60 40 20 : 60 Jahre Leipziger Kunst als historisches Paket
Ralf Julke
03.10.2009
Podium zur PK: Walter Queins, Hans-Werner Schmidt, Siegbert Ketelhut, Frank-Heinrich Müller.
Foto: Ralf Julke
Heute wird sie im Museum der bildenden Künste eröffnet: die Ausstellung mit der seltsamen Zahlenfolge "60 40 20". Eigentlich einer der vielen Beiträge zum 20-jährigen Jubiläum des Herbstes 1989. Es ist ein bisschen "DDR reloaded". Frei nach dem Motto: Was ist denn übrig von 40 Jahren Staatskunst - und ihren Antipoden?
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Denn die gab es natürlich auch - in offenem Widerspruch, im stillen Rückzug, in öffentlichem Protest. Aber auch als Narrenkappe - zu entdecken in den Arbeiten all der mehr oder weniger bekannten Maler der Leipziger Schule. Deren erste drei Repräsentanten machten ja bekanntlich 1977 auf der 6. dokumenta Furore - und seitdem hatte in der DDR fabrizierten Kunst einen Markt. Und die Sache war so schizophren, wie Kunstproduktion nur sein konnte - zerrissen zwischen staatstragender Bildertreue und närrischem, verkäuflichen Protest.
Bei manchem ging der Riss quer durch sein malerische Werk. In der bundesdeutschen Kunstkritik laufen heute oft noch Mauern und Stacheldrahtwände zwischen den Lagern. Das ist die 20 im Titel der Ausstellung, die sich im Bilderklotz an der Katharinenstraße gleich über fünf Etagen verteilt.
Hans Meyer-Foreyt: Im Museum.
Foto: MdbK
Mit eine wirklich kompakten Übersichts-Schau im Untergeschoss, die eine kleine Kostbarkeit bieten unter dem Titel "Neuerstanden aus Ruinen". Diese Abteilung zeigt die frühen Jahre der DDR-Kunst zwischen 1949, als zumindest anfänglich eine neue Freiheit des Kunstschaffens möglich schien - und damit an europäische Kunst-Entwicklungen. Bis 1953 der erste harsche Kurswechsel auf politischer Bühne auch erstmals für heftige Umbrüche in der Leipziger Kunstszene sorgte.
Das ist sozusagen schon ein Gang in die Geheimkammernm der jüngeren Geschichte, die Zeit, als ein paar pogromerfahrene Bürokraten daran gingen, die offizielle Kunst des Landes auf Kurs zu trimmen. Dass das nie vollständig gelang, zeigen die andere Abteilungen, in denen ganze Generationen von Künstlern zur Sprache kommen - offiziös anmutende Werke in engstem Dialog mit Bildern, die bis 1989 nirgendwo öffentlich gezeigt werden durften. Letzteres konzentriert gesammelt in einer Kammer mit dem Titel "Gegenkultur".
Anderes versteckt sich in den Ausstellungsbereichen der vier oberen Etage, ist "eingesprenkelt", wie Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt sagt. Oder es ist - mit extravaganten Wandkonstruktionen - mitten in die überdimensionierten Kuben des Museums hineingebaut - wie die Fotoausstellung "EAST - zu Protokoll", in der 75 Fotografinnen und Fotografen ihr ganz persönliches Bild aus dem Wandel-Herbst 1989 zeigen - angereichert um die Geschichte zum Bild.
"Ein kollektives Tagebuch", nennt Frank-Heinrich Müller das, was da als eigenständiger Beitrag mt Unterstützung der VNG entstanden ist. Die Vorgängerausstellung dazu war im Frühjahr in der Galerie für Zeitgenössische Kunst zu sehen. Doch was jetzt - derart kompakt - zu sehen ist, zeigt, dass Geschichte selten mit dem übereinstimmt, was jeder Einzelne tatsächlich erlebt. Es ist das gleichzeitig Geschehende, das eigentlich unvereinbar ist und was einen Fotografen wie Frank-Heinrich Müller imer wieder aufs Neue verblüfft.
