Detektivarbeit im Bildermuseum: Carl Gottfried Wincklers verschollene Sammlung
Ralf Julke
03.09.2009

Richard Hüttel beim Erläutern der Aquarelle von C. F. Wiegand.
Foto: Ralf Julke
Im Museum der bildenden Künste hat gestern Abend eine Ausstellung eröffnet über eine Sammlung, die es gar nicht mehr gibt. Die es schon seit 200 Jahren nicht mehr gibt: "Die Sammlung Gottfried Winckler". Und trotzdem schwärmt de Leiter der Graphischen Sammlung von ihr.
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Der Schwärmer heißt Richard Hüttel und erwähnte den Gegenstand seiner Schwärmerei schon 2008 ganz beiläufig, als er die Leipziger teilhaben ließ an einer anderen Wiederentdeckung eines namhaften Mannes, der zwar seine Straße hat in Leipzig, aber der im lebendigen Gedächtnis nicht wirklich eine Rolle spielte: Adam Friedrich Oeser. Der bekam damals sozusagen zum 293. Geburtstag eine Sonderschau im Bildermuseum, Auftakt irgendwie auch schon fürs Uni-Jubiläum 2009. Denn mit Oeser wurde der Blick schon einmal eröffnet auf das Zeitalter der Aufklärung, das dieser Tage im Alten Rathaus in aller Fülle zu bestaunen ist: "Erleuchtung der Welt".
Und da hatten einige Leipziger eine tüchtige Aktie dran. Oeser als Direktor der Akademie genauso wie die diversen Bürgermeister, von denen Carl Wilhelm Müller der Berühmteste ist. „Während Winckler zu den zu Unrecht fast Unbekannten gehört", sagt Hüttel. Mit einer eigenen Ausstellung wurde der Kaufmann bislang nie. Nur in den diversen Erinnerungen – etwa bei Goethe – taucht er auf. Oder besser: seine Sammlung tut es, eine von 13 Kunstsammlungen, die für das 17. und 18. Jahrhundert in Leipzig belegt sind. Und wohl die größte. Goethe muss staunend durch die 1765 schon eindrucksvolle Sammlung von Gemälden, Grafiken und Gemmen spaziert sein, die der weit reisende Kaufmann sich auf seinen Reisen zusammenkaufte. 1768 zählte der Franz Wilhelm Kreuchauf erstellte Katalog der Sammlung (als Handbuch ein echtes Novum – sozusagen der erste Taschenkatalog der Welt, gedruckt bei B. C. Breitkopf und Sohn) schon 628 Gemälde auf, die nicht nur für den allgegenwärtigen Goethe in Wincklers Wohnhaus in der Katharinenstraße 22, im Haus "Zum Goldenen Helm" besichtigt werden konnten. 1795, in dem Jahr, als Winckler starb, sollen es rund 1.300 Gemälde gewesen sein, 80.000 Kupferstiche und eine Bibliothek von 6.842 Büchern.

Anton Graff: Carl Gottfried Winckler (1769).
Foto: MdbK
„Nur gab es damals kein Museum", bedauert Hüttel. Die Sammlung ging also in drei Teilen an die Kinder und wurde ab 1800 nach und nach verkauft, sie zerstreute sich in alle Welt. Viele Bilder sind seitdem wie vom Erdboden verschluckt. Einige wenige fanden über die Sammlungen anderer Leipziger – wie die Speck von Sternburgsche – später doch noch den Weg in das 1858 gegründete Bildermuseum.
Das für Forscher Wertvollste vollbrachte um 1800, als die Sammlung noch beisammen war, der Maler Christian Friedrich Wiegand: Er setzte sich mit seinen Aquarellfarben in das Wincklersche Gartenhaus in der Hintergasse 1218 in der Nähe des Schwanenteichs und malte die über und über mit Gemälden behängten Wände ab. So detailgetreu, dass im Grunde die abgebildeten Gemälde heute identifiziert werden können – wenn sie irgendwo auftauchen. Von den 218 Bildern, die Wiegand mit spitzem Pinsel skizzierte, hängen fünf in der Kabinettausstellung, die jetzt im Bildermuseum gezeigt wird. Ein kleines Suchspiel für große und kleine Besucher.

Christian Friedrich Wiegand: Die Gemäldesammlung Gottfried Winckler.
Foto: MdbK
Denn natürlich hängen auch Wiegands Aquarelle da, die einen Eindruck davon geben, wie es einst in Wincklers Sammlung ausgesehen haben muss.
„Das ist etwas Einzigartiges, was wir da haben", schwärmt Hüttel. „Dergleichen gibt es sonst nur für adelige Sammlung, für bürgerliche kaum." Zumindest nicht so detailreich und wissenschaftlich verwertbar. Hüttel: „Mit dem Kreuchauf zusammen zwei unvergleichliche Quellen."

Gemälde aus Wincklers Sammlung in der Ausstellung "Spuren".
Foto: Ralf Julke
Der Katalog von Kreuchauf ist ebenfalls ausgestellt. Auch wenn Franz Wilhelm Kreuchauf nun selbst keine besondere Würdigung erfährt. "Kustos" vermerkt die eine Quelle für den Mann. Andere Quellen bezeichnen den Leipziger, der nur vier Jahre älter war als Winckler als Handelsmann und Kunstsammler, als Kunstschriftsteller und Oeserfreund – einen Gleichgesinnten also, der mit der Beschreibung der Wincklerschen Sammlung einer Leidenschaft frönte und auf seine Art zur "Erleuchtung de Welt" beitrug. Auch wenn viele Zuordnungen der Gemälde, die er trifft, sich später als Trugschluss erwiesen. Etliche der von Winckler so geliebten Dürers, Holbeins, Tizians und Giorgiones hat die Forschung mittlerweile genauer untersucht – und anderen, weniger bekannten Malern zugeordnet. Oder gar die Autorenschaft ganz offen gelassen. So weit waren die Kunst liebenden und sammelnden Bürger des 18. Jahrhunderts noch nicht. Die Methoden, um mit wissenschaftlicher Akribie die wirkliche Herkunft von Gemälden zu ermitteln, wurden gerade erst entwickelt.
Und Goethe wird auch nicht umsonst so gern und oft zitiert: Er war 1765 einer der ersten Besucher der Sammlung, die Winckler just in diesem Jahr erstmals zwei Mal in der Woche für die Öffentlichkeit öffnete. Beleg für den guten Riecher, den der Jurastudent aus Frankfurt hatte für das, was wichtig und neu war in der Welt.
Vielleicht war wirklich ein echter Rembrandt in Wincklers Sammlung – seine Spur hat sich (vorerst) verloren. „Aber es ist eine faszinierende Spurensuche", sagt Hüttel. „Die Teile zu diesem Puzzle sind in alle Welt zerstreut." Dafür kann der Besucher der Ausstellung, die jetzt bis zum 1. November zu sehen ist, zumindest eine Ahnung bekommen von der größten und Aufsehen erregendsten Leipziger Kunstsammlung des 18. Jahrhunderts.
Spuren. Die Sammlung Gottfried Winckler. Ein Leipziger Kunstfreund des 18. Jahrhunderts, Museum der bildenden Künste, 3. September bis 1. November 2009.
www.mdbk.de
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