Winterrundgang in der Alten Baumwollspinnerei: Kunstsammler Thomas Rusche - "Leipzig hat mich wachgeküsst"
Daniel Thalheim
17.01.2012
Kunstsammler Thomas Rusche - "Leipzig hat mich wachgeküsst."
Foto: Daniel Thalheim
Kunst anschauen kann jeder. Sie zu kaufen, muss man erst einmal schaffen. Für Kunstsammler Dr. Thomas Rusche ist das kein Problem. Doch Kunstsammeln ist mehr als nur Shopping. Dahinter soll mehr stehen. Was das genau ist, erfuhren Besucher des Galerierundgangs auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei am 14. Januar in den Räumen der "LIA-Galerie" bei einem Gespräch. Der Gast: Kunstsammler Thomas Rusche. Es war der Auftakt einer neuen Diskussionsreihe.
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Der Winterrundgang verlagerte sich mit der eintretenden Dämmerung in die Fabrikgebäude. Draußen brutzelten die letzten Rostbratwürste. Um 17 Uhr des 14. Januars fanden sich zahlreiche Kunstfreunde und -interessierte in den neuen Räumlichkeiten der LIA in der Halle 18 ein. Zur internationalen Stipendiatenausstellung und zum ersten "Collectors Talk" mit Dr. Dr. Thomas Rusche lud das "Leipzig International Art Programme", kurz LIA. Eigentlich seien das die Räume des Galeriepartners GwangjuPavillon, erklärte eingangs Anna-Louise Rolland. Die Geschäftsführerin der LIA setzte sich mit Ute Weingarten von der Berliner Kunstagentur "artpress" und dem Kunstsammler Torsten Rusche zusammen.
Die Diskussion sollte der Auftakt zu einer Reihe von Gesprächen rund um die Kunst sein. Gut besucht war die Veranstaltung jedenfalls. Keiner wollte das Ereignis verpassen. Das Thema? Es gab keins, außer die Frage, wie es sich als Kunstsammler lebt und was die Kriterien für Qualität seien. Der Kenner der niederländischen Malerei brauchte den Stuhl nicht, den man ihm anbot. Doktor Rusche mochte beim Reden lieber stehen. Vielen ist er als unterhaltsamer Zeitgenosse bekannt, der sich in der niederländischen Malerei auskennt wie kein anderer. Seine Biografie macht das deutlich. Ihn beschäftigte am 14. Januar eine andere Frage.
Gut besucht beim Winterrundgang 2012: "Collectors Talk" in der LIA.
Foto: Daniel Thalheim
"Macht es Sinn, Kunst heute qualitativ zu definieren?", fragte er in die Runde. "Gut malen zu können ist kein Kriterium für große Kunst im 21. Jahrhundert." Rusche bemerkte das nicht nebenbei. Er beschrieb, wie er jeden Pinselstrich, jede Farbschicht auf einem niederländischen Genrebild des 17. Jahrhunderts bewundert. Einer Zeit, wie er schilderte, die vom Wandel geprägt war. Er führte weit gestikulierend und in druckreifen Sätzen aus, dass damals die niederländischen Meister neue Themenfelder suchten. Die katholischen Auftraggeber brachen laut Rusche infolge der Reformation weg, also suchten Maler neue Sujets für die bürgerliche Wohnung oder das Zimmer eines reichen Bauern.
Bei moderner Malerei wurde Rusche etwas verdrießlich. Aber Leipzig hätte ihn wach geküsst. "Weil die hiesigen Künstler mir gezeigt haben, welche malerische Klasse im 21. Jahrhundert möglich ist." Für den Hausnachbarn von ex-Bundespräsident Horst Köhler sei die Verquickung der Leipziger Kunst mit der alten niederländischen Malerei da. Doch es gibt auch Kritik. Rusche bekräftigte: "Der Preis ist kein Abbild von Qualität. Größe hat nichts mit Qualität zu tun. Es ist pervers verdreht, dass alte Schinken dreimal so viel kosten wie kleine Kabinettstücke."
Der 1962 im westfälischen Münster geborene Wirtschaftsethiker, Philosoph und Theologe holte mit Wasserglas und Gestik zum "Vanitas Vanitatum" aus. Als "Alles ist eitel" wurde der Begriff in den Volksmund übersetzt. Seine Beschreibungen aus dem Leben eines Sammlers, sein theologisches Wissen zur Ikonographie in der Kunst unterhielten die Gäste. Warum in seinem Schlafzimmer Bilder von Totenschädeln hängen, erfuhren die Anwesenden auch. Jeder wird einmal ersetzt, sogar die hübsche junge Frau, meinte der Philosoph. Rusche: "Wenn man nach einer Leipziger Nacht wieder in den Spiegel guckt, weiß man das."
Schnell wurde es bei seinem Vortrag philosophisch: "Heute gibt es keine Konventionen mehr. Das große Vermächtnis des 20. Jahrhunderts ist, die Freiheit total genießen zu können. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts kann man nicht mehr mit Freiheit lösen. Mit der Deregulierung der Finanzmärkte wird man den Euro nicht retten können." Selbst Künstler würden heutzutage merken, dass man mit sexueller Provokation schnell auf ein lang anhaltendes Gähnen stößt, so Rusche sinngemäß weiter.
"Wir sind befreit, aber wie gehen wir mit Freiheit um?", fragte der Kunstkenner abschließend in die Runde. Niemand mochte ihn mehr stoppen. Denn auch die Frage schien er sich selbst beantworten zu können. Die Fragen aus dem Publikum erschienen nur als Befeuerung des außergewöhnlichen Redetalents des zweifachen Doktors. Manchem Hinausgehenden war nach der runden einen Stunde noch ein großes "Schade" anzusehen. Schade, dass man nicht noch tiefer schürfen und philosophieren konnte. Denn es ging Rusche auch um die soziale und gesellschaftliche Verantwortung eines Kunstsammlers. Auch ging es ihm um die Frage, ob Kunst je so wichtig sein darf, wenn auf der Welt das Elend tagtäglich über die Menschen hinweg geht.
Aber die Veranstaltung am 14. Januar soll erst einmal der Auftakt zu einer ganzen Diskussionsreihe gewesen sein. Weitere Sammler, Kuratoren und Künstler aus aller Welt mit Bezug zu Leipzig sollen künftig aus dem Nähkästchen plaudern.
LIA-Geschäftsführerin Anna-Louise Rolland kann sich im Gespräch mit der L-IZ zum kommenden Frühjahrsrundgang vorstellen, einen Vertreter einer öffentlichen Kunst- und Landessammlung nach Leipzig zu holen. Im Herbst könnte ein Vertreter einer Kunst sammelnden Privatfirma in der Diskussionsrunde sitzen, so die Pläne der LIA-Geschäftsführerin. Damit soll der "Collector's Talk" drei Mal im Jahr stattfinden.
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