Von der Unterlegenheit der Zivilisation: Klingerforum Leipzig zeigt Ausstellung „Dämmerung“
Gernot Borriss
18.09.2012
Jörg Zochert, Sebastian Speckmann, Stephanie Kloss, Margit im Schlaa (v.l.n.r.)
Foto: Klinger-Forum/Robert Raithels
Vom 16. September bis zum 9. Dezember 2012 zeigt das Klingerforum in der Karl-Heine-Straße 2 die Ausstellung „Dämmerung“. Stephanie Kloss, Sebastian Speckmann und Christoph Brech widmen sich in ihren Arbeiten dem Urkonflikt von Natur und Zivilisation. Sie sind Parabeln auf die Vergänglichkeit und das Selbstzerstörerische menschlichen Tuns.
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Durch einen Raum der ehemaligen Klingervilla an der Weißen Elster klingt wagnerianische Musik. Konkret: Rheingold rückwärts. Die verfremdeten Klänge einer Alberich-Arie untermalen ein Video des Münchner Künstlers Christoph Brech aus 2004.
Brechs Werk „Break“ führt uns in die winters eisbepackten Weiten Nordamerikas. Den eben noch zugefrorenen Sankt-Lorenz-Strom durchpflügt ein Eisbrecher und in dessen Gefolge ein Frachter. Für einen kleinen Moment, eben jenen Break, kann die Zivilisation sich ihren Weg durch die Natur bahnen. Doch von dieser gewaltigen Energieleistung besonders bewehrter Schiffskörper bleibt: nichts. Binnen Augenblicken nimmt sich das Eis bei 26 Grad unter Null die Rinne zurück.
Werke, die von dem Schönen und Erhabenen erzählen, wolle man zeigen, sagt Kuratorin Dr. Margit im Schlaa zur Eröffnung der Ausstellung „Dämmerung“. Die Exposition mit Fotografien der Berlinerin Stephanie Kloss, Linol- und Holzschnitten des Leipzigers Sebastian Speckmann und eben jenem Video von Christoph Brech ist ab diesem Sonntag bis zum 9. Dezember 2012 im Klingerforum in Lindenau zu sehen.
In der Tat: Bei der letzten großen innerstädtischen Abgrenzung der Verwaltungsbezirke wurde dieser Zipfel der Stadt Lindenau zugeschlagen.
Werke, die von dem Schönen und Erhabenen erzählen, wolle man zeigen, sagt Kuratorin Dr. Margit im Schlaa zur Eröffnung
Foto: Klinger-Forum/Robert Raithels
Für „Dämmerung“ gilt insbesondere: Die Geschichte zu den Kunstwerken entsteht im Kopf des Betrachters. „Bedrohliche Naturschauspiele, verwüstete Landschaften oder überirdisch anmutende Naturerlebnisse öffnen mit ihrer suggestiven Kraft mythisch-erzählerische Räume“, so Kuratorin im Schlaa. Räume, in denen ganz individuelle Geschichten entstehen können.
Die inhaltliche Klammer der Ausstellung ist nicht die von der Schönheit der Natur. Erhabenheit, von der Kloss, Speckmann und Brech erzählen, schafft Hierarchie. „Die Zivilisation ist immer der Natur unterworfen“, bringt es im Schlaa auf den Punkt.
Die damit verbundene Botschaft, sich als Mensch neu zurückzunehmen oder zu bescheiden, erhält in den Arbeiten von Kloss und Speckmann eine weitere Dimension. Die der Zerstörung von Natur und Zivilisation durch den Menschen selbst.
Stephanie Kloss zeigt in ihren Fotoarbeiten der Reihe „Horizon“ das Mississippi-Delta nach der Verwüstung durch den Hurrikan Katrina 2005 und vor der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon 2010. Jetzt sei die Situation in der Region „noch perverser“, sagt die Berliner Künstlerin. Der Ölteppich sei längst aufgelöst, die Bedrohung sei jetzt optisch nicht mehr zu sehen. „Aber das Öl ist noch da“, so Kloss, weit verteilt auf dem Meeresboden.
Bei Betreten der Ausstellungsebene fällt der Blick auf einen Schnitt von Sebastian Speckmann. Es stellt die Explosion von Landminen dar. Auch dieses Bild vermittelt die „ästhetische Distanz zur Katastrophe“, so im Schlaa. Zu einer Katastrophe, die selbst mit einer ungeheuren Zerstörungskraft verbunden ist.
„Für mich als Leipziger eröffnet sich durch das Klinger Forum ein neuer, interessanter und vielversprechender Blick auf die Leipziger Kunstszene und darüber hinaus“, sagt Sebastian Speckmann über die Möglichkeit, im Klingerforum auszustellen.
Für die dortigen Kunstfreunde um Jörg Zochert ist es bereits die dritte Ausstellung in der sanierten Klinger-Villa. Hier, im historischen Überschwemmungsgebiet der Weißen Elster, müsse man immer wieder neu den Ausgleich mit der Natur finden, schlägt Zochert den Bogen zum künstlerischen Anliegen der Ausstellung. Die Zeiten der Negierung der Natur seien dankenswerterweise vorbei, sagt der Mitvierziger Zochert, der in der Region noch extensiven Braunkohleabbau und giftige Schaumkronen auf den Flüssen erlebt hat.
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