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Tanners Interview ... mit Thomas Gebhardt: Eine abnehmende Bereitschaft zur Selbstausbeutung

Volly Tanner
Künstler und Journalist Thomas Gebhardt.
Künstler und Journalist Thomas Gebhardt.
Bild: Volly Tanner
Am dritten Septemberwochenende steht Leipzig wieder einmal voll und ganz im Zeichen der Kunst. Menschenmassen werden sich durch Ausstellungen quetschen. Spinnerei-Interessierte drängen aus Bussen. Bilder, Skulpturen und Installationen blinken, bläken und teilen sich mit. Einen quirligen Anfang nimmt dies schon am Freitag im Tapetenwerk auf der Lützner Straße. Inklusive Befeierter - einer davon ist Thomas Gebhardt. Ein Mann vieler Talente. Ein Mann mit freiem Geist und offener Denke.

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Hallo Thomas. Am 16. September ist Tapetenwerkparty – und Du hast ja Dein Atelier bekanntermaßen genau dort. Öffnest Du Deine Türen – auch die vom Brennofen?

Na, klar. Mein Atelier wird aber nicht nur am Freitag geöffnet sein, sondern am ganzen Wochenende. Ans Tapetenwerksfest schließt sich ja Samstag und Sonntag der traditionelle Rundgang an – im Tapetenwerk wie auch in der Baumwollspinnerei. Das ist im Frühjahr so, aber auch jetzt im Herbst. „Alle Türen offen“ heißt es dann immer in Ateliers und Werkstätten; in den Galerien sowieso. Und wer mag kann natürlich auch einen Blick in meinen Brennofen werfen. Allerdings nur in den Elektroofen; der Holzbrandofen, ein Anagama nach asiatischem Vorbild, steht außerhalb Leipzigs.

Was geschieht denn an dem Tag noch so rund um Dich und das Tapetenwerk?

Eine Menge! Das Tapetenwerksfest bietet uns ja zweimal im Jahr die Möglichkeit, uns zu präsentieren. Vor Publikum, aber eben auch voreinander, vor den Kollegen – und dann miteinander zu feiern. So gesehen machen wir es nicht nur den Besuchern schön, sondern auch uns selbst. Eigentlich immer die beste Voraussetzung für ein gelungenes Fest. In den Galerien wird es zudem Vernissagen geben, bei Hoch + Partner gleich zwei, eine mit den Ergebnissen des vierwöchigen Arbeitstreffens „Hochdruck in Leipzig“ mit Künstlern aus ganz Deutschland und den USA. Da freue ich mich schon drauf. Im Innenhof spielt am Abend dann die Leipziger Band Polyfonat, groovenden Jazz und Soul, wenn ich das richtig weiß, später legt ein DJ auf. Wer mehr wissen will, sollte auf tapetenwerk.de nachschauen. Da gibt es genaue Ankündigungen.

Thomas Gebhardt.
Thomas Gebhardt.
Bild: Volly Tanner
Es klingt so, als würdest Du das Wochenende kaum erwarten können...

Na, jedenfalls freue ich mich darauf. Sehr sogar. Kreatives Arbeiten ist ja nicht nur ein Miteinander, sondern kann auch arbeiten im stillen Kämmerlein oder Elfenbeinturm heißen. Den direkten Kontakt zum Betrachter oder Besucher möchte ich jedenfalls nicht missen. Soll auch heißen: Im Tapetenwerk sind viele Kreative versammelt. Maler, Bildhauer und Fotografen, Keramiker, Grafiker und Galeristen, Buchdrucker oder Designer, von Mode bis zu Licht. Und die Architekten nicht zu vergessen. Da haben wir einige. Leute, die miteinander reden, sich austauschen. Und dennoch, viele Arbeiten der Kollegen sehe ich häufig erst beim nächsten Rundgang. Ja, und da bin ich schon gespannt.

Neben Deiner Keramik bist Du auch noch malend im Abstrakten tätig – da gibt es sogar eine Bilderreihe zum Tapetenwerk. Was gibt’s denn da zu sehen? Und wie und warum entstand diese Reihe?

