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Kunst ist Kunst: Flimmerstunde auf Kapielskisch mit unwohl temperiertem Klavier

Daniel Thalheim
Thomas Kapielski vor seinem "Gesamtluftwerk".
Thomas Kapielski vor seinem "Gesamtluftwerk".
Foto: Daniel Thalheim
Nehmen sich Künstler selbst zu ernst? Machen sie nur ein Brimborium um ihre Arbeiten, um sie zur Kunst zu erheben? Thomas Kapielski ist ein erstaunlich bodenständiger Typ, der nicht viel Federlesen um seine "Gunst" macht. Stattdessen verlässt er sich auf das Auge des Betrachters, das natürlich auch unwirsch reagieren kann. Ziel erreicht, Herr Kapielski?


"Hauptsache, die Leute reagieren!", sagt Thomas Kapielski nach der Eröffnungsrede von Centraltheater-Philosoph Guillaume Paoli am Abend des 9. März in der Galerie Artae. Dass einem Gast beim Betrachten der Ausstellung "Noderne Gunst" der Satz entfleucht: "Das kann ich auch!", sieht Kapielski mit Gelassenheit. "Meist sind die Titel Erklärungen genug", sagt er. Auch Paoli zitiert die Ansicht des Künstlers in seiner Laudatio.

Weder beherrsche ich das Kulturamtsdeutsch, noch den Kunst-Kritiker-Jargon - Guillaume Paoli in seiner Laudatio.
Weder beherrsche ich das Kulturamtsdeutsch, noch den Kunst-Kritiker-Jargon - Guillaume Paoli in seiner Laudatio.
Foto: Daniel Thalheim

Deswegen benötigt auch die aktuelle Ausstellung keine weiteren Erläuterungen, so der Mitbegründer der Gruppierung "Glückliche Arbeitslose" und Mitherausgeber der Zeitschrift "müßiggangster" Paoli weiter in der Eröffnungsrede. Währenddessen flimmert in einem Fernseher der 1951 geborene Kapielski aus seiner Wohnung. In seiner Fantasiesprache "Kapielskisch" philosophiert er über "Noderne Gunst", die in mehreren Abfolgen an den Wänden hängt.

"Eigentlich wollte ick mit der Fantasiesprache meine Bilder titulieren, aber ick denke, die 'Gunst' erklärt sich von selbst", meint der Autor, der schon für die Frankfurter Rundschau, Die Zeit und Frankfurter Allgemeine Zeitung Texte veröffentlichte und 1984 zum ersten Mal schriftstellerisch in Erscheinung trat. Marc Degens schrieb 2008 über ihn, dass Kapielski einer von den Leuten sei, die keine Lust hätten, sich den Erwartungen der Marktstrategen zu beugen.

Zwischen "Noderne Gunst" und "Gesamtluftwerk" - Thomas Kapielski in Leipzig.
Zwischen "Noderne Gunst" und "Gesamtluftwerk" - Thomas Kapielski in Leipzig.
Foto: Daniel Thalheim

Der Berliner Kapielski stellt das erste Mal in Leipzig aus, sagt aber auch, dass er schon lange mit der Galerie Artae verbunden ist. "Durch Lesungen und eine alte Freundschaft", sagt Kapielski zu seiner Verbindung zur Gohliser Galerie. Er freut sich, dass Paoli alles das zu seiner "Gunst" sagt, was er nie so sagen könnte.

"Weder beherrsche ich das Kulturamtsdeutsch, noch den Kunst-Kritiker-Jargon", holt Philosoph Paoli in seiner Rede aus. "So kann ich nicht eruieren wie diese Ausstellung das mit Ultraschall (philosophierende) Kunstmetropölchen Leipzig harmoniert", meint der gebürtige Franzose. Paoli zitiert Kurt Tucholsky, dass es den Deutschen nicht an Humor fehle, lediglich an Humoristen. In Deutschland sei es so, dass die Deutschen zu verklemmt seien. Wenn es offiziell wird, werden sie steif, um ernst genommen zu werden. "Eine solche Angst kennt Kapielski nicht!"

