Ausstellung für einen Abend: NSK-Staat öffnete in der KUB seine Leipziger "Botschaft"
Daniel Thalheim
29.10.2011
"Staatsbürger" des NSK, u.a. Avi Pitchon aus Israel (hintere Reihe 2. v.l.), Alexander Pehlemann (hintere Reihe 2. v.r.) und Alexander Nym (vorne rechts).
Foto: Daniel Thalheim
Dieser Staat braucht kein Territorium. Er existiert überall und nirgends. Erst im Sommer hatte die "Neue Slowenische Kunst" in der Bornaischen Straße ihr Zuhause gefunden. Nun in der Galerie KUB. Am Freitagabend, 28. Oktober, trafen sich Staatsmitglieder und Gäste für einen kleinen Kongress. Grund: Eine Publikation über den 1. Bürgerkongress des NSK-Staates im vergangenen Jahr. Was es alles so gibt in Leipzig ...
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"Ich hoffe, ihr habt alle Visa, sonst müssen wir euch alle wieder ausweisen", drohte schmunzelnd der jetzt in Leipzig wohnende Alexander Nym, Herausgeber vom Grufti-Szenewälzer "Schillerndes Dunkel", den lachenden Gästen. Diese holten sich ein Visum ab oder ließen sich ihren Pass abstempeln. Als am Abend des 28. Oktober die Galerie KUB in der Leipziger Kantstraße ihre Pforte öffnete, haben die Besucher "Staatsterritorium" betreten. Denn "NSK" ist mehr als nur ein Kunstprojekt. Vielmehr handelt es sich um ein Kunstkollektiv, das 1984 in Slowenien gegründet wurde. Initiatoren für die Idee waren die Malergruppe "IRWIN" und die Industrialband Laibach.
Anfangs als Kunstidee geboren, um totalitäre Machtsysteme und ihre Symbole zu karikieren, zu überspitzen und damit in Frage zu stellen, wurde zuletzt in Nigeria mit den NSK-Pässen des 1992 gegründeten fiktiven Kunststaates NSK Missbrauch betrieben. Für teuer Geld wurden diese von Geschäftemachern an Nigerianer verkauft, die hofften, damit nach Europa einwandern zu können. Was dabei vergessen wurde: NSK existiert nicht in den Grenzen nationalstaatlicher Ideen. Es bedient sich nur davon.
Beim Visa-Stempeln...
Foto: Daniel Thalheim
Verdeutlicht wurde das durch aufgehängte Fotos von Landschaften und Gegenden aus aller Welt, auf denen überall der NSK-Stempel prangte. Denke global und nicht in Grenzen, blitzte der Gedanke auf, als der israelische Kurator Avi Pitchon auf jene Fotos zeigte und erklärte, dass "Heimat" überall ist.
Nym ergänzte: "NSK ist ein Staat, der nur zeitlich existiert und über keinerlei räumliches Territorium verfügt." Trotzdem kann man Staatsbürger werden. Und bevor jemand denkt, das alles sei irgendwie "Nazi", wird von Alexander Nym noch einmal über die Symbolik aufgeklärt: "NSK gibt keine Antworten vor, sondern wirft Fragen auf. Die Gegenüberstellung widersprüchlicher und historisch geladener Symbolik mit Konsumkultur und 'hoher' Kunst gehört zu den Techniken von NSK."
Um an die beim 1. Bürgerkongress 2010 geführten Debatten um das Wohl und Wehe des NSK-Staates zu erinnern, gibt es jetzt druckfrisch einen vom Leipziger Plöttner-Verlag herausgegebenen Tagungsband. "State Of Emergence" heißt dieser. Diesen hielt Autor und Kulturwissenschaftler Alexander Nym in die Höhe. Er erzählte den Anwesenden, dass der angekündigte Londoner Kulturtheoretiker Dr. Alexei Monroe nicht nach Leipzig kommen konnte, der als Programmdirektor des Bürgerkongresses fungierte und eben jene umfangreiche sowie rein englischsprachige Dokumentation zusammen gestellt hat.
Alexander Nym.
