Halle 14: "For the record" zeigt interdisziplinären Austausch über Archive
Daniel Thalheim
20.11.2011
Halle 14 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei.
Bild: Halle 14
Archive sind neben den Bibliotheken die althergebrachten Gedächtnisse der Menschen. Hier wühlen Historiker nach alten Urkunden, Akten und Dokumenten. Sie rekonstruieren daraus die Geschichtsschreibung. Doch in Zeiten des wachsenden "Archives" Internet entstehen auch neue Sichtweisen.
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Die Kunstbibliothek der Halle 14 in der Baumwollspinnerei startet kommende Woche ein Ausstellungsprojekt über die Rolle der Archive in der Vergangenheit und Gegenwart. "For The Record – Zur Animation von Archivzeit“ sucht bis Mitte Februar 2012 seine Zuschauer. "Dramaturgen, Komponisten, Künstler, Kuratoren, Kunstwissenschaftler sowie Medientheoretiker wurden eingeladen, Projekte zum Wandel des Konzepts Archiv in der Mediengeschichte nach zu entwickeln. Daraus entstanden drei Vortragsveranstaltungen, zwei Installationen, eine Theaterperformance, eine Präsentation und ein Filmscreening", teilt Halle-14-Sprecher Michael Arzt mit.
Wer alles dabei ist, bleibt auch nicht im Dunkel, schon am 22. November geben sich die Medientheoretiker Jürgen Enge von der Staatliche Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe und Tabea Lurk von der Hochschule der Künste, Bern ein erstes Stelldichein in der Halle 14 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei.
Beide diskutieren laut Arzt "über die Zukunft des Archivs und stellen sich aktuellen Fragestelllungen zwischen wissenschaftlichen Archivierungsprinzipien, Aufbewahrungsvorgaben und pragmatischen Lösungsansätzen". Es gibt noch mehr derer Veranstaltungen, die sich bis in den Februar 2012 hinziehen.
Auch der Fotozirkel der kreativen Halle-14-"Spinner" archivieren eifrig mit.
Das große Thema "Archiv" wird statt einem trockenen Aktenwälzen zu einem interessierten Blick auf nicht-schriftliche Quellen: Speichermedien wie Filme, Bücher, Kassette, Disketten, Schallplatten sprechen ihre eigene Sprachen. Vieles von dem erscheint überholt. Aber Archivare müssen sich damit auseinander setzen. Doch statt eines Exkurses über den Archivarberuf schweift der Blick auf ganz andere Themenbereiche. Das Internet steht im Fokus der Ausstellungs- und Veranstaltungsmacher. Portale wie Youtube speichern unzählige Filme und Ereignisse, auch wenn so manches nicht als "speicherwürdig" angesehen wird.
"Quo vadis, Archiv?", könnte als Frage im im Raum stehen. Die digitale Revolution macht auch vor den herkömmlichen Kommunal- und Landesarchiven nicht Halt. Wie geht man aber damit um? Arzt: "Mit der Web 2.0-Plattform Youtube.com entstand nicht nur eines von einer globalen Öffentlichkeit genutztes, sondern auch von ihren Nutzern generiertes und vervielfältigtes Onlinefilmarchiv mit einer jungen Kultur des Speicherns, Publizierens, Reinszenierens, Zitierens." Kein Vergleich also mit dem traditionellen Archiv.
Weiter heißt es vom Halle-14-Sprecher zum neuen Speichermedium Internet: "In ihrem Schlagschatten entstehen ambitionierte und einzigartige Projekte, wie die von Kenneth Goldsmith 1996 begründete Internetdatenbank für avantgardistische Film, Sound- und Poesieressourcen UbuWeb. Auch wenn diese neuartigen und wildwuchernden Archive zahlreiche historische Quellen wiederbeleben und neuen Publikumsgruppen zuführen, schlummern noch unzählige Datenträger, ihrem Verfallsdatum harrend, ungesichtet in Archiven. Einer Schätzung zufolge sollen es in Europa allein 16 Millionen Stunden Videoaufnahmen sein."
Es gibt viel zu tun. Schon beim XV. Internationalen Archivkongress mit dem Thema "Archive, Gedächtnis und Wissen" 2004 in Wien wurde das Digitalisieren von Archivalien besprochen. Und vieles hat sich seitdem getan. Immer mehr mittelalterliche und frühneuzeitliche Quellen landen zur kostenfreien Verfügung aus den Archiven und Bibliotheken als Digitalisat im Internet. Forschen und Recherchieren wird so einfacher gemacht. Das durch u.a. die Unterstützung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen ermöglichte Projekt "For The Record“ ist nach "Die Kunst des Buchhaltens“ (2010) ist das zweite Kunstprojekt der Bibliothek der Halle 14 dieser Art und widmet sich näher betrachtet aber der künstlerischen Untersuchung archivarischer Prozesse und Strategien. Ein kleiner Augenöffner für Archivare und solche, die es vielleicht werden wollen?
Workshops und Vorträge setzen sich vom 22. November 2011 bis 12. Februar 2012 mit audiovisuellen Inhalten von Archiven, ihrer Zugänglichkeit und Begrenzung, ihrer Vergänglichkeit, ihrem Machtpotenzial und Utopiecharakter auseinander. Hier entstehen aber auch ganz eigene Projekte, die später in der Halle 14 ausgestellt werden.
Nicht nur für Experten und Kenner der Materie ist dieses Thema sicher ein Hingeher. Wer gerne beim Enthüllungsarchiv WikiLeaks oder in den Archiven diverser Internetzeitungen schnickert, kann auch hier Prozesse in Gesellschaft und Leben ablesen. Das Archiv ist so ein alltägliches Gebrauchsmedium geworden. Wer aber mehr finden will, muss sich wohl vom Sessel erheben.
Mehr zu "For the record" auf der Homepage der Halle 14 www.halle14.org
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