Wie aus dem Underground-Held ein Professor werden konnte, versteht Guillaume Paoli nicht, der schon seit 1996 mit Kapielski befreundet ist. Auch dass Kapielski einen Preis für "Grotesken Humor" gewann, entzieht sich Paolis Empfinden für die Kunst des Berliners: "Was das Kapielskische Oeuvre angeht, scheint mir der Begriff unpassend. Viel eher trifft hier die Meinung eines anderen deutschen Humoristen - Arthur Schopenhauer - zu." Was folgt, ist ein seitenlanger Schachtelsatz aus dem 19. Jahrhundert. Das Zitat ist Paoli wichtig, um die Rede in eine erwünschte Länge zu bringen. Das Publikum lacht.

Flimmerstunde auf Kapielskisch in der Galerie Artae.
Flimmerstunde auf Kapielskisch in der Galerie Artae.
Foto: Daniel Thalheim

Viel eher ist Kapielski ein gescheiterter Mensch, so Paoli gar nicht lobhudelnd. "Er ist nämlich ein gescheiterter Nichtstuer." Und sein Werk kann auch ohne Werke ganz gut auskommen. "Trotzdem steht Kapielski frühmorgens auf, um die Schnapsideen zu verarbeiten, die ihm im vorabendlichen Rausch eingefallen sind." Ökonomisch folge Kapielski laut Paoli einer ziemlich konsequenten Nachfragepolitik, denn er produziert nur dann Kunst, wenn man ihn freundlich darum bittet. Anerkennung, französelt Paoli weiter, nicht Erfolg um jeden Preis.

Irgendwo zwischen Hartz IV alimentiertem Leben und vom Burn-Out gezeichnetem Erfolg. "Was würde aus dem Unikat werden, wenn er zur Massenware mutiert?", fragt Paoli auf die Zeit zurückblickend, als Kapielski Professor an einer Braunschweiger Kunsthochschule war. "Doch von der Göttin der Faulheit geschützt durch die Klippen der Verbeamtung und Vermarktung navigierend", charakterisiert Paoli seinen Freund, der aufmerksam zuhört und sich ein Lachen nicht verkneifen kann. Kapielski habe selbst angegeben, dass er aus Langeweile heraus agiere.

"Diesmal nicht", meint der groß gewachsene Mann zur Frage eines Gastes, ob er nicht was zu seinen Bildern sagen möchte. "Det mach ich oft janz gerne, aber heute habe ich zwei gut informierte Galeristen", sagt Kapielski im Berlinerischen Sing Sang. Nur zur Stimmgabel erklärt er: "Die ist ja verstimmt. Das ist der Kammerton 'Ä'. Nicht 'A'. Auf der Basis könnte man auch ein ganzen Instrument stimmen. Zum Beispiel ein 'Unwohl temperiertes Klavier'!" Lachen.

Kapielski will wiederkommen. "Zur Buchmesse? Ick weeß nich, wenn dann nächste Woche beim Frühschoppen. Bei Suhrkamp wird zwar ein Buch von mir aufjelegt, aber das kommt erst im Herbst", gibt der Autor, Künstler und Musiker zum Besten. Messen an sich mag der "Geniale Dilettant" nicht. "Det ist hier völlig verrückt, wenn diese Manga-Menschen rumloofn, die ich zuerst für einen Messe-Gag hielt. Ich dachte, die Messe stellt lauter Studenten ein, die sich als Sado-Maso-Pärchen verkleiden", sagt der Künstler zum Abschluss lachend. "Irgendwie auch eine Form von 'Gunst'. Und eine Ästhetik der Lebensentfaltung."

So unterhaltsam können Ausstellungseröffnungen in der Galerie Artae sein. Das kann seine Fortsetzung finden, wenn Kapielski am 17. März zum Lesefrühschoppen Vol. 3 ab 11 Uhr in der Gohliser Galerie weilt. Dann sitzt er zusammen mit Jürgen Roth bei Bamberger Bier und Weißwurst und serviert den schrulligen Humor, den die Artae-Galeristen so lieben. Die Ausstellung selbst ist bis zum 29. April geöffnet. Sonderöffnungszeiten zum Frühjahrsrundgang der Leipziger Galerien gibt es auch am 18. März.

Galerie Artae Online:

www.artae.de


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