Ja, die Reihe gibt es wirklich. Es sind kleine Arbeiten auf Papier, im Format 18 x 30 cm. Ich glaube zusammen fünf Blätter; können aber auch vier sein. Die Reihe ist gewissermaßen eine Verbeugung vor dem Tapetenwerk, der guten alten Tapete, wie ich diese kleine, aber feine Kulturfabrik für mich nenne. Immerhin wurden darin mehr als 100 Jahre Tapeten produziert. Wandbekleidungen, stell Dir vor – so hießen die früher, Wandbekleidung. Klingt doch schon ganz anders als Raufaser. In ganz unterschiedlichen Farben. All das wird ja jetzt erst wieder entdeckt, nach dem Zeitalter der rauen Faser. Als ich vor zwei Jahren mein neues Atelier im Tapetenwerk bezog, hab ich mich riesig gefreut. Und hatte gleich ein Thema. Im übertragenen Sinn finde ich das Bild vieler Tapeten einfach auch passend für die heutige Nutzung des Tapetenwerks. Ja, und genau das ist auf den Bildern zu sehen: ineinander greifende Farben, Muster und Prägungen. Stellvertretend für alle Tapetenwerker, egal ob Galerist, Künstler oder Gastronom, die ihre Farben, Muster und Prägungen einbringen; ihre Kunst eben. Die Bilder sind Collagen im besten Sinne – gemalt, gespachtelt und geritzt.

Deine Malerei und Deine Keramik entstehen ja nicht aus dem Vakuum des Alls (wobei es dort ja bekanntermaßen gar kein Vakuum gibt). Wo holst Du Deine Themen her?

Meine Keramik hat kein Thema. Außer ein paar Dingen vielleicht, nennen wir es Interessen. Was ich mache, sollte benutzbar sein. Deshalb fühle ich mich – wie auch immer ge- oder verformt die Arbeiten sind – dem Gefäß verbunden. Insofern ist das Thema mal der Teller, mal die Schale, ein andermal die Vase oder der Becher. Außerdem bin ich ein passionierter Holzbrenner, weil im Reduktionsbrand die schönsten Farben und ganz besondere Oberflächen entstehen. Und ich experimentiere mit dem Tonkörper, also der Zusammensetzung meines Tones, wie auch mit den unterschiedlichsten Ascheglasuren, die ich selbst herstelle. – Bei den Bildern ist das anders: Da liegen die Themen quasi auf der Straße, sind mir gestern oder heute über den Weg gelaufen. Wobei gestern auch Kindheit oder Jugend sein können. Oder ich antizipiere sie – wenn es Themen sind, mit denen ich mich lange beschäftige. Dinge, die mich berühren, bewegen, nicht unbeteiligt lassen, über den Augenblick hinaus umtreiben, all das sind Themen. Manchmal gibt ein Gedicht den Anstoß, der Satz eines Menschen, eine Beobachtung, ein andermal Werbung, ein Sachbuch, ein Beitrag im Radio morgens beim Rasieren. Als Nassrasierer geht das ja.

Bekannt bist Du auch als Reisejounalist, hast das letzte "Merian"-Heft über Leipzig als verantwortlicher Redakteur gemacht – aber auch Deine Kulturreportagen und Porträts sind Kleinode des Journalismus. Daneben sagst Du von Dir, Du bist Kulturmittler. Wie verbindet sich dies alles in einer Person, speziell in Dir?

Das Wort „Kulturmittler“ ist mir auf mich bezogen viel zu groß. Das habe ich in unserem Vorgespräch im Zusammenhang mit verloren gegangenen Handwerkstechniken, Traditionen oder Sprachen gebraucht. Als Journalist hast du ja Einblicke in viele Bereiche – in die Arbeit anderer, deren Hobbys und Gedankenwelt. Da werden Türen geöffnet, die anderen verschlossen bleiben usw. Jedenfalls tauchst du in ganz unterschiedliche Welten ein. Ich hab mal eine Geschichte über die UNESCO geschrieben. Darüber, dass die sich über Jahre bemühte, neben Gebäuden, Landschaften oder Städten auch Zeugnisse des immateriellen Kulturerbes zu schützen und damit zu bewahren.