Unter den Arbeiten Bernhard Heisigs: Walter Queins (Peter und Irene Ludwig Stiftung), Hans-Werner Schmidt (mdbK), Siegbert Ketelhut (VNG), Frank-Heinrich Müller (Kustos von EAST.
Foto: Ralf Julke
Ein wenig zeigt das auch die ebenfalls zu "60 40 20" gehörende Ausstellung in der Kunsthalle der Sparkasse (Otto-Schil-Straße 4a). Die zeigt nämlich "Stadtlandschaften", Arbeiten von 60 Leipziger Künstlern und damit ihre Sichtweisen auf die Stadt - Straßenschluchten, Ruinen, Vogelperspektiven. Manches Bild sorgte auf Kunstausstellungen der Zeit für Diskussionen, anderes blieb nur Eingeweihten vorbehalten. Manches wirkt wie penibel ausgearbeitete Dokumentation des Still-Stehenden, anderes lässt in beängstigender Kulisse Menschen erscheinen, denen man bei Nacht nicht unbedingt begegnen möchte. Stadtraum als Lebens-Erfahrung. Ein besonderer Aspekt für alle, die gewohnt sind, bei Bildern etwas genauer hinzuschauen.
Arno Rink: Aufstieg.
Foto: MdbK
So bekommt Leipzig zum Revolutions-Jubiläum eine Art diskutanter Retrospektive - bietet das Bildermuseum einen teilweise kontroversen Einblick in die letzten 60 Jahre Leipziger Kunstbetriebes, der mit den Jahreszahlen 40 (DDR) und 20 (Nach-"Wende") nur scheinbar eine Zäsur erfährt. Denn natürlich ist auch die seit den 1970er Jahren propagierte "Leipziger Schule" nur eine begrenzte Zeiterscheinung. Schon die Schüler der drei damals erfolgreichen Professoren passten nicht unter das Mäntelchen- oder wollten bewusst nicht passen. Und die Kämpfe um Zu- und Einordnungen gehen bis heute weiter. Vor allem bei Leuten, die für alles eine Schublade brauchen und ihre Brille bewusst nicht mitnehmen in die Ausstellungen, weil ihnen die Ideologien meist wichtiger sind als die Bilder.
Ganz offiziell eröffnet wird die "60 40 20"-Bilder-Schau am heutigen 3. Oktober, 18 Uhr im Museum der bildenden Künste. Zu sehen sind die Bilder - von denen viele aus der Peter und Irene Ludwig Stiftung in Oberhausen stammen, bis zum 10. Januar 2010.
Mit der Peter und Irene Ludwig Stiftung hat Leipzig übrigens einen neuen, wichtigen Leihgeber gewonnen, denn der Oberhausener Sammler Peter Ludwig hat - vor allem in den 1980er Jahre - viel DDR-Kunst gesammelt, die in den Beständen des Bildermuseums kaum vertreten ist. Als Hans-Werner Schmidt, der Direktor des Museums, bei der Stiftung um Leihgaben anklopfte, ergab sich schnell ein "deal", wie ihn Schmidt nicht erwartet hatte: Die Stiftung überließ dem Museum 160 Kunstwerke als Dauerleihbabe - darunter eine Vielzahl Leipziger Künstler. Nicht alle Arbeiten sind in "60 40 20" zu sehen, sollen aber in den nächsten Jahren in diversen Einzelausstellungen gezeigt werden.
Kataloge gibt es zur Ausstellung gleich zwei: Einmal den Gesamtkatalog, 384 Seiten erschienen im E. A. Seemann Verlag (34 Euro) und zum zweiten den ganz speziellen Katalog "EAST - zu Protokoll", erschienen im Steidl Verlag (38 Euro).
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