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Porno 2.0 oder Die große Wunderkiste Web: Eine Ausstellung

Ralf Julke
Foto: Sophie Lautru
Foto: Sophie Lautru
Porno in Leipzig? Gar noch Porno 2.0? - Natürlich: Eine spannende Ausstellung im Ausstellungsraum D21 in Lindenau gibt Anlass, darüber nachzudenken, zu welchen Enthüllungen Menschen im „Informationszeitalter“ fähig sind.

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In der Gruppenausstellung „Porno 2.0“ haben sich die Künstler Ursula Biemann, CUM2CUT, JLNDRR, Deborah Kelly, Sophie Lautru, Eva and Franco Mattes aka 0100101110101101.ORG, John Tonkin zusammengetan und einmal aus artistische Sicht beleuchtet, was da in den zwielichtigen Seitenstraßen und nächtlichen Szenerien des Internets geschieht.

Denn eines scheint evident: „Die Rolle der Pornografie sollte bei der Entwicklung und Verbreitung neuer Medien und Technologien nicht unterschätzt werden. Wie Videorekorder, Privatfernsehen ist auch das Internet mit und dank ihr gewachsen. Vor allem während der Interneteuphorie in den 1990ern schienen die Möglichkeiten von Sex im Cyberspace grenzenlos. Virtueller Sex versprach neben Anonymität und der Loslösung vom biologischen Körper – und damit auch von sexueller Diskriminierung – eine zweite sexuelle Revolution auszulösen: Mehr Sex, besserer Sex, anderer Sex.“

Der Mensch ist ein Wesen mit Einbildungskraft und dem tiefinnigen Glauben an die Erfüllung aller Wünsche. Und so hat er die neue Maschinerie zum großen Wunschbriefkasten gemacht. Und die Heilsverkünder warten allerenden mit dem, was auch farbetriefende Zeitungen so gern versprechen: Sex. Manchmal mit Crime. Meistens mit Abzocke und einem Irrgarten der mehr als halblegalen Abwege.

Sex sells. Und wenn heute von Milliarden Euro getönt wird, die im Internet verdient werden, dann geht ein gewichtiger Teil davon auf die Online-Angebote zum menschbewegenden Thema.

Foto: D 21
Foto: D 21
Con2cut: Indie Porn Short Movie Festival.
Viele Fantasien gingen den technischen Möglichkeiten voraus, heißt es im Statement der Galerie. „Computersex fand, wenn überhaupt, vor allem im Austausch erotischer Textbotschaften in Chatrooms statt. - Die Technikentwicklung der vergangenen Dekade hat uns näher an diese Fantasien gerückt. Es gibt einfache Bildübertragungen, Internetportalen, auf denen User_innen Filme und Bilder hochladen können, soziale Netzwerke und digitale Parallelwelten. Das World Wide Web ist eine unendliche Kontaktplattform zum Austausch von Sexfantasien jenseits von Raum und Zeit. Wenn Jede und Jeder eigene Inhalte ins Web 2.0 stellen kann, beginnt auch die Grenze zwischen Pornoproduzent_innen und -konsument_innen zu verschwimmen.“

Wie wahr. Fast im Gleichschritt mit immer neuen Tiefen-Erkundungen privater und weniger privater Fernsehkanäle werden die schrillsten Mitmenschen zu Laien-Darstellern ihrer selbst. Die Grenzen zwischen Entblößung und Selbst-Entlarvung verschwinden.

Eva and Franco Mattes
Eva and Franco Mattes
Reanactment von Marina Abramovic und Ulay.
„Internetuser_innen erschaffen sich digitale Doppelgänger, für die die Grenzen der Veränderlichkeit des biologischen Körpers nicht gelten: Perfekte Schönheit ist programmierbar. Jenseits sexueller Tabus ist eine eigene Online-Sexkultur mit einem eigenen Vokabular, zahlreichen Praktiken und eigenen, alten und neuen Geschlechterrollen entstanden. Entgegen der Liberalisierungsfantasien vervielfacht sich jedoch auch sexuelle Ausbeutung und Prostitution in der digitalen Welt.“

Und das ist nicht nur ein Thema für die digitale Welt der Wunschfantasien. Der Rausch vom Immer-Mehr schwappt zurück in den Alltag der von Werbebotschaften dominierten Welt, skurrilste Praktiken erleben ihre Sternstunden als Thema in Vorabendserien und in Werbekampagne. Und so recht weiß am Ende nur noch die Polizeistatistik, was davon tatsächlich stattfindet und was nicht.

Die sieben internationalen, medienkünstlerischen Positionen in der Ausstellung Porno 2.0 im D21 Kunstraum Leipzig werfen Schlaglichter auf die Aktualität und Doppelbödigkeit sexueller Fantasien in der digitalen Welt.

Und hinterfragen damit nicht nur den augenscheinlich immer heftigeren Hunger der Netz-Abhängigen nach irgendeiner Art sexueller Erfüllung, sondern auch die stets wahrnehmbare Kehrseite des Spiels: eine von Gefühlskälte dominierte Gesellschaft, die eine reale Erfüllung der Liebessehnsucht für viele Menschen nicht mehr bieten kann.

Und natürlich zeigen die sieben künstlerischen Essays auch, wie ent-täuschend am Ende auch dieses Heilsversprechen einer Industrie ist, die mit immer neuen Wellen versucht, ein Medium als Heilmittel zu verkaufen. Es ist schon über zehn Jahre her, als das Internet auch von diversen Leipziger Magazinen als eine Welt gepriesen wurde, in der die Sehnsüchte def Wirklichkeit digital in Erfüllung gehen.

Nichts davon ist passiert.

Genausowenig, wie das viel zitierte „Web 2.0“ irgendetwas zum Besseren verändert hat oder im Netz gar neue Inhalte geschaffen hat. Es lohnt sich, nach Lindenau zu pilgern und sich mit den Arbeiten der Medienkünstle zu beschäftigen, die sich rücksichtslos mit dem e-Müll aus Pornokanälen, Spams und Partnerbörsen beschäftigen, den hilflosen Rollenbildern de Fantasy-Spiele, den Selbst-Darstellungen im Do-it-yourself-Web und den Versprechen von Omnipotenz, mit dem die spendierfreudigen Surfer gelockt werden. Das Selbstbild als Wunschbild. Sex als Wettbewerb der Perfektion.

Hinterher wird mancher ernüchtert auf die Straße treten und sich freuen, dass noch echte Menschen durch Lindenau laufen.

Die Ausstellung ist im D21 Kunstraum Leipzig, Demmeringstraße 21, bis zum 14. Dezember zu sehen.

www.d21-leipzig.de


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