Nicht fassbare Dinge, nichts Manifestes, stattdessen Traditionen, Bräuche alte Gewerke und dergleichen. Bei der Recherche ist mir dann nochmals klar geworden, dass der Umgang mit dem eigenen Kulturgut in anderen Kulturen weitaus wertschätzender ist als mitunter bei uns. „Kulturgut“, in dem Wort steckt doch eigentlich schon alles drin, was nicht übersehen werden sollte. – In Japan zum Beispiel gibt es den Titel des „Lebenden Nationalschatzes“. Das sind Leute, die über besondere Fertigkeiten und Begabungen verfügen, die ein Handwerk ausüben, das selten geworden ist. Die werden gefördert, nicht nur finanziell, sondern genießen auch gesellschaftlich hohes Ansehen. Das, was sie tun, gilt weit über eine eingeschworene Liebhaberszene hinaus als große Kunst.

In dieser Hinsicht gilt es wirklich Kultur zu vermitteln, von einer Kultur in die andere. Von der anderen in unsere und umgekehrt. – Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ansonsten gibt es bei den Dingen, die mich umtreiben, viele Berührungspunkte. In mir, wie auch in meinen Arbeiten. Der größte ist wohl das Ringen um Ausdruck und Gestaltung. Manche Themen kann ich mit Worten besser fassen als mit einem Gefäß oder einem Bild. Bei anderen ist es wieder andersrum. Bei dem einen Prozess schöpfe ich eher aus mir, bei dem anderen eher aus der Kraft anderer, versuche zu beschreiben, was sie mir vermittelt haben, welchen Eindruck ich gewonnen habe, was die Recherche ergab usw. Bisweilen schreibe ich auch über Keramik, zum Beispiel den Anagamabrand. Ich begreife das als großes Glück, verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten zu haben.

Wie managst Du das alles? Rein zeitlich – aber auch emotional? Verheiratet bist Du ja auch seit Kurzem.

Ja, und das ist etwas sehr Schönes! – Auf die Arbeit bezogen versuche ich, innerhalb einer bestimmten Zeit immer nur einer Aufgabe nachzugehen. Halte, wenn es sich mit den Auftraggebern vereinbaren lässt, Wochen oder Monate für dies oder jenes frei. Das gelingt nicht immer, braucht in jedem Fall gute Planung und Disziplin. Und eine abnehmende Bereitschaft zur Selbstausbeutung bei gleich bleibendem Spaß an der Sache, damit es auch mit der Freizeit klappt. Das musste ich auch erst lernen. Ein langer, nicht immer einfacher Prozess. Die Grenzen zwischen Arbeit und Spaß und wieder Arbeit sind ja fließend bei dem, was ich tue. Emotional ist es schwieriger. Inzwischen erlebe ich eine längere Phase mit der einen oder anderen Arbeit immer auch als Vermissen der anderen. Womit sich aber immer wieder Vorfreude und Ideen einstellen. Langeweile kommt jedenfalls so nicht auf.

Wo kann man denn derzeit noch Werke von Dir sehen?

Zur Zeit gibt es noch eine Ausstellung in Leipzig, allerdings nur noch bis Ende kommender Woche. Dann wird es bis auf zwei Ausstellungsbeteiligungen in der Vorweihnachtszeit erstmal eine längere Pause geben, da ich mir in Mecklenburg gerade einen neuen Anagama, also einen asiatischen Tunnelofen, baue. Der wird zwar mit zwei Kubikmetern Innenraum nicht allzu groß werden. Dafür werde ich ihn aber öfter brennen können. Den zu bauen braucht seine Zeit, rund 4000 Schamottsteine, eine Bodenplatte und ein Dach darüber. Im nächsten Jahr will ich anbrennen. Das wird ein großer Augenblick.

Danke für das Gespräch.

Thomas Gebhardt Online
www.thomas-gebhardt.de


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