Utopia Attraktor: EEG zeigt im Westwerk "lebende" Kunst
Daniel Thalheim
05.05.2011
"Nemore" heißt das singende Objekt, das auf Bewegungen reagiert - hier eine Tanzperformance zur Ausstellungseröffnung.
Foto: Daniel Thalheim
Zukunft voraus, sie beginnt jetzt!, heißt es im übertragenen Sinn in der Essential Existence Gallery im Leipziger Westwerk an der Karl-Heine-Straße. Dort zeigen seit gestern Abend verschiedene Künstler ihre Arbeiten. Das sind keine Gemälde, keine Skulpturen und Installationen, ... sie leben. Kybernetik mal künstlerisch.
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Denn bei der aktuellen Ausstellung dreht sich alles um Wahrnehmung und Reaktion. Dabei spielt neueste Technik eine Rolle. "Rustin ruins of utopia" heißt es seit der gestrigen Ausstellungseröffnung am 4. Mai. Als sich bei abendkühlen Temperaturen mehr und mehr junge Leute in der EEG einfinden, werden sie bereits am Eingang von komische Lauten begrüßt. Denn dort im Eingangsbereich hängt ein Mikro von der Decke und ein Bild ist an der verwitterten Wand projiziert. Ein Gast schreit hinein und ein "furchterregender" Fisch erscheint als Bild an der Wand. Wer es leiser versucht, stellt verzerrende Muster an den Ziegeln fest, die Mauer lebt.
Woeishi Lean neben "Nemore".
Foto: Daniel Thalheim
Die Mauer lebt
Woeishi Lean heißt der Künstler, der für den unterhaltsamen Einstieg in die bis zum 3. Juni laufende Ausstellung "rustin ruins of utopia" sorgt. Gegenüber der L-IZ stapelt der 1983 in Insbruck geborene Künstler tief: "Es ist einfach ein Spiel", zeigt dabei auf Projektor und Mikrofon: "Man muss das Foto aus der Perspektive des Projektors machen, projiziert es zurück, nimmt die Umgebungsgeräusche mit dem Mikrofon ab, dann bewegt sich das Bild." Man kann dadurch das Bild verbiegen, Effekte erscheinen lassen. Ob das Kunstwerk, das "2 Wall" heißt, psychedelisch ist, beantwortet der Künstler mit einem Lächeln. Je nachdem wie stark der Besucher ins Mikro schreit, erzählt oder einfach unabsichtlich Geräusche macht, verändert sich das Bild stufenweise. Erst fast unmerklich, als ob sich die frei gelegten Ziegelsteine bewegen würden, dann erscheint der riesige Fisch.
Lean bestätigt, dass dies eine witzige Idee ist. Denn jeder kann am Eingang etwas aktiv machen. "Es soll etwas spielerisches sein. Das hier ist nunmal keine Ausstellung zum Herumstehen und Angucken." Ein wenig muss man auch Techniker sein, um auf solche Ideen zu kommen. "Wir sind hier vier Leute. Der eine ist Industrial-Designer, einer macht viel Robotik und Hardware. Ich bin eher so der Programmierer und Designer. Dahingehend ergänzt sich das gut. Es war nicht so, dass irgendjemand von uns extrem technisch ist. Die Ideen lassen sich halt ganz gut verbinden, deswegen kommt es einen so technisch vor."
Man muss auch gute Laune für so einen Gedankenblitz haben. Lean lacht. "Dafür braucht es nur Zeit", scherzt der Künstler und erklärt: "Wir wussten einfach, welche Situation wir hier vorfinden. Wegen der hier vorherrschenden Feuchtigkeit im Mauerwerk kann man nichts aufstellen oder aufhängen, also brauchten wir hier etwas hier im Raum, einfach so als Starter für die Ausstellung." warum die Installation "2. Wall" heißt erklärt Lean auch: "Es hat schon ein Werk diesen Namens gegeben, als Test mit einem Bücherregal. Wir benennen es nach dem Objekt, wofür es verwendet wird."
Für den Künstler, der in Salzburg Multimeda studiert hatte, hat auch die abbröckelnde Wand einen ästhetischen Wert. "Wir wollten die Wand auch zum Bild machen, die ist auch irgendwie schön. Ich stehe auf die Industrieästhetik." Woeishi Lean, der sich kurz Woi nennt, führt zu einem zweiten Objekt, das beim Hindurchgehen seltsame Geräusche von sich gibt. "Das ist Nemore", so der 28-jährige, "Das ist ein kinetischer, interaktiver Garten. Die Idee war anfangs, ein Blumenbeet zu gestalten, aber wir wollten Pflanzen keinen Schaden zufügen. Deswegen haben wir das Ganze auf Kohlefaserstäbe abstrahiert, die sich biegen können, wenn man an ihnen vorbeigeht. Sie reagieren quasi als Schwarm auf die Menschen." Neben den Bewegungen geben die Stäbe auch Geräusche von sich, je nachdem wie stark die Bewegungen sind. "Jede Stange hat einen eigenen Ton, je nachdem sich die Stange biegt, verändert sich der Ton." Fragil ist die Konstruktion auch, doch es können laut Lean beliebig viele Leute durchgehen. Dass man die Stäbe auch anders zum Klingen und Schwingen bringen kann, zeigt wenig später eine Tanzperformance.
