Geschichte(n) aus dem Untergrund: Sabrina Bornmann ist mit Ausstellung, Theaterstück und Film subkulturell guter Dinge
Daniel Thalheim
15.09.2011
Sabrina Bornmann und Doris Schneider.
Foto: Daniel Thalheim
Wie erging es Punks in der DDR? Warum wurden sie überwacht, wie haben sie sich gefühlt, gegen wen haben sie rebelliert? Wer der Tristesse im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat etwas entgegensetzen wollte, landete entweder im Knast oder flüchtete vorm sozialistischen Realismus in die Musik. Punk war nur ein Ausdruck vieler Jugendlichen damals, um sich innerlich gegen den repressiven Staat aufzulehnen. Wie sieht der Blick auf die damalige Zeit 20 Jahre danach aus? Sabrina Bornmann erzählt.
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Worum geht's eigentlich bei der Ausstellung ab kommender Woche in der VILLA?
Die Ausstellung "Geschichte(n) aus der Kiste" ist ein Teilstück unseres Projekts "Geschichte(n) erzählen" und knüpft in seiner Thematik an die Schwerpunkte des Films "Besser Anders-Subkulturen zwischen Rebellion und Anpassung" aus dem Projekt "Geschichte(n) aus dem Untergrund" an. Es geht um Leipzig, insbesondere deren subkulture Zeitgeschichte der späten 80er bis in die 90er. Diese Ausstellung komplettiert neben dem Theaterstück "Anarchy Datscha" und dem Film die drei verschiedenen Wege zeitgeschichtlicher Adaption und ist zudem das Element des Projekts in dem der Besucher selber aktiv werden soll.
Was ist das Besondere daran?
Das Besondere daran oder vielleicht besser darin ist, dass wir uns bewusst gegen eine staubtrockene museale Ausstellung entschieden haben. Wir wollen das sich die Besucher jeden Alters frei bewegen können und selbst interaktiv entscheiden wie sie mit der Ausstellung umgehen. Dafür haben wir eigens einen großen begehbaren Kubus gebaut, der letztlich fünf verschiedene Wege öffnet sich der Thematik nähern. Ob Musik, Film, kleine Spionageakte oder kreativ mit Stift entscheidet der Besucher selbst. Komprimiert auf unscheinbare sieben Quadratmeter fusioniert unsere kleine Geschichtenkiste Leipziger Zeitgeschichte und zeitgenössische Kunst.
"Geschichte(n) erzählen" in der VILLA ab September.
Bild: Villa Leipzig / Presse
Zeitgenössische Kunst, wie passt das mit DDR Subkultur zusammen?
Wir finden das geht ziemlich gut. Die Grundthematik ist aktuell, Rebellion gegen das System ist allgegenwärtig. Zu diesem Zwecke haben wir ein bisschen in der aktuellen Musik- und Kunstszene gewühlt und uns starke Kooperationspartner an die Seite gestellt.
Wen habt ihr für die Realisierung eigentlich ins Boot geholt?
Für den Bau und die technische umsetzung der Ausstellung haben wir Düsi vom Atelier "Scheinart" und Raik Steinmetz aufgetrieben und sind wahnsinnig dankbar hierfür. Ihnen ist es letztlich zu verdanken dass die Kiste entstehen konnte. Denn wie es eben immer so ist hatten wir ein winziges Budget für die Umsetzung zur Verfügung. Da braucht es starke Partner und Sponsoren und Spender sonst würde das überhaupt nicht funktionieren. Außerdem werkeln, streichen wir selbst noch fleißig mit. Darüber hinaus konnten wir den aus Palästina stammenden und in Leipzig wohnenden Fotografen Mahmed Dabdoub für unser Projekt gewinnen, der uns seine wunderbaren Fotos zur Verfügung stellt. Seine Fotos emotionalisieren und versetzen einen in das Leipzig der 80er zurück, sein Blick für Momente und Bilder ist einzigartig und sehr sehenswert, wie ich meine.
Für die Musik im inneren der Ausstellungen ist Musiker, DJ und Literat Jonathan Falk alias "Kalaz" zuständig, der mit Feingefühl und dem richtigen Gespür für alles was tönt genau der Richtige ist für uns. Christian Zabel alias "Emil" Leipziger Streetart-Künstler und HGB-Student komplettiert die Runde und gestaltet die Außenfassade der Ausstellung in seinem unverwechselbaren Stil, den man auch in den Leipziger Straßen entdecken kann.
Für diese Thematik haben wir mit Emil genau den richtigen wenn es um subkulture Kunst geht. Desweiteren ist das Tapac-Team mit an Bord die uns großzügig unterstützt haben. Für alle die es nicht kennen, wärmstens zu empfehlen, ein tolles Projekt mit wunderbaren Idealisten an Bord. Sachspenden kamen vom Leipziger Toom-Baumarkt, Alphatecc in Wachau und Conrad Elektronik. Gerade hoffen wir noch auf eine Kooperation mit den Kulturpaten und sind guter Dinge für die letzte heiße Vorbereitungsphase.
Man könnte meinen, wenn man Musikszene Leipzig hört alles dreht sich um Musik. Was wird bei der Ausstellung eigentlich gezeigt?
Sehen, hören und erleben steht im Fokus unserer Kiste. Natürlich ist Musik ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung, jedoch nicht nur. Neben den Fotos von Mahmed Dabdoub, die man auf besondere Weise zu sehen bekommt, werden auch Zeitzeugen zu Wort kommen die nicht im Film nicht zu sehen sind. Die Filmarbeiten haben soviel Material hinterlassen, dass auch weitere interessante Künstler und Zeitzeugen dieser Zeit in der Ausstellung zu Wort kommen. Zeitspezifische Musikstücke gibt es auf die Ohren und darüber hinaus kann sich der Besucher an der Wende-Wand selbst verewigen. Ich möchte aber auch nicht zu viel verraten. Ich rate lieber allen Lesern es selbst zu entdecken.
Gleichzeitig zeigt ihr auch das Theaterstück "Anarchy Datscha" und den Film "Untergrundgeschichten": Wie ist alles drei miteinander verknüpft?
Drei verschiedene Wege sich mit Leipziger Subkultur-Zeitgeschichte auseinander zu setzen. Wir wollen damit Möglichkeiten anderer Konsumformen zu schaffen. Bücher und Museen zum Thema gibt es zur Genüge. Der Besucher hat die Wahl. Zusammen bilden Film, Theater und Ausstellung eine Einheit, sind aber auch in ihrer Ausführung und Präsentation eigenständig. Das macht das Projekt gerade so spannend.
"Geschichten aus der Kiste" soll auch auf Reisen gehen?
Ja, ab Oktober wollen wir auf Tour durch Mitteldeutschland und stehen derzeit auch schon in Kontakt mit den ersten Veranstaltungsorten. Alle Elemente sind von Anfang so konzipiert, dass sie "reisefähig" sind. Diese zweite Phase wird noch einmal besonders spannend für uns. Es war uns von Anfang an für uns wichtig über die Grenzen von Leipzig hinaus Geschichte(n) zu erzählen. Wir überlegen auch ein Folgeprojekt für Schulen zu starten, das ist aber vorerst noch Zukunfstmusik. Wir freuen uns aber auf eine spannende Zeit.
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