Wave Gotik Treffen XX - Nachlese: Schwarzes Pfingsttreffen klingt mit ganz alten Tönen ruhig aus + Bildergalerie
Daniel Thalheim
14.06.2011

Ein stimmungsvoller Rückblick auf der Parkbühne: Jubilare Mephisto Walz seit 25 Jahren dabei.
Foto: Patrick Limbach
Es ist vorbei. 20 Jahre Wave Gotik Treffen - erneut mit vielen versteckten Perlen und ganz großen Stars. Während auf der Alten Messe Nitzer Ebb wummern, sich im Werk II die amerikanischen Grusel-Punker Misfits vorbereiten, treten auf der Parkbühne Mephisto Walz auf. Jubilare, die fünf Jahre mehr als das WGT auf dem Buckel haben.
Die Parkbühne ist immer ein Grund ein Ohr zu riskieren. Tummeln sich neben zahlreichen Nachwüchslern auch für die Szene bekanntere Acts. Dass es heute ganz alt zugehen wird, zeigt schon wie viele Gruftis gekleidet sind. Lange, wallende Gewänder, hochtoupierte Haare, Irokesenschnitte und Punk-Outfits. Wer um sich schaut, wird so manche "Zimmerpflanze" sehen, weiß geschminkte Gesichter und so manches Kleinkind mit dicken Kopfhörern an den Lauschern.
Die Dark-Wave-Popper von Soul in Isolation ist die erste Band, die am Montag-Nachmittag zu warmen Temperaturen auftritt. Die 1993 gegründete Band lockt wie ihre Nachfolger Midnight Caine erste Besucher an. Neon Kross sind da erst jüngeren Datums. Jemand dreht sich um und raunt, dass die vor drei Jahren von Irokesenschnitt-Träger Daniel deLeon gegründete Gruppe die Idee in sich birgt, sie wolle aussehen und klingen als würde sie schon seit 30 Jahren aktiv sein. Ergebnis ist schwarz angehauchter Punkrock, ihr letzter Song "Kill The Radio" die poppige Absage an die Mainstream-Kultur, die auch die Goten-Szene längst ergriffen hat. Zustimmung im Publikum.

Schrill, laut, böse: Tying Tiffany ist nicht romantisch.
Foto: Patrick Limbach
Wer oder was Gemina ist und was daran so schön sein soll, weiß offenbar nur Michael Sele selbst. Der Andy Warhol der Gotik Szene betritt mit seiner 2006 gegründeten Truppe am frühen Abend die Parkbühne. Der einzige Hinweis gibt nur ein älterer Engländer, dessen gestutzte und ausgelichtete Haartracht seine Gotik-Zugehörigkeit nur vermuten lassen kann. So sagt er, dass die achte Legion von Julius Caesar im Gallischen Krieg Gemina hieß und mit Sicherheit auch durch das Gebiet der heutigen Schweiz zog. Und der weißhaarige Sänger Michael Sele ist Schweizer. Alles klar?
Ein Ton, ein kurzer Schreck bei den Gästen und eine sanfte Brummstimme. The Beauty Of Gemina verschreiben sich jedenfalls moderneren Klängen als sie vor 2.000 Jahren üblich waren. Techno-Gewummer, sägende Rock-Gitarrenklänge und ein munterer Frontmann, der einige Gruftis im Publikum zum Mitklatschen animiert. "Come on, clap your hands!" Buchherausgeber und Autor Alexander Nym würde hier schon gehen, weil gerade diese Animierungsversuche nichts mit dem zu tun haben, was die schwarze Independentszene einst ausmachte: Verweigerung solcher Spaßfaktoren wie sie Bryan Adams & Co. unternehmen. Aufgedonnerte Frauen tanzen indes im Wiegeschritt während ein ratloser Techniker dem Musiker Michael Sele die Gitarre hinterherträgt. Offenbar hat der Frontmann seine Liederliste abgeändert, ohne seinen Technikern Bescheid zu sagen. Sele freut sich aber über die jüngsten Gäste und lässt sie sich auch zeigen. Genauso wie die Hände der Besucher. Applaus.

