Geschichte(n) aus der Kiste: Ausstellungs- und Theaterpremiere lockt Interessierte an
Daniel Thalheim
23.09.2011
Projektleiterin Doris Schneider erklärt wie Schwarwel in die Kiste kam.
Foto: Daniel Thalheim
Diese Ausstellung ist kein Mainstream. "Geschichte(n) aus der Kiste" hatte am gestrigen Donnerstag Premiere. Dazu ging das Theaterstück "Anarchy Datscha" von Marek S. Bednarsky über die Bühne und eine Podiumsdiskussion drohte die Besucher zu überrollen. Musik und Geschichten aus der Wendezeit stehen im Mittelpunkt in der VILLA.
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"Sehen, hören und erleben steht im Fokus unserer Kiste", so Villa-Mitarbeiterin und Projektassistentin Sabrina Bornmann zur ungewöhnlichen Ausstellung, die noch am selben Abend wieder verpackt wurde, um auf Reisen zu gehen. "Natürlich ist Musik ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung, jedoch nicht nur. Neben den Fotos von Mahmed Dabdoub, die man auf besondere Weise zu sehen bekommt, werden auch Zeitzeugen zu Wort kommen die nicht im Film nicht zu sehen sind", so Bornmann weiter im Vorfeld der Premiere gegenüber der L-IZ. Es geht um die Leipziger Musikerszene in der späten DDR und Wendezeit, die 2010 mit den Veranstaltungsabenden "Geschichte(n) aus dem Untergrund" mit der Leipziger Gruppe Renft begann.
Geschäftsführerin des Landesverbands Soziokultur Sachsen Anne Pallas hört JU Age von Age Of Heaven zu.
Foto: Daniel Thalheim
Durch Gucklöcher blicken die Ausstellungsgäste auf Szene-Fotografien aus den Achtzigern, können an zwei Bildschirmen jene Szenen anschauen und anhören, die es nicht in den Film "Besser anders" geschafft haben. Wie auch ein Interviewschnipsel von The-Sonic-Boom-Foundation- und früheren Think-About-Mutation-Bassisten Joey A. Vaising, der beschreibt, dass Think About Mutation beim selben Plattenlabel wie Rammstein gewesen sind. So lange bis sie eine für Fans nicht mehr nachvollziehbare Scheibe veröffentlichten und Rammstein an ihnen vorbei zogen.
Bornmann zu der Frage, ob es sich hier um "Reste" handelt?: "Die Filmarbeiten haben soviel Material hinterlassen, dass auch weitere interessante Künstler und Zeitzeugen dieser Zeit in der Ausstellung zu Wort kommen. Zeitspezifische Musikstücke gibt es auf die Ohren und darüber hinaus kann sich der Besucher an der Wende-Wand selbst verewigen." Interaktion ist wichtig für die Kistenausstellung, die schwarz und riesig die Neugierigen empfängt und in ihrem Bauch Musik von Knagge-DJ-Kalaz bereithält, der aus dem Film "Besser anders" Sprachfetzen entnahm und darunter einen saftigen Beat gelegt hat.
Volly Tanner, Doris Schneider und Marek S. Bednarsky auf dem Podium.
Foto: Daniel Thalheim
Auch eine anschließende Podiumsdiskussion mit Szene-Literat Volly Tanner und Regisseur Marek S. Bednarsky lockt Besucher an. Es werden große Bögen gespannt über den Begriff "Underground", der in der DDR laut Volly Tanner noch eine andere Deutung inne hatte als heute.
Damals noch Versammlungs- und Brutstätte Gleichgesinnter gegen ein etabliertes System, ist heute "Underground" ein austauschbares Wort für alles das, worauf man diese Marke kleben kann. Für einen Semperoper-Besucher wird jeder Typ in Lederjacke natürlich immer noch ein "untergrundiger" Chaot sein, aber aus dem Blickwinkel der Popkultur lässt sich diese Sicht schwer nachempfinden. Denn heute kann man kaum noch anecken mit seinem Outfit oder Musik.
Und natürlich kommt auch Theater nicht zu kurz, in dem eine BiFi vorkommt, natürlich die Wende, ein Herr Ratte vom MfS, der Doktor Oetker jagt. Weitere Termine sind der 28. September und 5. Oktober. Man kann das Stück auch buchen.
Leipzigs CDU-Politikerin Dr. Sabine Heymann hat die Ausstellung besucht und kann sie jedem Leipziger nur weiter empfehlen. "Ich war erstmal vom Rahmen der Ausstellung sehr angetan. Ich hatte meine Kindheit und Jugend in der DDR verbracht. Sicher mehr behütet in der Jungen- und Studentengemeinde. Aber auch dort konnte man in Leipzig einige finden, die Wege suchten, wie man aus der Uniformität der Gesellschaft ausbrechen kann: mit Musik, Outfit u.ä. Es war darum spannend daran wieder erinnert zu werden und dies in den heutigen Kontext zu stellen. Was ich kann will ich darum gern tun, um auch anderen, die sonst nicht typischer Weise in den Villakeller gehen, die Ausstellung zu empfehlen, denn empfehlenswert ist sie."
Auch die Geschäftsführerin des Landesverbands Soziokultur Sachsen Anne Pallas sieht das ähnlich und ist von der Aufmachung und Vermittlung der (Zeit)Geschichten begeistert.
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