Foto: Daniel Thalheim
Dafür saß der israelische Kurator und NSK-Diplomat Avi Pitchon neben Nym und stellte sich den Fragen des Publikums, was NSK ist und wie die israelischen Behörden das Spiel mit dem Totalitarismus auffassen. Radiomoderator und Herausgeber des "Zonic"-Magazins Alexander Pehlemann sorgte zwischenzeitlich für Musik. Einige Leute sind gekommen, um über Gegenwart und Zukunft dieses "ersten globalen Staates des Universums" zu reden.
Nym erklärte zunächst den Anwesenden, dass der Tagungsband "State Of Emergence" die Vorträge und Debatten, die Positionspapiere und Auseinandersetzungen während des Kongresses versammelt. Er birgt auch Ideen, wie es mit dem NSK-Staat weitergehen kann, dass die ganze Geschichte nicht aus dem Ruder läuft wie einst in Nigeria. Damit meint der Kulturwissenschaftler und Kenner der Gothic-Szene Veranstaltungen und Ausstellungen, die das Anliegen der "Neuen Slowenischen Kunst" verdeutlichen sollen - ebenjene Infragestellung von Totalitarismus durch totalitäre Symbole. Das Thema "NSK"wird weltweit ernsthaft diskutiert.
Vorschlag vom NSK: ein Leipziger Einheitsdenkmal.
Foto: Daniel Thalheim
Videos flimmerten an den Wänden der zur Botschaft deklarierten Galerie KUB und zeigten, welche Ausstellungen weltweit zum Thema "Neue Slowenische Kunst" unternommen wurden. Wer in das Buch schaut, sieht auf Beiträge von Dr. Inke Arns (Kuratorin des Hartware Medienkunst-Vereins, Dortmund), Eda Cufer (NSK-Gründungsmitglied und international tätige Kuratorin), Prof. Regina Römhild (Institut für europäische Anthropologie, Humboldt-Universität Berlin) und zahlreichen weiteren Künstlern, Kunsthistorikern, Kuratoren und Herausgebern. NSK birgt durchaus intellektuelle Geschichten.
Sie alle breiten sich auf den Buchseiten aus und erzählen, welche Konzepte hinter NSK stecken, welche Probleme und Missverständnisse existieren und wie es mit der Idee "Staat ohne Territorium" weitergehen soll. Kurator Pitchon schildert seine Erfahrungen aus Israel, wie er zum ersten Mal in einem Plattenladen in Tel Aviv eine Laibach-Schallplatte entdeckte, sie aufklappte und ein riesiges Hakenkreuz aus blutigen Beilen zum Vorschein kam: eine Fotomontage des nazi-kritischen Künstlers John Heartfield, der in den Dreißiger und Vierziger Jahren mit drastischen Bildern wie diesem vor den Nationalsozialisten warnte. Klar, dass die Leute auf so ein Symbol starren und "Feurio!" rufen, wenn sie die Hintergründe nicht kennen. Irgendwann faszinierte Pitchon die Idee, sich solcher Zeichen künstlerisch zu bedienen. Auch Israel ist nicht ganz frei von totalitärer Symbolik, kritisierte der Israeli in der lauschigen Runde. In seinem augenzwinkernden Film hüpfen junge Israelis in Uniformen folkloristische Tänze und tragen Fackeln umher.
Interessiert schauten die Gäste auf die flackernden Bilder. Fragen gingen um, wie Pitchons Landsleute mit der Bildsprache des NSK umgehen. Der Kurator erklärte, dass manche Leute solche Aktionen lustig finden, andere wiederum skeptisch reagieren. Dann geht der Fokus doch noch einmal zurück nach Leipzig. Nach der Veranstaltung schauten viele auch auf die - wenngleich nicht ganz ernst gemeinte - Fotomontage von Alexander Pehlemann, die seinen Vorschlag zum Leipziger Einheits- und Freiheitsdenkmal abbildet.
Es setzt sich aus dem Kriegerdenkmal aus Berlin-Treptow, dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal und dem berühmten Mädchen mit der kleinen Laterne in der Hand zusammen. Pehlemann meinte, dass er diese Montage als Vorschlag für den Wettbewerb zum Leipziger Einheitsdenkmal einreichen möchte. So werde der Traum Realität. Der Tross zog indes nach Nürnberg weiter. Weitere "Botschaften" müssen für wenige Stunden geöffnet werden. Wieder stehen die Leute für ihre Pässe oder Visa an, schauen, staunen, stellen Fragen.
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