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Galerie Potemka: Marek Brandt geht mit Fotografien Technoerinnerungen nach

Daniel Thalheim
Künstler und DJ Marek Brandt sinniert über Szenezugehörigkeit und Do-It-Yourself bei "Time Warp".
Künstler und DJ Marek Brandt sinniert über Szenezugehörigkeit und Do-It-Yourself bei "Time Warp".
Foto: Daniel Thalheim
Durchgeschwitzte Eintrittsbändchen, abgewetzte Szene-T-Shirts, schlappe Luftballons, eine zerrissene Feder aus einer Federboa. Klingt nach den Überresten einer wilden Party. Das ist so auch. Die Feier liegt aber schon ein Weilchen zurück. "Time Warp" heißt seine Ausstellung in der Galerie Potemka. Marek Brandt ist der Künstler.

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Die Eröffnungsfeier liegt schon 24 Stunden zurück. Vierzig Gäste fanden sich am 13. Januar in der Potemka-Galerie in Lindenau ein. Einen Tag später trudeln hin und wieder interessierte Gäste vorbei. Sie blicken auf große Fotografien. Zu sehen sind abgewetzte T-Shirts, erschlaffte Luftballons, eine zertrampelte Feder, Einblicke in menschenleere Berliner Clubs. Alles Ansichten auf Symbole einer längst vergessenen Zeit. Oder kann sich noch jemand an die Love Parade in Berlin erinnern? 2001 verkauft und vergessen. Außer einer unrühmlichen Ausnahme mit Todesfällen.

Als in den Neunziger Jahren jahrein, jahraus ein gigantischer Zug aus Menschen durch Berlin hüpfte, galt Techno längst als Mainstream. Marek Brandt nickt. Er will verstanden wissen, dass man Techno und Rave genau von seinen Vorlieben trennt - Elektro. Der inzwischen 40-jährige Familienvater wird manchem Leipziger schon einmal als DJ begegnet sein. Der studierte Fotograf beschränkt sich eben nicht nur auf die Kunst allein. Er macht auch Musik. Oft besteht sein Publikum aus Tieren. "Musik für Tiere" sein langanhaltendes Projekt. Doch darum geht es in der Ausstellung "Time Warp" nicht.

Luftballons und Federboa-Rest: Zerschundene Relikte aus der wilden Zeit der "Love Parade".
Luftballons und Federboa-Rest: Zerschundene Relikte aus der wilden Zeit der "Love Parade".
Foto: Daniel Thalheim

"Der Titel heißt so viel wie 'Zeitsprung' ", erklärt Galeristin Lu Potemka den Ausstellungstitel des einstigen Tim-Rautert-Schülers. Die großen Fotografien von gebrochenen und geschundenen Gegenständen zeigen, was die "Love Parade" in Berlin einst war. Ein riesiger Auflauf aus Techno-Touristen und Szene-Kennern. Damals war Marek Brandt in der Elektro-Szene umtriebig. Seine Leidenschaften waren damals wie heute die Fotografie und Musik. Ein umher hüpfender Techno-Freak war er nie, beteuert er. Vielmehr organisierte und gestaltete er Parties und Events selbst. Er legte Musik in Clubs wie WMF und Tresor auf.

Seit 2004 stellt er regelmäßig aus. Japan und Süd-Korea gehörten zu seinen frühesten Anlaufpunkten. Lu Potemka erzählt, dass Brandt von Anfang an zu ihren Stammkünstlern gehört. "Zuvor kuratierte ich für ihn schon drei Ausstellungen. Ich fand seine Arbeiten schon immer gut." Potemka ergänzt: "Es gibt viele Leute, die auf Mareks Kunst abfahren." Bei der Ausstellungseröffnung am 13. Januar sei das zu sehen gewesen.

Nicht jeder konnte etwas mit der rosa Feder aus einer Federboa anfangen, weiß Potemka. Brandt deutet mit Daumen und Zeigefinger die tatsächliche Größe des pinkfarbenen Fussels an. Knapp fünf Zentimeter. Im Großformat erstreckt sich der ehemalige Bestandteil des wohl wichtigsten Techno-Utensils auf knapp einen Meter. Jetzt sieht man auch die Details. Brandt weiß: "Sie ist während einer der damaligen Parties abgefallen. Sie stammt wie die Dinge in den anderen Abbildungen aus den Neunziger Jahren."

Nach der langen Zeit nun das Thema "Love Parade" aufzugreifen, begründet Brandt mit einer Spurensuche. Die Lust Bilder zu machen und so eine Zustandsaufnahme einzufrieren, war der Auslöser. "Was kann eine Zeit an Eindrücken transportieren, ohne dass man dabei sentimental sein muss?", fragt Brandt und blickt auf die abgebildeten drei T-Shirts. "Das sind keine Devotionalien aus der Vergangenheit, sondern Ikonen."

Nicht aus purem Hedonismus stellt er seine Werke aus, bekräftigt der Fotograf. Er will Szene-Codes zeigen, die heute so keiner mehr kennt. Schriftzeichen und Sprüche, die heute wie Rätsel wirken. Damit sollen sich die Menschen identifiziert haben. Hier ging es laut Brandt wie bei der Punk- und Hardcore-Punk-Szene um die Do-It-Yourself-Attitüde. Eine Einstellung, die sich heute in anderer Form wieder finden lässt. Selbst anpacken, gestalten und umsetzen. Sich bloß nicht von anderen reinreden lassen, führt Brandt aus.

In den Neunzigern war alles noch etwas anders, so ohne Internet und virales Marketing. Brandt erinnert sich an die Zeit, als man als Elektro-Kenner den Mainstream der großen Umzüge ablehnte und in den Berliner Clubs die echten Trends zu hören bekam. "Damals ging's um Musik, Zeit, Freiräume und Clubs als temporäre Räume." Fabrikhallen wurden umfunktioniert. Für kurze Zeit nur. Auf ein Festsetzen kam es nicht an. Anders als heute.

Beim Gespräch merkt man langsam, dass all die Hintergründe nur in einem einzigen abgerissenen Stück Federboa stecken. Marek Brandt blüht auf, während er über die Berliner Clubszene kleine Anekdoten erzählt und seinen Blick über die Innenraumfotos verschiedener Clubs schweifen lässt. Beim Betrachten der Bilder könne jeder Mensch seine eigenen Geschichten schildern, so Brandt weiter.

In seinen Bildern sind die Überreste einer verblichenen Kultur zu sehen und keine wilde Action. Fast wie ein Echo aus einer längst vergangenen Zeit. Die "Love Parade" ist Geschichte, die Erinnerung daran nicht. Katerstimmung herrscht trotzdem keine. Bis zum 11. Februar kann man in der Galerie Potemka den Zeitsprung wagen.

Mehr Potemka Online:

www.potemka.de

Marek Brandt mit seiner Homepage
www.marek-brandt.de


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