Michael Sele von Beauty Of Gemina gut gelaunt mitten unter den WGT-Besuchern an der Parkbühne.
Foto: Patrick Limbach
Tying Tiffany hingegen macht keine Umschweife. Kurzes Intro, heftige Industrialklänge, zu denen man eher weg springt, als man tanzen will. Die zierliche Italienerin mit dem unter einem Lappen versteckten Bubischnitt schreit sich die Seele aus dem schlanken Leib. Olala, die Dame bückt sich, zeigt beim Tanzen ihr schwarzes Höschen. Trotzdem kein Grund zu bleiben, auch wenn die Kratzbürste am Mikro drei Alben veröffentlicht hat und mit Sicherheit Nic Endo von den den Elektro-Krach-Meistern von Atari Teenage Riot in nichts nachsteht. Ein Zugaberuf.
Schwarzgewandete warten lieber auf den Freisitzen vor und in der Parkbühne auf ganz andere Helden. Gegen 21 Uhr taucht ein Mann auf, der schon bei den 1979 gegründeten Gothic-Fossilen Christian Death dabei war und nach seinem Weggang von dort bereits 1985 die Formation Mephisto Walz gründete. Das meint zumindest der grau-melierte Engländer, der schon The Beauty Of Gemina vom Rande aus beobachtete. Jedenfalls empfiehlt er noch beim Vorrübergehen das neue Album "3rd Incarnation", das Mephisto Walz nun vorstellen wollen.
Auch der Mephisto Walz - Schlagzeuger Christian Omar ist ein echtes Urgestein und hat früher bereits bei Christian Death getrommelt. Barry Galvin betritt mit ihm und seiner attraktiven Sängerin Sara Reid, die im hautengen Latex-Lack-Outfit für sämtliche Hingucker sorgt, die Bühne. Benn Ra vervollständigt als Bassist das Line Up. Dicke Patchoulischwaden wabern durch die Luft, die "Zimmerpflanzen" wachsen wieder in die Höhe, ein langes Intro erklingt. Irgendwie will das nicht enden, die Bandmitglieder warten und lächeln sich gegenseitig an. Mephisto Walz legen los und beeindrucken mit ihren stimmungsvollen Liedern, die ab und zu keinerlei Songstrukturen aufweisen, fast schon wie Endlosschleifen klingen. Sonst schwarz getünchter Punk Rock mit poppigen Anleihen im Duettgesang.
"It is good, being here", sagt Galvin mit ruhiger Stimme zum Publikum. Er weiß, dass er für sein neues Album sehr gute Reaktionen bekommen hat und macht's dem englischen Besucher nach und verweist auf den Verkaufsstand, wo die neue Scheibe zum Verkauf liegt. 50 Minuten lang sehen die Gruftis dem angenehmen Treiben auf der Bühne zu. Das Spiel von Barry Galvin könnte das von Gitarrist Robin Guthrie alle Ehre machen. Bringt Galvin ebenso hallende und wabernde Klänge aus seiner Sechssaitigen hervor, wie es Guthrie bei Cocteau Twins getan hat. Achtziger eben. Nach 40 Minuten geht die Band winkend von der Bühne. Zugaberufe. Applaudieren. Dabei ist die Band nur Getränke holen gegangen und kommen mit Wasserflaschen bewaffnet wieder zurück. Keine Bange, die Rolling Stones-Coverversion "Paint it black" wird auch schon gespielt, aber dann ist Sense.
Reggae-Klänge von Bob Marley schmeißen die Schwarzen raus, viele von ihnen werden wohl ins Werk II gefahren sein, um sich die Misfits anzuschauen. Andere machen sich nun auf den Nachhauseweg - ein langes Wochenende, für viele bereits seit Donnerstag liegt hinter ihnen. 20 Jahre sind rum, die Party geht aber noch in den Abschlussfeiern in der Villa, Moritzbastei und Darkflower weiter. Nächstes Jahr kommen sie zurück nach Leipzig, wenn das 21. Wave Gotik Treffen ansteht. Voll wirds sicher auch ohne Jubiläum wieder.
VGWortLIZ

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