Leipziger Südsee: Eine Fotoausstellung zeigt das Ende des Tagebaus Zwenkau
Ralf Julke
17.01.2012
Schaufelradbagger im Tagebau Zwenkau.
Foto: Thomas Götze
"Eigentlich könnten wir unsere Ausstellung schon bis 2020 durchplanen", sagt Christoph Kaufmann. Er ist im Stadtgeschichtlichen Museum für die Fotosammlung zuständig. Und er organisiert die kleinen Kabinettausstellungen im Souterrain des Stadtgeschichtlichen Museums im Böttchergässchen, wo in der Regel eindrucksvolle Leipzig-Fotografien gezeigt werden. Diesmal sind die letzten Tage des Tagebaus Zwenkau zu sehen.
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Und der Fotograf gehört diesmal auch nicht zur Gilde der Leipziger Fotografen, die ihre Heimatstadt so gern auf Zelluloid oder Chip bannen. Thomas Götze (50) lebt in Korbach und ist ausgebildeter Gärtner. Zur Fotografie kam er wie so Viele als Autodidakt. Was ihn seit 1995 besonders beschäftigt, sind Bergbau- und Agrarlandschaften in den neuen Bundesländern. Man schaut ja oft nicht mehr hin. Man lebt ja in diesen Landschaften. Zwar nimmt man noch wahr, wie sie sich mit den Jahreszeiten verändern - dass aber Vieles, was dem Vorüberfahrenden als ewig und unverrückbar erscheint, in einigen Jahren oder Jahrzehnten verschwunden sein wird - das merkt man meist erst, wenn man in einer Fotoausstellung drüber stolpert.
Was Götze zuerst in die Leipziger Region zog, waren die alten Windmühlen oder ihre Ruinen, die nach 1990 noch in der Landschaft standen. Später zogen ihn die Tagebaue Profen und Schleenhain an, die auch heute noch das Bild im Leipziger Südraum mitbestimmen. Und so nebenbei stolperte er dabei auch über den Tagebau Zwenkau, einen der ältesten in der Region. Seit 1921 fraß der sich - von Böhlen kommend - durch die Braunkohlenflöze. Hier lärmten die Bagger auch noch, als im benachbarten Cospuden der Betrieb längst eingestellt und das Restloch geflutet wurde.
Blick in den Tagebau Zwenkau im Jahr 1999.
Foto: Thomas Götze
Das Ende für den Tagebau Zwenkau kam 1999. Binnen weniger Monate kam nicht nur der Abbaubetrieb zum Erliegen, auch Gleise und Leitungen wurden demontiert. Die Diskussion um die gewaltigen Fördergeräte entbrannte. Es sollte ein ganzer Park mit historischer Fördertechnik entstehen. Doch am Ende war das Geld nicht vorhanden, die Relikte des Braunkohlezeitalters zu bewahren. 2001 wurde die Abraumförderbrücke Böhlen I medienwirksam gesprengt.
Was bewahrt man da? Welche Bilder werden bleiben? - Für Thomas Götze war es eine einmalige Chance. Und an sonnigen Wochenende hielt ihn oft nichts, dann schnappte er Stativ und Kamera und machte sich auf an den Rand des Tagebaus, fotografierte Arbeiter bei der Demontage der Anlagen und die gewaltigen Geräte im Gelände, die Christoph Kaufmann so gern mit Dinosauriern vergleicht. Ein Bild, das möglicherweise schon bald in doppelter Weise zutrifft, denn nicht nur im Tagebau Zwenkau ist das Zeitalter der lärmenden Riesen zu Ende gegangen. Mittlerweile steht die komplette ostdeutsche Braunkohleindustrie vor dem Aus. Die riesigen Fördergeräte, die jahrzehntelang ihren Dienst taten (die "Böhlen I" zum Beispiel 78 Jahre), werden tatsächlich zu Zeugen eines vergangenen Zeitalters.
Thomas Götze.
Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Und die Fotos, die Götze gemacht hat, werden wohl auch künftige Bildbände über das vergangene Kohlezeitalter und seine Folgen zieren. Denn er hat nicht nur das Ende des Abbaus auf Film gebannt, er hat auch die Veränderungen der ausgekohlten Landschaft beobachtet - das Verkippen der Steilhänge, die ersten Grundwassertümpel in der Wanne, das erste Grün auf den Halden. Die Natur erobert sich - unübersehbar schnell - ihr verlorenes Terrain zurück.
Jahr um Jahr beobachtete Götze das Steigen des Wasserpegels. 2013 soll der Zwenkauer See seinen Höchstwasserstand erreicht haben. Die Zwenkauer empfinden sich heute schon als Bewohner einer Seestadt. Das erste Fahrgastschiff tuckert über die Wasserfläche, die einmal über 900 Hektar umfassen soll. Da und dort werden künstlich geschaffene Erinnerungsstellen daran erinnern, dass auch für diesen Tagebau acht Dörfer vom Erdboden verschwinden mussten - das bekannteste ist Eythra mit seinem Schloss, das Kaufmann, der die Ausstellung kuratiert hat, als schwer zu verwindenden Verlust bewertet.
Bagger im Tagebau Zwenkau im Jahr 1999.
Foto: Thomas Götze
Die letzten, die wohl miterleben mussten, wie ihr Dorf der Kohle weichen musste, waren die Heuersdorfer. "Mit dem Thema beschäftige ich mich intensiv", sagt Götze. "Ich habe vor allem die letzten Jahre begleitet." Heuersdorf, das dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain weichen musste, ist längst devastiert.
Was am Ende bleibt, zeigen jetzt die Bilder von Thomas Götze in der Kabinettausstellung. Die meisten zeigen in Farbe, welche eindrucksvolle Leistungen Menschen mit Großgeräten vollbringen können. Immerhin wurden allein im Tagebau Zwenkau 580 Millionen Tonnen Rohkohle gewonnen uns 1,4 Milliarden Kubikmeter Abraum bewegt. Da kann ein kleiner Mensch sich schon wie Faust fühlen. Aber auch beim sterbenden Faust war es ja so: Die Folgen seines Tuns waren ihm schnurzegal.
Da wirken die ersten Pionierpflanzen, die Götze im verlassenen Tagebau fotografiert, wie Hoffnungsträger. Und für Kaufmann ist es jetzt auch eine Pionierausstellung: Mit dem Thema Bergbau hat sich bis jetzt noch keine Studioausstellung im Speziellen beschäftigt, obwohl der Bergbau die Landschaft um Leipzig bis heute prägt. Noch 1990 fuhren tausende Leipziger jeden Morgen zur Schicht in den Tagebau. Sie hatten zu ihrem Umland eine andere Beziehung als all jene, die heute das wachsende Wasserparadies in Anspruch nehmen. Manchmal auch wieder missbrauchen wollen, wenn man an all die rücksichtslosen Pläne zur Schiffbarmachung uralter Fließgewässer denkt.
Die Ausstellung im Studio im Böttchergässchen 3 wird am heutigen Dienstag, 17. Januar, um 18 Uhr ganz offiziell eröffnet. Zu sehen sind die Fotografien, die Götze ganz klassisch auf Film gebannt hat und die für die Ausstellung extra groß aufgezogen wurden, bis zum 11. März.
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