Bei Bewegungen verbiegen sich die Kohlefaserstäbe von "Nemore" und "singen".
Foto: Daniel Thalheim
Batmäään
Für "Batman"-Fans gibt es seit gestern auch etwas zu sehen. Nur muss man 50 Cent parat haben, um einen Blick auf ihn erhaschen zu können. Eine Installation mit dem kleinen Einkaufswagen, der Bezahlbüchse und dem daran angeschlossenen Projektor hat sich Jan Bernstein ausgedacht. Der 1982 in Berlin geborene Künstler hat mehrere Jahre die Kunsthochschule auf Burg Giebichenstein in Halle /Saale besucht und lehrt als Assistent seit einem Jahr "Industrial Design". "Es ist ein normaler Einkaufswagen für Kinder, der mit einer Autobatterie bestückt ist, die einen Diaprojektor speist. Den Wagen kann man einfach herum fahren, 50 Cent rein schmeißen, dann wird ein Dia projiziert." Warum gerade das Symbol für Batman genommen wurde, weiß Bernstein als Hommage an die auf ein Comicstrip zurück gehende Filmreihe zu erklären. Dort wirft man das Symbol auch an Wände und bekommt dann Hilfe.
"Hier muss man aber 50 Cent dafür bezahlen." Auf die Frage hin, wer das Geld bekommt, meint der Künstler lachend. "Das geht an den Künstler zurück, endlich ein Kunstwerk, womit man Geld verdienen kann." Auch wenn die Ausbeute am Ausstellungstag marginal ist und das Objekt nur zweimal benutzt wurde. Mit Augenzwinkern hofft Bernstein, dass er ein steinreicher Mann wird. Jedenfalls scheint hier eine neue Kunstidee zu schlummern, wo Künstler ihre Werk re-finanzieren können. Ob das auch für Malerei/Grafik zutreffen könnte, weiß der Künstler derzeit nur mit einem schallenden Lachen zu beantworten.
"Ongoing": Die sensorischen Füße von Blumentöpfen von Jan Bernstein.
Jan Bernstein hat aber noch eine weitere Idee ausgestellt mit einem kleinen Roboter, der auf Sensor-Basis arbeitet. Auf einem benachbarten Bildschirm krabbeln Topfpflanzen umher, wandern zur hellsten Lichtquelle. Diese drei laufenden Blumentöpfe haben Robotik im Leib. "Da drin sind Licht- und Abstandssensoren und kleine Beine, so dass die Pflanze zur Lichtquelle laufen kann. Am Tag geht's zum Fenster, nachts, wenn eine Stehleuchte angeschaltet ist, laufen die Pflanzen dahin. Wenn die Pflanze zu trocken ist, geht sie in den Schatten."
Aber gießen muss man die Blumen auch hin und wieder. "Dann läuft sie wieder zur Lichtquelle." Ob dahinter eine wirkliche Geschäftsidee dahinter steckt? Wer weiß, aber Bernstein weiß, dass Japaner verrückt nach Robotik sind. "Für die armen Pflanzen, die zuhause sonst eingehen, weil sie Licht- und Wassermangel leiden." Angebote aus der Wirtschaft gibt es aber noch nicht, so der Künstler. Neben den ausgestellten Blumentopf-Roboter kann man sich an einem weiteren Modell ganz genau die Mechanik, Programmierungen und Sensoren der kleinen intelligenten Maschine anschauen.
Ein ganz besonderer Kronleuchter hängt nebenan von der EEG-Decke. "15 Kilo schwer", erzählt Veranstalterin Arinae Jedlitschka zum Kronleuchter, der auf Bewegungen und Geräusche reagiert. Dann bewegen sich die Dioden dorthin, wo Hände und Köpfe wackeln, suchen diese. Das von Sebastian Neitsch geschaffene kinetische Objekt heißt "Silke", ist sozusagen der erste moderne Kandelaber, der sich dorthin dreht, wohin mal will. Das führt natürlich zu eigentümlichen Bewegungen bei den Besuchern. Das sieht lustig aus, führt zu Gesprächen untereinander. "Silke" ist aber empfindlich, weiß der Künstler, so dass man sanft mit ihr umgehen muss.
Bis zum 3. Juni können Kunstfreunde die seltsamen, "lebendigen" Objekte bestaunen und mit ihnen "spielen". Schnell kommt man mit den Künstlern ins Gespräch, sofern sie anwesend sind. Doch auch die EEG-Galeristen wissen, wie man mit den Objekten richtig umzugehen weiß und helfen gern. Jeden Samstag 10 und 16 Uhr findet zur Ausstellung eine Lesung für Kinder ab 5 Jahren aufwärts statt. Erwachsene sind natürlich ebenso herzlich empfangen. Zudem gibt es Workshoptage vom 31. Mai bis 3. Juni. Abgeschlossen wird die Ausstellung mit der Finissage von „rustin ruins of utopia“ am 3. Juni auf dem Freisitz des Westwerks mit einer Visualisierung von Sune Peterson aus Dänemark statt. Ziemlich "verrückt" und international. Der Eintritt ist stets frei.
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