dem Treffen-Kindergarten gesorgt ist. Die Kleinen ab drei Jahre können hier spielen, sich schminken, Totenköpfe und andere "niedliche" Dinge basteln, während sich die Eltern bei Konzerten und Parties vergnügen können.

Ganz großes Kino: JU Age von den Leipziger Age Of Heaven überrascht mit seiner Band mit einem Zeitsprung direkt ins Jahr 1992.
Ganz großes Kino: JU Age von den Leipziger Age Of Heaven überrascht mit seiner Band mit einem Zeitsprung direkt ins Jahr 1992.
Foto: Patrick Limbach

Aber nur bis 22 Uhr je nach Alter des Kindes. Denn auch die Kids müssen früh ins Bettchen. Die Kleinsten der Kleinen werden auch gesichtet: Babies schlummern friedlich beim elterlichen Spaziergang im lauschigen AGRA-Park. Auch bei den Konzerten sind die Eltern fürsorglich - Kids-Kopfhörer schützen die kleinen Ohren vor den lauten Klängen. Ein familienfreundliches WGT.

Die große Familie versammelt sich in der großen AGRA-Halle, wo zum Eröffnungskonzert Das Ich als erste Band auftreten wollen. Vor zwanzig Jahren noch ganz klein und neu, ist die Band inzwischen eine der funkelnden Sterne am schwarzen Gothic-Himmel. Haarzopf-Teufelchen Bruno Kramm mit seinem Label Danse Macabre ganz vorne in der dunklen Elektro-Liga.

Fürsorglich: Die Kleinen haben's ruhig selbst bei den lautesten Auftritten.
Fürsorglich: Die Kleinen haben's ruhig selbst bei den lautesten Auftritten.
Foto: Patrick Limbach
Doch was ist heute los? Der für 18 Uhr angekündigte Auftritt kommt nicht. Raunen im Publikum als nach dem "akademischen Viertel" immer noch keiner auf die Bühne kommt.

Stattdessen blicken die Fans auf einen Einspieler, die in vier Runden Bilder von Sänger Stefan Ackermann zeigen und überblendete Texte auf Englisch und Deutsch erklären, dass der beliebte Frontmann schwerkrank im Krankenhaus liegt und die Band mit Gästen auftritt. Betretenes Schweigen, Pfiffe, zustimmendes Jubeln bei der Ansage, dass man in Gedanken beim beliebten Frontmann sein soll.

Dann besteigt ein im weißen Priestergewand gewandeter Bruno Kramm gemeinsam mit Marty Söffker und Stefan Hauer die WGT-Bühne. Wiederum aufbrausender Jubel. Bruno Kramm erzählt von seinem Besuch bei Stefan Ackermann auf der Intensivstation.

"Er sieht wirklich sehr schlecht aus". Mehrere OPs haben ihm merklich zugesetzt, so dass die Band mit dem Gedanken gespielt hat zum Jubiläumsauftritt alles fallen und es sein zu lassen. Doch Ackermann gab sein OK für Kramms Herzenswunsch, die Fans nicht im Stich zu lassen. Ein Kondolenzbuch liegt außerdem am Danse Macabre-Stand auf der AGRA bereit, wo jeder Fan Genesungswünsche hineinschreiben kann.

Abschied für immer: Love Like Blood begeistern Fans mit visionärem Gothic Rock.
Abschied für immer: Love Like Blood begeistern Fans mit visionärem Gothic Rock.
Foto: Patrick Limbach

Die Band legt mit Gästen wie Myk Jung, Henke von Goethe's Erben und Vic Anselmo los. "Kindgott" erklingt, "Soll'n wir weiter machen? Für Stefan!", ruft Bruno Kramm von der Bühne herunter. Oswald Henke kommt, performt "Destillat", Klassiker wie "Gottes Tod" und "Kain und Abel" erklingen. Kramm animiert mit lachender Clownsfratze die Fans, die zunehmend auftauen. Doch die Sorge um den Frontmann ist größer. Quo vadis, Das Ich? Kommt nach dem strahlenden Aufstieg 1992 nun der tragische Abschied?


Oswald Henke von Goethe's Erben räumt ab.
Oswald Henke von Goethe's Erben räumt ab.
Foto: Patrick Limbach
Es folgen andere Bands aus dem Jahr 1992, als das WGT in die erste Runde ging. Sweet William beispielsweise, oder Oswald Henke, der gleich einem Monstrum furiosum mit seiner Band Klassiker von Goethe's Erben spielt und den umjubelsten Auftritt hinlegt. Die Leipziger von Age Of Heaven überraschen mit ihrem von den Sisters Of Mercy beeinflussten Gothic-Rock am meisten. Da tanzen sogar 200 Pfund schwere Tanzbären in den vorderen Reihen.

The Eternal Afflict ermüden mit ihrer Elektro Body Music über weite Strecken die Fans. Das haut sogar den stärksten Wikinger um - ein befellter Hörnerhelm liegt eindrucksvoll am Hallenboden ausgebreitet und lässt EBM EBM sein. Zum Schluss blühen die Anhänger der martialischen Klänge aber dann doch auf und tanzen fast schon kollektiv zu den peitschenden Klängen. Nebenan steigt schon in einem der Nebenräume der AGRA-Halle eine weitere EBM-Party wo zum selben Zeitpunkt Kriminalbiologe Mark Benecke als DJ auflegt und sogar für getanzte Ringelreihen anmutiger Mädchen in Lack- und Latex sorgt.

Love Like Blood bilden als Headliner in der AGRA-Halle den furiosen Ausklang des ersten WGT-Tages. Wollen sie sich nun endgültig als Band verabschieden und somit komplett aus der Szene. Die Lebenswirklichkeiten haben sich bei Jörg „Yorck“ Eysel und Gunnar Eysel geändert. Angesichts der Erinnerungsshow 1992-2011 meint ein Fan in der Raucherzone: "Es ist heute wie Samstag. Das geilste WGT überhaupt."

Und dabei kommen noch ein paar Tage.


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